Embodied AI zeigt AIR in München: Sehnenarm hebt fünf Kilogramm Last
Veröffentlicht am: 07.11.2026 um 09:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deAuf der Fachmesse Humanoid Europe 2026 in München hat das Schweizer Robotik-Unternehmen Embodied AI den Rad-Humanoiden AIR vorgestellt. Das System verfügt über zwei Arme auf einer fahrbaren Basis und ist nach Angaben des Herstellers dafür konzipiert, ohne trennende Schutzzäune direkt an der Seite von Werkspersonal in Produktionsumgebungen eingesetzt zu werden.
Mechanische Nachgiebigkeit statt komplexer Beinkonstruktionen
Bei der Konstruktion setzt das Unternehmen auf funktionale Spezialisierung für industrielle Arbeitsplätze. Da Hallenböden in der industriellen Fertigung in der Regel eben sind, nutzt AIR eine Radbasis anstelle von Beinen. Dies reduziert laut Hersteller die mechanische sowie energetische Komplexität des Gehens.
Zudem sind Motoren, Getriebe und Elektronik im Rumpf des Roboters gebündelt. Die Arme selbst sind leicht konstruiert, sehnengetrieben und geben bei physischem Kontakt mechanisch nach. Diese intrinsische Nachgiebigkeit soll die Sicherheit bei Kollisionen gewährleisten, anstatt sich rein auf softwaregestützte Drehmomentgrenzen zu verlassen.
Nach Angaben des Investors Angelo Burgarello von Look AI Ventures ist der zwei Kilogramm schwere Sehnenarm in der Lage, eine Last von fünf Kilogramm zu heben. Das Systemdesign orientiert sich an der Spezifikation ISO/TS 15066:2016 für kollaborative Robotik.
Eine CE-Kennzeichnung strebt das Unternehmen für 2027 an, da ab dem 20.1.2027 die EU-Maschinenverordnung 2023/1230 gilt; das Konformitätsbewertungsverfahren ist bislang noch nicht abgeschlossen.
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Anlernen per Teleoperation und Flottenbetrieb
Die Entwicklung des Industrieroboters erfolgte nach Unternehmensangaben innerhalb von neun Monaten auf Basis vorangegangener Forschungsprojekte. Der Arbeitsablauf beginnt zunächst mit einer Teleoperation: Eine menschliche Bedienperson steuert neue Arbeitsaufgaben fern, während Schichten und Fahrten aufgezeichnet werden.
Eine autonome Ausführung der jeweiligen Prozesse sei laut Embodied AI typischerweise innerhalb von etwa einem Monat möglich, wobei menschliche Operateure für Ausnahmefälle eingebunden bleiben. Gewonnene Daten sollen sich anschließend über die gesamte Roboterflotte hinweg nutzen lassen.
In bezahlten Testläufen mit ungenannten Herstellern, darunter Partner aus der Unterhaltungselektronik sowie Automobilzulieferer, berichtet das Unternehmen von einer durchschnittlichen Aufgabenerfolgsrate von etwa 95%. Zudem seien globale Verträge mit großen Herstellern unterzeichnet worden.
Eine bereits existierende Zweiarm-Industriezelle des Anbieters wird bereits in europäischen Fertigungen eingesetzt; bei einem Kabelhandling-Test für einen Elektronikhersteller habe diese Zelle eine Zuverlässigkeit von 98% erreicht, während die Zielvorgabe bei 90% gelegen habe.
Gleichwohl nennt das Unternehmen weder konkrete Kunden noch Stückzahlen für AIR. Auch Verkaufspreise, Angaben zur Nutzlast, Produktionskapazitäten sowie feste Liefertermine wurden bislang nicht veröffentlicht, wenngleich Bestellungen im Anschluss an die Münchner Messe möglich sein sollen.
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Wachsender Bedarf trifft auf Hürden bei der Skalierung
Embodied AI entstand 2023 als Spin-out der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) durch Promovierte der EPFL sowie des Massachusetts Institute of Technology (MIT). Geleitet wird das Unternehmen mit Sitz in Lausanne und einem Büro in Rom von CEO Francesco Stella, CTO Kai Junge und COO Max Polzin.
Eine erste institutionelle Finanzierungsrunde wurde von Faber VC angeführt, an der sich unter anderem TechShop Capital, Look AI Ventures, Vento, Plug and Play, Kickfund und Excellis beteiligten.
Die Entwicklung mobiler Manipulatoren gewinnt auch wissenschaftlich an Dynamik: Am 2. November 2026 stellte die Carnegie Mellon University den Forschungsroboter Pixel vor, der über eine omnidirektionale Radbasis, einen Oberkörper mit 17 Freiheitsgraden und Baukosten von unter 15.000 US-Dollar verfügt.
Der Bedarf an flexibler Automatisierung wird durch Personalengpässe verstärkt: Daten von Deloitte und dem Manufacturing Institute zufolge könnten bis 2033 bis zu 1,9 Millionen US-Industriejobs unbesetzt bleiben, während weiterhin über 80% der Arbeitsstunden in Fabriken von Menschen geleistet werden. Laut dem Manufacturing Leadership Council planen 22% der Hersteller den Einsatz physischer KI binnen zwei Jahren, verglichen mit derzeit 9%.
Gleichzeitig verwiesen Branchenvertreter auf der Konferenz invest.austria 2026 am 4. November 2026 darauf, dass der industrielle Nachweis skalierter Einsätze vielfach noch ausstehe und universelle Integrationsbaupläne für neuartige Robotersysteme bislang fehlten.
