Gewichtsstigmatisierung, Elternschaft

Übergewichtige Eltern: Forscherin zeigt Druck und Ausgrenzung im Familienalltag

Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Eltern mit hohem Körpergewicht erleben nach den Interviews einer Frankfurter Forscherin besonderen Druck und Ausgrenzung. Die Flensburgerin Jolyn Muijsers berichtet, wie Vorurteile ihren Familienalltag prägten.

Judith Pape-Greif forscht zu übergewichtigen Eltern. Ein Thema: Die Ernährung. (Symbolbild)  - Bild: Jan Woitas/dpa
Judith Pape-Greif forscht zu übergewichtigen Eltern. Ein Thema: Die Ernährung. (Symbolbild) - Bild: Jan Woitas/dpa

Eltern mit hohem Körpergewicht erleben nach einer Untersuchung der Frankfurter Wissenschaftlerin Judith Pape-Greif häufig Ausgrenzung und Zweifel an ihrer Erziehungsfähigkeit.

Erfahrungen im Familienalltag

Für ihre Dissertation im Fachbereich Soziale Arbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences interviewte Pape-Greif sechs Mütter und vier Väter. Eine von ihnen ist Jolyn Muijsers aus Flensburg. Die 44-Jährige wog in schweren Zeiten 140 Kilogramm und hat inzwischen 30 Kilogramm abgenommen.

Muijsers erzählt von einer Achterbahnfahrt, bei der der Sicherheitsbügel nicht schloss und sie mit ihrem protestierenden Kind aussteigen musste. Strandtage habe sie vermieden, weil sie sich nicht im Badeanzug habe zeigen wollen. Zugleich habe sie darauf geachtet, dass Pausenbrote und Geburtstagskuchen in der Familie nicht ungesünder gewesen seien als anderswo.

Druck, eine «gute Mutter» zu sein

Muijsers sagt, sie habe immer den Druck gespürt, eine besonders gute Mutter sein zu müssen, weil man ihr das Muttersein nicht zutraue. Wenn eines ihrer Kinder im Bus quengelte, habe sie befürchtet, andere Fahrgäste würden aus ihrem Gewicht auf fehlende Kontrolle über die Kinder schließen.

Die Niederländerin studierte Psychologie und Pädagogik und arbeitet als Gleichstellungsbeauftragte einer Hochschule. Ihre Söhne sind 15 und 17 Jahre alt. Sie sagt: «Dünnsein ist keine Leistung, Dicksein kein Versagen.»

«Mit ihnen sprechen und nicht über sie»

Pape-Greif ließ die Befragten ihre Erfahrungen frei erzählen. «Es wird viel über dicke Eltern gesprochen und geschrieben - ich wollte mit ihnen sprechen und nicht über sie», sagt die 35-Jährige. Nach Abschluss ihrer Dissertation ging sie in Elternzeit; im kommenden Jahr will sie ihre Arbeit als Buch veröffentlichen.

In den Gesprächen fand die Forscherin ein breites Spektrum individueller Erfahrungen, zugleich aber viele gemeinsame Erlebnisse von Ausgrenzung. Eltern mit hohem Körpergewicht stünden unter besonderer Beobachtung, erklärt sie. Ihre Erziehungs- und Fürsorgekompetenz werde wegen ihres Körpergewichts oft infrage gestellt.

Angst vor dem Urteil anderer

Muijsers berichtet, sie habe sich bei Elternabenden gefragt, ob ihre Kinder sich für sie schämen könnten. Besonders störe sie, dass Übergewicht mit der Unterschicht gleichgesetzt werde. Bei einem Kinderarzt habe sie sich zudem unter besonderen Rechtfertigungsdruck gesetzt gefühlt. Ein als Scherz gemeinter Kommentar über Süßigkeiten habe sie nicht entlastet.

Nach Darstellung der Forscherin erleben die Befragten neben offener Diskriminierung auch einen erhöhten Druck, ihre Elternschaft zu rechtfertigen. Familiengründung werde bei Menschen mit hohem Körpergewicht mitunter als Nachweis gesellschaftlicher Normalität verstanden.

Gewicht als persönlicher Belastungsfaktor

Muijsers ist seit der Schulzeit mit ihrem Mann zusammen; das Paar hat zwei Kinder. Sie sagt, ihr Gewicht sei ein großer Faktor – nicht für ihren Mann, aber für sie selbst. Mit einem neu gekauften Rennrad will sie ihre körperliche Aktivität ausbauen und ihr Gewicht zumindest halten.

Stigma im Familienalltag

Die geschilderten Erfahrungen stehen für ein Problem, das über einzelne unbedachte Bemerkungen hinausgeht: Körpergewicht wird häufig mit Disziplin, Gesundheit und sozialem Status verknüpft. Bei Eltern kann daraus eine doppelte Bewertung entstehen. Nicht nur ihr Aussehen, sondern auch ihre Fürsorge- und Erziehungskompetenz werden beurteilt.

Besonders sichtbar wird der Druck in Situationen, in denen Eltern ohnehin beobachtet werden – etwa in öffentlichen Verkehrsmitteln, bei Arztbesuchen, in Schulen oder bei Freizeitaktivitäten. Die Sorge, den eigenen Kindern peinlich zu sein oder als schlechte Mutter beziehungsweise schlechter Vater zu gelten, kann dazu führen, dass Familien gemeinsame Unternehmungen vermeiden. Damit wird Stigmatisierung zu einer konkreten Einschränkung von Teilhabe.

Gesundheitspolitische Bedeutung

Übergewicht ist zugleich ein medizinisches Thema, das individuell und ohne pauschale Schuldzuweisungen betrachtet werden muss. Gewicht wird von vielen Faktoren beeinflusst, darunter Veranlagung, psychische Belastungen, Medikamente, Lebensbedingungen und Zugang zu Bewegung oder ausgewogener Ernährung. Ein respektvoller Umgang ist deshalb auch für die Gesundheitsversorgung entscheidend: Beschämung kann Vertrauen in Ärztinnen und Ärzte schwächen und notwendige Gespräche erschweren.

Für Familien bedeutet die Debatte, dass Unterstützung nicht bei der äußeren Erscheinung ansetzen sollte. Relevant sind erreichbare Bewegungsangebote, alltagstaugliche Beratung und eine Umgebung, in der Kinder und Eltern nicht auf ihr Gewicht reduziert werden. Die Forschung von Judith Pape-Greif richtet den Blick dabei auf eine Gruppe, über die häufig gesprochen wird, deren eigene Erfahrungen aber seltener im Mittelpunkt stehen.

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