EU-Souveränität: Österreich wirbt für Anthropic-Niederlassung in Europa
Veröffentlicht am: 30.06.2026 um 06:06 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Auslöser sind neue US-Exportkontrollen für fortschrittliche KI-Modelle, die europäische Regierungen und die EU-Kommission zu Gegenmaßnahmen zwingen.
Österreich wirbt für KI-Partnerschaft mit Anthropic
Der österreichische Staatssekretär Alexander Pröll hat die EU-Kommission aufgefordert, eine strategische Vereinbarung mit dem KI-Entwickler Anthropic anzustreben. In einem Schreiben an Kommissionsvizepräsidentin Henna Virkkunen vom 29. Juni 2026 schlug Pröll vor, Anthropic über eine Tochtergesellschaft oder ein Datenresidenz-Abkommen in Europa anzusiedeln.
Hintergrund: Das US-Handelsministerium hatte Mitte Juni den Zugang zu fortschrittlichen KI-Modellen für ausländische Nutzer eingeschränkt. Anthropic zog daraufhin seine Modelle „Fable 5" und „Mythos 5" für Nicht-US-Anwender zurück. Die österreichische Initiative zielt darauf ab, europäischen Zugang zu Spitzen-KI zu sichern, der durch wechselnde US-Handelspolitik gefährdet ist.
Neuer Rechtsrahmen für digitale Souveränität
Die plötzliche Beschränkung des KI-Zugangs unterstreicht die Dringlichkeit des EU-Tech-Souveränitätspakets, das die Kommission am 3. Juni 2026 vorgeschlagen hatte. Das Gesetzespaket umfasst den Chips Act 2.0 und den Cloud- und KI-Entwicklungsgesetz (CADA) sowie eine Digitalisierungs-Roadmap für den Energiesektor.
CADA führt vier Sicherheitsstufen für Cloud-Souveränität ein, die Standort, Eigentum und Lieferkettenkontrolle betreffen. Branchenanalysten weisen darauf hin, dass der Rahmen weiterhin die Beteiligung großer US-Cloud-Anbieter erlaubt – vorausgesetzt, sie operieren über europäisch kontrollierte Tochtergesellschaften. Aktuell unterhalten EU-Mitgliedstaaten 3.609 aktive Verträge mit US-Cloud-Riesen wie Microsoft, Amazon und Google im Gesamtwert von rund 10,8 Milliarden Euro.
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Industrie warnt vor Kostenexplosion
Während die Kommission die Abhängigkeit von Nicht-EU-Anbietern reduzieren will – diese liefern derzeit über 80 Prozent der digitalen Schlüsselprodukte in Europa –, melden große Industriekonzerne Bedenken an. Firmen wie Volvo, Stellantis, ASML und Ericsson warnen vor steigenden Betriebskosten durch eine strikte Souveränitätspolitik. Leistung und Kosteneffizienz seien oft wichtiger als die geografische Herkunft der Technologie, so die Unternehmen.
Spanien investiert in heimische KI-Chips
Trotz der Warnungen treiben nationale Regierungen den Ausbau lokaler Infrastruktur voran. Am 29. Juni 2026 gab die spanische Regierung eine Investition von 115 Millionen Euro in Openchip bekannt, ein Unternehmen für Hochleistungs-KI-Prozessoren. Über den staatlichen Fonds SETT erwirbt Madrid einen Anteil von 16,5 Prozent an der Firma, die mit rund 700 Millionen Euro bewertet wird. Bereits zuvor hatte die katalanische Regionalregierung 35 Millionen Euro in Kredite in einen fünfprozentigen Anteil umgewandelt.
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Open Source als strategischer Ausweg
Parallel zu den kommerziellen Exportkontrollen gewinnt Open-Source-KI als Weg zur Autonomie an Unterstützung. Der Präsident von Mozilla hat eine „aufständische Allianz" für Open-Source-Software gefordert, um die Marktdominanz großer Technologiekonzerne zu brechen. Die Sperrung des Mythos-Modells zeige die Risiken proprietärer Abhängigkeiten.
Die Zahlen belegen den Trend: Open-Source-Modelle steigerten ihren Anteil am gesamten Token-Volumen von unter zwei Prozent auf rund 30 Prozent zwischen Ende 2024 und Mitte 2025. Regierungen in Deutschland, Japan, Kanada und Großbritannien unterstützen gemeinsam mit der EU die Open-Source-Entwicklung, um eine zentrale Kontrolle der KI-Infrastruktur zu verhindern. Rumänien setzt diesen Ansatz bereits um: Das Land nutzt ein Open-Source-Modell für seine nationale digitale Identitätsbrieftasche – mit Blick auf Kosteneinsparungen und lokale Anpassungsmöglichkeiten.
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