Eisenmangel: ASH-Leitlinien heben Ferritin-Grenzwert für Erwachsene auf 30 ng/ mL
Veröffentlicht am: 03.11.2026 um 17:26 Uhr | Redaktion boerse-global.deEisenmangel zählt weltweit zu den häufigsten Mangelerscheinungen und betrifft schätzungsweise zwei Milliarden Menschen – rund jeden dritten Erdenbürger. Allein in den USA sind etwa 10 Millionen Erwachsene betroffen, während bis zu 70 Prozent der Fälle in Hochrisikogruppen unentdeckt bleiben.
Um bestehende Diagnoseunsicherheiten zu verringern, veröffentlichte die Amerikanische Hämatologische Gesellschaft (ASH) am 16. September 2026 neue klinische Leitlinien, die den Ferritin-Test als zentralen Standard bestätigen und deutlich höhere Schwellenwerte für die Feststellung eines Mangels ansetzen. Die Fachzeitschrift JAMA griff diese aktualisierten Richtlinien am 23. Oktober 2026 auf.
Höhere Ferritin-Schwellen für Diagnostik und Risikogruppen
Die Leitlinienvorsitzende der ASH, Dr. Jacquelyn M. Powers, verwies bei der Veröffentlichung auf die Notwendigkeit klarer Vorgaben in Bereichen, in denen bislang ein fachlicher Konsens fehlte. Die Empfehlungen basieren nach Angaben der Fachgesellschaft überwiegend auf Evidenz mit niedriger Sicherheit, heben die diagnostischen Grenzwerte jedoch über mehrere Alters- und Risikobereiche hinweg spürbar an:
- Kinder von 9 Monaten bis 4 Jahren: Der Ferritin-Grenzwert liegt nun bei höchstens 20 ng/mL, nachdem zuvor Werte von maximal 12 ng/mL als Schwelle dienten.
- Erwachsene, Menstruierende und Schwangere: Hier wurde der Schwellenwert von ehemals 15 ng/mL auf nunmehr höchstens 30 ng/mL angehoben. Zum Vergleich empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiterhin einen Ferritin-Wert von unter 15 ng/mL für Schulkinder und Erwachsene.
- Personen mit erhöhtem Risiko: Für Menschen mit starken Menstruationsblutungen, Schwangere mit Anämie sowie Personen mit veganer Ernährung oder langfristiger Einnahme von Antazida wird ein Grenzwert von höchstens 50 ng/mL angesetzt.
- Erwachsene mit Entzündungen: Da Ferritin als Akute-Phase-Protein bei entzündlichen Prozessen ansteigen und ein Defizit verdecken kann, gilt bei bestehender Entzündung ein Ferritin-Wert von unter 100 ng/mL oder eine Transferrinsättigung von unter 20 Prozent als diagnostisches Kriterium.
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Eine Messung der Transferrinsättigung sollte laut ASH idealerweise nach einer Nüchternphase von fünf bis neun Stunden erfolgen. Niedrige Eisenspeicher können zudem auch bei völlig normalem Blutbild ohne manifeste Anämie auftreten. Ein erniedrigter Ferritin-Wert bedeute jedoch nicht automatisch eine zwingende Supplementierung; die Behandlung müsse sich stets nach der zugrunde liegenden Ursache und dem allgemeinen Zustand richten.
Besondere Anfälligkeit im Leistungssport
Die Problematik unzureichender Eisenspeicher zeigt sich auch im Sportbereich. Medizinischen Erhebungen zufolge liegt die Prävalenz von Eisenmangel bei Sportlerinnen bei 15 bis 35 Prozent, während Sportler zu 3 bis 11 Prozent betroffen sind. In der Allgemeinbevölkerung bewegen sich diese Raten dagegen bei 10 bis 14 Prozent bei Frauen sowie 1 bis 4 Prozent bei Männern.
Die Dynamik intensiver Belastungen belegt zudem eine im Fachjournal International Journal of Sport Nutrition and Exercise Metabolism veröffentlichte Untersuchung an 24 Elite-Rugbyspielerinnen während eines fünfwöchigen Trainingslagers. Im Verlauf dieses Camps sank der Ferritin-Wert der Athletinnen im Schnitt um rund 16 Prozent, bei Sportlerinnen ohne anfänglichen Mangel sogar um 25 Prozent.
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Der Anteil der Spielerinnen mit Eisenmangel verdoppelte sich im Untersuchungszeitraum von etwa einer von vier auf fast die Hälfte. Zugleich zeigte sich, dass Ferritin und Hämoglobin über den Menstruationszyklus hinweg keine signifikanten Schwankungen aufwiesen, weshalb Bluttests vierteljährlich und zyklusunabhängig erfolgen können.
Aspekte der Therapie und Ausblick
Bei festgestelltem Mangel empfiehlt die ASH eine orale Eisengabe, die häufig jeden zweiten Tag verabreicht wird, um die Verwertung zu begünstigen. Diese sollte nach einer Normalisierung der Hämoglobinwerte noch für etwa sechs Monate fortgesetzt werden.
Eine intravenöse Eisengabe bleibt Fällen mit Unverträglichkeiten, fortgesetztem Blutverlust oder akutem Auffüllbedarf vorbehalten. Für das Jahr 2027 kündigte die Fachgesellschaft zudem die Ausarbeitung eines sogenannten Iron Deficiency Blueprint sowie darauf aufbauender, neuer Behandlungsleitlinien an.
