Einsamkeit in Baden-Württemberg: 56 Organisationen gründen Landesbündnis
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 03:30 Uhr | Redaktion boerse-global.deZur Bekämpfung sozialer Isolation haben sich in Baden-Württemberg zahlreiche gesellschaftliche und politische Akteure zusammengeschlossen. Im Stuttgarter Hospitalhof kamen 56 Organisationen aus Politik, Wohlfahrtsverbänden, dem Gesundheitswesen und den Kommunen zum Gründungsauftakt des Bündnisses gegen Einsamkeit zusammen.
Ziel des Zusammenschlusses ist die Erarbeitung einer umfassenden Landesstrategie, um bestehende Angebote zu vernetzen und betroffene Menschen gezielter zu unterstützen.
Daten belegen die Verbreitung sozialer Isolation
Wie dringend der Handlungsbedarf im Land ist, verdeutlichen aktuelle Erhebungen. Nach Angaben von Sozialminister Oliver Hildenbrand fühle sich mehr als ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger im Land einsam. Er betonte, das Phänomen müsse aus der Tabuzone geholt und durch ein abgestimmtes Vorgehen angegangen werden.
Auch die Bertelsmann-Stiftung beziffert den Anteil der Betroffenen in Baden-Württemberg auf mehr als ein Drittel, das sich moderat oder stark einsam fühlt.
Detaillierte Einblicke liefert die Untersuchung Einsamkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt der Bertelsmann-Stiftung. Demnach fühlen sich rund 30 Prozent der Menschen im Südwesten einsam und etwa 8 Prozent sehr einsam.
Die Erhebung weist darauf hin, dass die sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die persönliche Wohnsituation sowie der individuelle Gesundheitszustand einen starken Einfluss auf das Einsamkeitsrisiko haben.
Zudem wies Marlen Niederberger, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, darauf hin, dass die Sterblichkeitsrate bei einsamen Menschen um 26 Prozent über dem allgemeinen Durchschnitt liege.
Breite Allianz und bestehende Modellprojekte
Am 2. November 2026 setzten sich die Teilnehmenden in 14 Workshops mit spezifischen Herausforderungen auseinander. Diskutiert wurden unter anderem Quartierskonzepte und Begegnungsorte, die Gestaltung des Übergangs in den Ruhestand sowie Einsamkeitsrisiken am Arbeitsplatz.
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Ergänzend präsentierte ein Markt der Möglichkeiten 18 bereits laufende Initiativen. Das Ministerium für Soziales, Arbeit und Gesundheit Baden-Württemberg bekräftigte dabei das Vorhaben, eine landesweite Strategie zu erarbeiten und bereits existierende Projekte zu bündeln.
Zu den Unterzeichnenden der Gründungsurkunde gehört neben vier Landesministerien und mehreren Verbänden auch der Verband der Wohnungswirtschaft Baden-Württemberg (vbw). Als Gründungsmitglied verwies der Paritätische Baden-Württemberg auf zehn Handlungsempfehlungen der Bertelsmann-Studie. Diese fordern insbesondere, lokale Nachbarschaften und Kommunen zu stärken sowie die Vereinsarbeit und das Ehrenamt gezielt zu fördern.
Das Sozialministerium Baden-Württemberg hatte bereits im Vorjahr Vorarbeiten geleistet: Neben der finanziellen Unterstützung der Bertelsmann-Studie zeichnete das Ministerium Projekte in einem landesweiten Ideenwettbewerb aus.
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Zu den prämierten Initiativen zählten der Mothers Social Club des Vereins Frauen helfen Frauen Heidelberg, das Projekt Zuhörräume des Mütterforums BW sowie das Angebot Treffpunkt Gaming des Landesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter.
Fachliche Ansätze und Handlungsmöglichkeiten
Fachleute weisen darauf hin, dass das Alleinsein differenziert betrachtet werden muss. Silke Naab, Chefärztin für Psychosomatik an der Schön Klinik Roseneck, bewertet bewusst verbrachte Zeit mit sich selbst als grundsätzlich positiv und geeignet, die eigene Selbstwirksamkeit zu stärken.
Bereits kleinere Aktivitäten wie ein Spaziergang, der Besuch eines Cafés oder ein Gang über den Wochenmarkt könnten hilfreich sein. Kritisch werde es bei einer dauerhaften gedrückten Stimmung, dem Gefühl, anderen zur Last zu fallen, sowie bei anhaltender Lust- und Antriebslosigkeit, was typische Warnsignale für einen problematischen sozialen Rückzug darstelle.
Als oft unterschätzte Möglichkeit hob Sabine Diabaté vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung das Reaktivieren früherer persönlicher Kontakte hervor. Zudem verwies sie auf den sogenannten Lasso-Ansatz, der sich aus den Elementen Zuhören, Aktivität, Selbstfürsorge und Unterstützung sowie der Zuwendung zu anderen zusammensetzt, und erinnerte an Hilfsangebote wie die Telefonseelsorge unter der kostenfreien Rufnummer 0800 111 0 111.
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