Erziehung ohne Perfektionismus: Oskar Jenni erklärt, was Kindern wirklich hilft
Veröffentlicht am: 26.09.2026 um 12:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Kinder benötigen für ein gesundes Aufwachsen keine fehlerfreien Bezugspersonen, sondern verlässliche Zuwendung. Wie der Entwicklungspädiater Oskar Jenni in einem Interview mit dem Schweizer Rundfunk SRF erläuterte, schade übertriebener Perfektionismus in der Erziehung. Fehler im Alltag seien vollkommen normal, solange das allgemeine Familienklima warm und liebevoll bleibe.
Hohe Belastung und Druck im familiären Alltag
Viele Mütter und Väter stehen im Alltag unter erheblichem Druck. Laut dem SRF-Interview fühlen sich zwei Drittel der Eltern erschöpft und nervös. Fast 10 Prozent gaben an, es zu bereuen, Kinder bekommen zu haben. Neben generellen Erwartungen führen oft alltägliche Situationen zu Konflikten, etwa das gemeinsame Essen.
Hierbei sollten Eltern nach Einschätzung von Jenni lediglich vorgeben, was auf den Tisch kommt, während die Kinder selbst bestimmen, ob und wie viel sie essen. Bestimmte Nahrungsmittel wie Brokkoli müssten mitunter bis zu 20-mal angeboten werden, sollten jedoch keinesfalls erzwungen werden.
Fachberichte zu typischen Entwicklungsstufen verdeutlichen zudem, dass viele Verhaltensweisen normal sind. So beginnt die Autonomiephase üblicherweise um den 18. Lebensmonat, erreicht ihren Höhepunkt im Alter von zwei bis drei Jahren und dauert meist rund zwei Jahre intensiv an. In Phasen heftiger Wutanfälle werden Ruhe und Co-Regulation statt harter Strafen empfohlen.
Langzeitforschung betont die Bedeutung stabiler Beziehungen
Dass emotionale Stabilität prägend für das spätere Wohlbefinden ist, belegen wissenschaftliche Langzeituntersuchungen. Die renommierten Zürcher Longitudinalstudien begleiten seit 1954 fast 1.000 Menschen und umfassen inzwischen rund 20 Millionen Datenpunkte.
Zwei Drittel der Eltern fühlen sich erschöpft und nervös — doch Kinder brauchen keine fehlerfreien Bezugspersonen, sondern verlässliche Wärme. Wie Sie den Perfektionsdruck aus Ihrem Familienalltag nehmen und mit kleinen Schritten wieder zur Ruhe kommen, zeigt dieser kostenlose Report. Kostenlosen Eltern-Report anfordern
Jenni betonte, dass gute Beziehungen, emotionale Wärme und eine stabile psychische Gesundheit in der Kindheit für die spätere Lebenszufriedenheit von wesentlich größerer Bedeutung seien als rein intellektuelle Fähigkeiten oder schulischer Erfolg.
Gleichzeitig geraten Heranwachsende zunehmend selbst unter Druck. Daten des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigen, dass sich etwa ein Viertel der Schüler durch Leistungsdruck und soziale Veränderungen überdurchschnittlich psychisch belastet fühlt.
Das Deutsche Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung vom März 2026 verdeutlichte das Ausmaß dieser Problematik: 25 Prozent der Kinder in Deutschland weisen demnach psychische Auffälligkeiten auf; bei Mädchen und Jungen aus einkommensschwachen Familien liegt der Anteil bei 31 Prozent.
Warnsignale bei Überlastung und Handlungsansätze
Um die psychische Gesundheit der gesamten Familie zu wahren, ist das frühzeitige Erkennen von Überforderung essenziell. Die Psychologin Eva Asselmann wies darauf hin, dass sich eine anhaltende Belastung oft dadurch bemerkbar mache, dass Betroffene trotz Ruhepausen nicht abschalten können, unter Gereiztheit, Konzentrationsproblemen und schlechtem Schlaf leiden.
Anhaltende Belastung zeigt sich oft erst spät: Sie können trotz Pausen nicht abschalten, sind gereizt, schlafen schlecht. Dieser Leitfaden hilft Ihnen, die Warnsignale bei sich und Ihrem Kind früh zu erkennen und Aufgaben bewusst zu streichen, bevor die ganze Familie ausbrennt. Jetzt Warnsignale erkennen und entlasten
Zur Entlastung empfiehlt Asselmann, offene Aufgaben konsequent aufzuschreiben, Prioritäten festzulegen sowie bestimmte Vorhaben bewusst zu streichen oder auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Zudem könne bereits ein kleiner Schritt zur Stressreduktion beitragen, etwa indem der Tag mit zehn handyfreien Minuten begonnen wird.
