EU-Souveränität: Kommission plant 320 Milliarden Euro für Tech-Unabhängigkeit
09.06.2026 - 22:11:37 | boerse-global.de
Am heutigen Dienstag stellte sie ein umfassendes Maßnahmenpaket vor, das die Bereiche Halbleiter, Cloud und Künstliche Intelligenz neu ordnen soll. Das Ziel: Bis 2035 sollen europäische Anbieter deutlich mehr Marktanteile erobern.
Vier Säulen für die digitale Unabhängigkeit
Das Paket zur „Europäischen Technologischen Souveränität" ruht auf vier zentralen Pfeilern: einer Neuauflage des Chips Acts, dem „Cloud and AI Development Act" (CADA), einer Open-Source-Strategie sowie einer Roadmap zur Digitalisierung des Energiesektors. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte, die Union dürfe bei grundlegenden Technologien nicht länger von externen Anbietern abhängig sein.
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Chips Act 2.0: Schnellere Genehmigungen und Qualitätssiegel
Ein Kernstück des Pakets ist der Chips Act 2.0. Er führt ein „Gütesiegel" für Halbleiterregionen ein und begrenzt Genehmigungsverfahren für neue Fabriken auf maximal ein Jahr. Die Kommission rechnet damit, dass KI-bezogene Komponenten bis 2030 mehr als 70 Prozent des gesamten Halbleitermarktes ausmachen werden.
Parallel dazu sieht der Cloud- und KI-Entwicklungsgesetz vor, die europäische Rechenzentrumskapazität in den nächsten fünf bis sieben Jahren zu verdreifachen. Das ambitionierte Ziel: 75 Prozent aller EU-Unternehmen sollen bis 2030 Cloud-Edge-Technologien nutzen. Erste Erfolge zeichnen sich bereits ab: Die Zahl der klimaneutralen Edge-Knoten in der EU stieg von 498 im Jahr 2022 auf 1.836 im Jahr 2024. Bis Ende des Jahrzehnts sollen es 10.000 sein.
Neue Regeln für den Cloud-Markt
Die Kommission will den Marktanteil europäischer Cloud-Anbieter von derzeit rund 15 Prozent bis 2035 auf 30 Prozent verdoppeln. Dafür führt das Paket ein vierstufiges Klassifizierungssystem ein, das auf Eigentumsstrukturen, Lieferkettenintegrität und Datenresidenz basiert.
Die höchsten Souveränitätsstufen (Level 3 und 4) bleiben Anbietern vorbehalten, die nicht unter ausländische Gesetze wie den US-amerikanischen CLOUD Act fallen. Bis 2035 sollen 100 Prozent der kritischen öffentlichen Anwendungen auf diesen souveränen Cloud-Diensten laufen. Die Umstellungskosten werden auf 620 Millionen bis vier Milliarden Euro über drei Jahre ab 2030 geschätzt. Langfristig verspricht sich die Kommission jedoch Einsparungen im öffentlichen Sektor von bis zu 61 Milliarden Euro über zehn Jahre.
Europäische Institutionen setzen bereits Zeichen
Der Vorstoß kommt nicht aus dem Nichts. Bereits am 4. Juni tauschte das Europäische Parlament Google als Standardsuchmaschine auf seinen Mitarbeiterrechnern gegen die französische Suchmaschine Qwant aus – mit Verweis auf Datenschutz und digitale Souveränität. Qwant entwickelt derzeit gemeinsam mit Ecosia einen eigenen unabhängigen Index namens „Staan".
Auch nationale Regierungen ziehen nach: Frankreich stellt seine Verwaltungsrechner auf Linux und das Open-Source-Büropaket „LaSuite" um. Die Niederlande migrieren öffentliche Code-Repositorien von GitHub, und Belgien verlagert erste Workloads von AWS. Der Trend ist klar: Immer mehr europäische Staaten wollen sich vor dem rechtlichen Zugriff nicht-europäischer Regierungen auf ihre Daten schützen.
Milliardenschwere Investitionen nötig
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Die Umsetzung der Souveränitätsziele erfordert erhebliche Mittel. Die Kommission veranschlagt 120 Milliarden Euro für den Halbleitersektor und 200 Milliarden Euro für Rechenzentrumsinfrastruktur bis 2036. Zum Vergleich: Europäische öffentliche Einrichtungen geben derzeit rund 264 Milliarden Euro jährlich für IT-Lösungen aus – ein Großteil davon fließt an nicht-europäische Anbieter.
Die wirtschaftlichen Chancen sind enorm: KI-gesteuerte Optimierungen im Energiesektor könnten die Stromkosten für Verbraucher um schätzungsweise 71 Milliarden Euro pro Jahr senken. Insgesamt erwartet die Kommission Einsparungen durch KI-basierte Optimierung in Höhe von bis zu 94 Milliarden Euro jährlich bis 2035.
Um die benötigten Fachkräfte auszubilden, sollen ab 2027 spezielle Qualifikationsprogramme in das Erasmus+-Programm integriert werden. Das Paket ist nun offiziell vorgelegt, muss aber noch mit dem Europäischen Parlament und dem Rat verhandelt werden. Eine endgültige Verabschiedung wird frühestens 2027 erwartet.
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