Euro-Office 1.0: Europäische Bürosuite startet gegen US-Dominanz
11.06.2026 - 03:20:17 | boerse-global.de
Ein europäisches Konsortium hat am Dienstag mit Euro-Office 1.0 eine browserbasierte Bürosoftware als souveräne Alternative zu US-Diensten vorgestellt. Doch der Launch in München entfachte eine hitzige Debatte über Dokumentenstandards und technische Herkunft.
Die Suite, ein Fork von OnlyOffice, wurde im Rahmen des Nextcloud Hub 26 Spring-Updates präsentiert. Getragen wird das Projekt von namhaften europäischen Partnern – darunter IONOS, Nextcloud, OpenProject, Open-Xchange, XWiki, Proton und Tuta. Das erklärte Ziel: Europas digitale Unabhängigkeit von amerikanischen Cloud-Giganten stärken.
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Vier Anwendungen für die Zusammenarbeit
Euro-Office 1.0 umfasst vier browserbasierte Kernanwendungen: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation, Präsentationsprogramm und PDF-Editor. Die Software erlaubt Echtzeit-Kollaboration – mehrere Nutzer können gleichzeitig an Dokumenten arbeiten. Lizenziert ist das Paket unter der AGPL-3.0.
Der Fokus liegt zunächst auf der Web-Version. Desktop- und mobile Anwendungen sind laut Konsortium in Entwicklung. Kommerzielle Hosting-Dienste bietet die Firma Office EU an, ein Ableger von EUfforic Europe BV, der bereits ein Early-Access-Programm gestartet hat.
Scharfe Kritik von LibreOffice-Organisation
Die Document Foundation, die Organisation hinter LibreOffice, reagierte umgehend mit deutlicher Kritik. Sie widersprach der Vermarktung von Euro-Office als „erster europäischer Open-Source-Bürosuite" – und verwies auf OpenOffice.org (2001) und LibreOffice (2010) als historische Vorreiter.
Der Hauptkonfliktpunkt: Euro-Office verwendet Microsofts OOXML-Format als Standard. Gründungsmitglied Italo Vignoli bezeichnete das Projekt deshalb als „faktischen Verbündeten von Microsofts Lock-in-Strategie". Wer OOXML statt des offenen OpenDocument-Formats (ODF) priorisiere, untergrabe die digitale Souveränität, die man angeblich fördern wolle.
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Das Euro-Office-Konsortium rechtfertigt die Entscheidung als notwendige Übergangsphase: Nutzer, die von anderen Plattformen wechseln, bräuchten zunächst Kompatibilität. Man arbeite aktiv an besserer ODF-Unterstützung – mit dem Ziel, ODF in künftigen Versionen zum Standard zu machen.
Technische Abhängigkeiten und Code-Herkunft
Auch die technischen Grundlagen sorgen für Diskussionen. Eine Analyse vom Dienstag zeigt: 98,6 Prozent der Dokumentenengine und 99,2 Prozent des Live-Service-Codes stammen aus OnlyOffice-Entwicklungen, die mit russischen Zeitzonen verknüpft sind. Europäische Beiträge machen demnach nur etwa 0,5 Prozent der Codebasis aus.
Das Projekt hatte OnlyOffice im März 2026 geforkt und importiert weiterhin Updates der ursprünglichen Entwickler. Das Konsortium betont jedoch, dass Euro-Office unter europäischer Governance stehe und ein früherer Lizenzstreit mit den OnlyOffice-Entwicklern beigelegt sei.
Integration in Nextcloud und KI-Assistent
Parallel zum Launch erschien Nextcloud Hub 26 Spring, in dem Euro-Office nun als integrierte Option neben Collabora angeboten wird. Nextcloud-Chef Jos Poortvliet betonte, die Erweiterung gebe Nutzern mehr Wahlfreiheit bei ihrer Büroinfrastruktur.
Die aktualisierte Workplace-Plattform enthält zudem einen neuen KI-Assistenten mit Kontext-Agent. Entwickler versichern, das Tool sei konform mit dem EU AI Act und unterstreiche damit die Ausrichtung an europäischen Datenschutz- und Regulierungsstandards.
