Ernährung: Protein und Insulin entscheiden über Gewicht, nicht Fleisch
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 08:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die wissenschaftliche Debatte um die ideale Ernährungsweise wird zunehmend differenzierter geführt. Während der Verzicht auf Fleisch oft als Universallösung zur Gewichtsreduktion und Gesundheitsförderung dargestellt wird, hinterfragen aktuelle Expertenbeiträge und Studien diese Sichtweise. Im Fokus stehen dabei die Bedeutung von Proteinen, der Einfluss von Insulin sowie die Risiken einseitiger Ernährungsmuster.
Die Bedeutung von Insulin und Proteinen
In der Diskussion um Übergewicht betonen Fachleute, dass nicht Fleisch primär für eine Gewichtszunahme verantwortlich sei. Prof. Dr. Stephan Martin, Chefarzt an den Düsseldorfer Kliniken der Franziskus-Stiftung, vertrat Mitte September 2026 die Position, dass vor allem Insulin, getrieben durch Zucker und Kohlenhydrate, den Fettstoffwechsel beeinflusse.
Laut Martin empfehle die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) einen Kohlenhydratanteil von mindestens 50 Prozent, während Fleisch weiterhin als eine unverzichtbare Proteinquelle gelte.
Auch die Ökotrophologin Eva Kirchberger befasste sich in einem Fachvortrag mit der Bedeutung einer eiweißreichen Ernährung. Dabei stehe die Frage im Raum, wie viel Protein der menschliche Organismus tatsächlich benötige und inwieweit sogenannte „High-Protein“-Produkte den Muskelaufbau fördern.
Eine proteinbetonte Ernährung birgt jedoch auch Risiken: Die Diätologin Barbara Haidenberger wies darauf hin, dass eine hohe Proteinzufuhr ohne ausreichende Zufuhr von basenreichen Lebensmitteln wie Obst und Gemüse die Säurelast im Körper erhöhen könne. Dies könne über Säuresensoren an den Nervenzellen Schmerzreize verstärken. Sie empfiehlt eine Orientierung an der 80/20-Regel, bei der 80 Prozent der Nahrung aus basenbildenden Lebensmitteln bestehen sollten.
Direkter Vergleich: Veganismus versus Fleischkonsum
Ein praktisches Experiment des King’s College London verglich bereits im Zeitraum von Januar bis März 2020 die Auswirkungen einer veganen Ernährung mit einer fleischhaltigen Diät bei den Zwillingen Hugo und Ross Turner. Über einen Zeitraum von zwölf Wochen und bei identischem Training zeigten sich unterschiedliche Resultate.
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Hugo Turner, der sich vegan ernährte, reduzierte sein Gewicht von 84 kg auf 82 kg und senkte seinen Körperfettanteil von 13 auf 12 Prozent. Er berichtete über mehr Energie und sinkende Cholesterinwerte, stellte jedoch auch einen Libido-Verlust fest.
Sein Bruder Ross verzeichnete bei fleischhaltiger Kost einen Zuwachs an Muskelmasse (+4,5 kg) und Fett (+2 kg), wobei seine Cholesterinwerte konstant blieben. Bemerkenswert war, dass bei beiden Teilnehmern die mikrobielle Diversität im Darm zurückging.
Mikronährstoffe und gesundheitliche Risiken
Die Versorgung mit essenziellen Vitaminen bleibt ein zentraler Punkt der Ernährungsforschung. Für Vitamin B12 gibt die DGE Referenzwerte an, die für Erwachsene bei 4,0 µg pro Tag liegen, während Schwangere (4,5 µg) und Stillende (5,5 µg) einen höheren Bedarf haben.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nennt eine Höchstmenge von 25 µg für Nahrungsergänzungsmittel, da laut dem Deutschen Krebsforschungszentrum eine langfristige Einnahme von mehr als 55 µg eventuell das Lungenkrebsrisiko erhöhen kann.
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Weitere Studien untersuchten den Einfluss spezifischer Diäten auf chronische Erkrankungen. Eine US-Studie aus dem August 2026 mit 42 adipösen Erwachsenen verglich die ketogene Diät mit mediterraner und fettarmer Ernährung.
Die ketogene Gruppe (4 % Kohlenhydrate) erzielte mit einem Rückgang des Leberfetts um 67 Prozent die deutlichsten Ergebnisse im Vergleich zu den anderen Gruppen (-45 %). Zudem zeigten 50 Prozent der Teilnehmer in der Keto-Gruppe nach einem Gewichtsverlust von 10 Prozent keinen Prädiabetes mehr.
Langfristige Auswirkungen und institutionelle Ansätze
Forschungsergebnisse des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen aus dem Jahr 2026 deuten darauf hin, dass eine gesunde Ernährung das biologische Altern verlangsamen kann. In einer Analyse von 7.500 Menschen schnitten pflanzliche, mediterrane und nordische Ernährungsweisen gleichermaßen positiv ab.
Dennoch warnen Experten vor verarbeiteten Lebensmitteln. Ein hoher Salzverzehr, der in Industrienationen bei durchschnittlich 10,8 g pro Tag liegt, sowie Transfette und verarbeitetes Fleisch erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen signifikant.
Trotz der komplexen Datenlage gibt es Bestrebungen zur systemischen Umstellung. So beschloss das Studentenparlament der Universität Bern im April 2025 die Umstellung der Mensen auf eine rein pflanzliche Ernährung. Dieser Schritt stieß jedoch auf politische Kritik durch SVP-Stadträte, die das Vorgehen als bevormundend bezeichneten.
Experten wie der Ernährungsmediziner Matthias Riedl raten hingegen zu einer ausgewogenen Balance: Täglich eine Handvoll Nüsse und eine ballaststoffreiche Ernährung können das kardiovaskuläre Risiko deutlich senken, ohne dass ein vollständiger Verzicht auf alle tierischen Produkte zwingend erforderlich ist.
