Eltern nach der Geburt: Jede fünfte Mutter ist psychisch betroffen
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 03:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Psychische Belastungen während und nach der Schwangerschaft werden in der Gesellschaft oft nicht ausreichend thematisiert. Eine im Mai 2026 durchgeführte Studie von Marketagent im Auftrag von Bipa unter 1.579 Personen verdeutlicht die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und der individuellen Realität werdender Eltern. Demnach sind 78 % der Befragten der Ansicht, dass die psychischen Herausforderungen in dieser Lebensphase zu wenig Beachtung finden.
Unrealistische Bilder und das Schweigen über Erschöpfung
Ein zentraler Faktor für den empfundenen Druck ist die Darstellung von Mutterschaft in der digitalen Welt. 76 % der Studienteilnehmer sehen Mütter durch unrealistische Bilder in sozialen Medien unter Druck gesetzt. Hinzu kommen äußere Einflüsse im unmittelbaren Umfeld: 82 % beobachten, dass Schwangere häufig mit ungefragten Ratschlägen konfrontiert werden.
Diese Erwartungshaltungen führen dazu, dass Belastungen oft verschwiegen werden. Laut den Studienergebnissen sprechen 60 % der befragten Frauen und 51 % der Männer nicht offen über Gefühle der Erschöpfung oder Überforderung. Besonders sensible Themen bleiben tabuisiert.
So gaben jeweils 39 % der befragten Frauen an, dass Wochenbettdepressionen und Zweifel an der eigenen Mutterrolle Themen seien, über die man nicht spreche. Auch körperliche Veränderungen (43 %) sowie die Sexualität während der Schwangerschaft (45 %) werden von einem signifikanten Anteil der Frauen nicht offen thematisiert.
Defizite bei der Informationsvermittlung und Gesundheitsvorsorge
Obwohl sich 73 % der Befragten grundsätzlich gut informiert fühlen, stoßen viele auf Schwierigkeiten bei der Einordnung von Fakten. 57 % der (werdenden) Eltern wünschen sich verlässlichere Informationen, da sie im Beratungsprozess häufig auf Widersprüche stoßen.
Als primäre Informationsquellen dienen für 35 % Gynäkologinnen und Gynäkologen sowie für 29 % Hebammen. Soziale Medien werden von Frauen (17 %) deutlich häufiger zur Information genutzt als von Männern (9 %).
Ein weiterer Aspekt der Vorsorge betrifft die Einnahme von Supplementen. 45 % der Frauen, die aktuell oder in den letzten fünf Jahren schwanger waren, gaben an, Nahrungsergänzungsmittel vorsorglich eingenommen zu haben, ohne ihren tatsächlichen Bedarf genau zu kennen. Dabei empfinden 47 % die damit verbundenen Kosten als finanzielle Belastung.
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Anforderungen an Arbeitswelt und Unterstützungsangebote
Die Studie zeigt eine klare Erwartungshaltung gegenüber Arbeitgebern auf. 86 % der Befragten befürworten mindestens eine verpflichtende Unterstützungsleistung durch das Unternehmen.
Besonders häufig wurden flexible Arbeitszeiten (54 %) sowie die Bereitstellung von Still- und Ruheräumen (31 %) genannt. Dabei zeigen sich generationsübergreifende Unterschiede in der Priorisierung: Während 34 % der Vertreter der Generation Z Mental-Health-Angebote am Arbeitsplatz fordern, liegt dieser Anteil bei den Babyboomern lediglich bei 11 %.
Die Rolle von Fachkräften und spezialisierten Hilfsangeboten
Die Relevanz professioneller Unterstützung wird durch medizinische Statistiken unterstrichen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) ist jede fünfte Mutter nach der Geburt von psychischen Problemen betroffen. Bezogen auf die 654.200 Geburten in Deutschland im Jahr 2025 entspräche dies rechnerisch etwa 130.840 betroffenen Frauen.
Trotz des hohen Bedarfs gibt es strukturelle Hürden bei der Unterstützung. Mütterpflegerinnen bieten zwar Hilfe bei der Kinderbetreuung, im Haushalt und durch emotionale Begleitung an – bundesweit existieren laut dem Verein Mütterpflege Deutschland jedoch nur rund 200 bis 300 solcher Fachkräfte.
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Zudem übernehmen Krankenkassen die Kosten für eine Mütterpflege oft nur unter strengen Voraussetzungen, etwa wenn keine andere im Haushalt lebende Person die Aufgaben übernehmen kann.
Für den Austausch in schwierigen Situationen entstehen vermehrt niederschwellige Angebote. Ein Beispiel ist das Sternenkinder-Café in Lärz, das Trauernden nach dem Verlust eines Kindes einen geschützten Raum bietet. Ein Treffen ist dort für den 29. September 2026 im Backhaus auf dem ehemaligen Pfarrgrundstück geplant. Solche Angebote sind meist unabhängig von der Konfession und dienen der unverbindlichen Vernetzung betroffener Familien.
