Eisenmangel: ASH hebt Ferritin-Grenzwerte für Kinder und Erwachsene an
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 00:44 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Diagnose eines Mangels an lebenswichtigem Eisen steht vor einer Neuausrichtung. Die American Society of Hematology (ASH) hat im September 2026 aktualisierte Leitlinien vorgelegt, die eine deutliche Anhebung der diagnostischen Grenzwerte für das Speicherprotein Ferritin vorsehen.
Ziel dieser Anpassung ist es, Defizite im Körper wesentlich früher zu identifizieren, bevor eine manifeste Blutarmut entsteht. Bisherige Standard-Blutbilder und historische Referenzwerte erfassen viele Betroffene nicht, obwohl bereits erhebliche Beschwerden vorliegen können.
Deutlich höhere Schwellenwerte für Ferritin im Blut
Nach den Richtlinien der Fachgesellschaft gelten künftig differenzierte Grenzwerte für die Ferritinkonzentration. Für Kinder liegt die Schwelle bei höchstens 20 ng/mL, während für die meisten Erwachsenen ein Wert von höchstens 30 ng/mL angesetzt wird. Zuvor empfahl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Grenzwert von unter 15 ng/mL.
Für Personengruppen mit besonderen Risikofaktoren empfiehlt die American Society of Hematology sogar Schwellenwerte von bis zu 50 ng/mL. Dies betrifft Personen mit starken Menstruationsblutungen, vegetarischer Ernährungsweise oder einer länger andauernden Einnahme von Antazida.
Bei vorliegenden entzündlichen Erkrankungen wird der Grenzwert auf höchstens 100 ng/mL angehoben. Da Ferritin als Akute-Phase-Protein bei Entzündungen ansteigen kann, gilt der Ferritintest zwar weiterhin als Goldstandard, bei entzündlichen Prozessen muss laut den Empfehlungen jedoch zusätzlich die Transferrinsättigung herangezogen werden.
Forscher warnen davor, dass zu niedrige Grenzwerte dazu führen, dass Mangelzustände unbemerkt bleiben. Bisherige Routinescreenings bei Schwangeren und Kindern verpassen über 70 Prozent der Fälle. Dass das Problem weit verbreitet ist, verdeutlichte bereits eine im Jahr 2024 veröffentlichte Untersuchung: Demnach könnte fast ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung in den USA von einem Eisenmangel bedroht sein.
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Vielfältige Symptome treten bereits vor einer Anämie auf
Ein zentrales Motiv für die neuen Grenzwerte ist die Tatsache, dass funktionelle Beeinträchtigungen lange vor einer klassischen Anämie einsetzen. Nach Angaben von Fachleuten wie Dr. Ariela Marshall von der University of Minnesota erkennt ein einfaches Blutbild diese frühen Phasen oft nicht.
Zu den typischen Beschwerden, die sich bereits ohne verminderten Hämoglobinwert manifestieren können, zählen chronische Erschöpfung, kognitive Trübungen, Schwindel, Schwäche, Kurzatmigkeit, Herzklopfen sowie kalte Extremitäten, Haarausfall, das Syndrom der unruhigen Beine und ein spezifisches Verlangen nach Eis.
Eine wissenschaftliche Untersuchung der University of Toronto aus dem Jahr 2025 verglich die Beschwerdemuster betroffener Frauen und bestätigte diesen Befund. Während bei einer bereits ausgeprägten Anämie Symptome wie starke Atemnot, Druckgefühl in der Brust und Schwindel beim Aufstehen dominierten, litten Frauen mit isoliertem Eisenmangel vor allem unter Müdigkeit, brüchigen Nägeln, Haarausfall, kognitiven Einschränkungen und Stimmungsklagen.
Mediziner betonen in diesem Zusammenhang, dass sich ein Mangel nicht verlässlich an äußeren Merkmalen wie Augenringen oder blasser Haut festmachen lässt, da solche Merkmale unspezifisch sind. Bei anhaltender Erschöpfung raten Fachärzte daher zu einer laborchemischen Abklärung des Ferritinwerts statt zu voreiligen Selbstdiagnosen.
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Ursachenforschung und Herausforderungen in der Schwangerschaft
Zu den primären Ursachen für ein Absinken der Eisenspeicher gehören Blutverluste durch die Menstruation oder Magen-Darm-Erkrankungen wie Zöliakie sowie intensiver Sport. Ein besonders hoher Bedarf besteht während einer Schwangerschaft.
Die PREDIN-Studie, die im Zeitraum von 2020 bis 2024 an 89 schwangeren Frauen durchgeführt wurde, verdeutlicht die Dynamik dieses Nährstoffbedarfs: Ein Ferritinwert von unter 15 µg/L stieg im Studienverlauf von 15 Prozent im ersten Trimester auf 39 Prozent im dritten Trimester an.
Legte man einen Schwellenwert von unter 30 µg/L zugrunde, stieg der Anteil von 53 Prozent auf 83 Prozent. Gleichzeitig erhöhte sich die Quote einer manifesten Anämie von 6 Prozent auf 23 Prozent. Obwohl 85 Prozent der Teilnehmerinnen bis zur 32. Schwangerschaftswoche Eisenpräparate verordnet bekamen, blieb fast ein Viertel der Frauen im letzten Schwangerschaftsdrittel anämisch.
Moderne Ansätze bei der oralen Einnahme von Eisenpräparaten
Wird ein Mangel festgestellt, können orale Präparate die Speicher über Wochen bis Monate wieder auffüllen. Allerdings zeigen wissenschaftliche Untersuchungen, dass traditionelle Einnahmeschemata oft nicht optimal wirken.
Studien weisen darauf hin, dass die Resorption von Eisen durch das körpereigene Hormon Hepcidin gesteuert wird. Eine Untersuchung von Stoffel und Kollegen, die 2017 im Fachjournal Lancet Haematology erschien, belegt den physiologischen Vorteil einer Einnahme im Abstand von 48 Stunden: Bei einer alternierenden Gabe von Ferrosulfat lag die Absorptionsrate bei 21,8 Prozent pro Dosis, verglichen mit 16,3 Prozent bei täglicher Zufuhr. Dies führte zu einer um 34 Prozent höheren kumulativen Eisenaufnahme.
Mediziner weisen zudem darauf hin, dass hochdosierte oder mehrfach tägliche Einnahmen die Resorption über das Hepcidin-System blockieren und häufiger zu gastrointestinalen Beschwerden wie Übelkeit oder Verstopfung führen. Daher empfehlen Fachleute, die Dosierung und Intervalle ärztlich abzustimmen und Präparate bei Beschwerden nicht eigenmächtig abzusetzen.
