Einsamkeit, Frauen

Einsamkeit: Frauen ab 50 verlieren drei gesunde Jahre, Männer mehr als zwei

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 19:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Untersuchungen verbinden fehlende soziale Kontakte mit weniger krankheitsfreien Jahren, mehr depressiven Symptomen und Veränderungen im Alltag.

Einsamkeit und Isolation: Studien zeigen Folgen für Gesundheit und Alltag
Eine einsame Parkbank in einem weitläufigen, leeren Park an einem bewölkten Herbsttag. Illustration mit AI erstellt.

Soziale Isolation und Einsamkeit kosten Menschen offenbar mehrere Jahre gesunder Lebenszeit – das legen mehrere aktuell diskutierte Studien nahe, die unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und Altersklassen untersucht haben. Die Befunde reichen von verkürzter krankheitsfreier Lebenszeit über erhöhtes Depressionsrisiko bis zu strukturellen Veränderungen im Alltag, etwa durch Homeoffice oder den Rückgang von Vereinsmitgliedschaften.

Studie mit über 277.000 Teilnehmenden aus der UK Biobank

Eine in Nature Communications veröffentlichte Analyse stützt sich auf Daten von 277.489 Erwachsenen aus der UK Biobank, die bei Studienbeginn zwischen 40 und 69 Jahre alt waren und im Schnitt 13 Jahre lang beobachtet wurden. Alle Teilnehmenden waren zu Beginn frei von sieben untersuchten Erkrankungen.

Die Ergebnisse zeigen: Ab einem Alter von 50 Jahren hatten sozial isolierte und einsame Frauen im Vergleich zu gut sozial eingebundenen Frauen durchschnittlich drei krankheitsfreie Jahre weniger, bei Männern waren es 2,2 Jahre. Bei psychischen Erkrankungen fiel der Unterschied noch deutlicher aus: Frauen fehlten 3,7, Männern 5,8 krankheitsfreie Jahre.

Ein gesunder Lebensstil konnte die Folgen sozialer Isolation den Daten zufolge etwas abfedern, half jedoch gegen das subjektive Gefühl der Einsamkeit kaum. Die Autoren weisen darauf hin, dass es sich um eine Beobachtungsstudie ohne Kausalitätsbeweis handelt, Einsamkeit und Isolation nur einmalig per Selbstauskunft erfasst wurden und die UK Biobank nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist.

Verbindung zu Depression und kognitivem Abbau

Bereits 2023 hatte der US Surgeon General vor den Gesundheitsrisiken fehlender sozialer Verbundenheit gewarnt und sie mit dem Rauchen von 15 Zigaretten täglich verglichen, wie die NZZ in einem Bericht vom 1. Oktober 2026 aufgriff.

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Eine prospektive Kohortenstudie mit 2.780 Erwachsenen ab 45 Jahren über sieben Jahre ergab, dass stärkere soziale Isolation einen schnelleren Anstieg depressiver Symptome vorhersagte (?=0,21; p<0,001) sowie einen stärkeren kognitiven Abbau.

Bei 2.211 zu Studienbeginn depressionsfreien Teilnehmenden waren sowohl Einsamkeit (adjustierte Hazard Ratio 2,15) als auch starke Isolation (aHR 1,89) unabhängig voneinander mit neu auftretender Depression verbunden.

Traten beide Faktoren gemeinsam auf, stieg das Risiko auf eine aHR von 3,05. Ein darauf basierendes Vorhersagemodell erreichte einen AUC-Wert von 0,821, wobei Einsamkeit sich als wichtigster Prädiktor erwies. Die Daten stammen aus der chinesischen Langzeitstudie CHARLS.

Deutschland: Einsamkeit über Altersgruppen hinweg

Eine Analyse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung auf Basis der FReDA-Befragung 2021/2022 mit knapp 30.000 Teilnehmenden zeigt, dass 29,6 Prozent allgemeine Einsamkeit berichteten, 35,8 Prozent soziale und 24,3 Prozent emotionale Einsamkeit.

Auf einer Skala von 0 bis 3 lagen die adjustierten Mittelwerte allgemeiner Einsamkeit bei 1,48 für die Gruppe der 46- bis 51-Jährigen und bei 1,39 für 18- bis 25-Jährige. Jüngere berichteten dabei häufiger emotionale Einsamkeit, Ältere häufiger soziale Einsamkeit.

Die erste Migrationsgeneration war den Ergebnissen zufolge besonders stark mit sozialer Einsamkeit assoziiert, depressive Verstimmung dagegen eher mit emotionaler Einsamkeit. Die Befunde wurden auf dem DEGAM-Kongress 2026 vorgestellt.

Ältere Menschen und familiäre Strukturen

Eine repräsentative Befragung von Pro Senectute zu Beziehungen im Alter ergab, dass 36 Prozent der über 60-Jährigen zumindest manchmal Gesellschaft vermissen – hochgerechnet mehr als 800.000 Menschen, rund 140.000 davon häufig. 71 Prozent der ab 60-Jährigen leben in einer Partnerschaft, 83 Prozent dieser Beziehungen bestehen seit über 20 Jahren.

Häufiges Vermissen von Gesellschaft gaben 11 Prozent der Verwitweten gegenüber 3 Prozent der Verheirateten an. Besonders betroffen seien zudem Geschiedene, Getrennte und Menschen mit niedrigem Einkommen. Rund die Hälfte der Alleinstehenden schließt laut der Befragung eine neue Partnerschaft grundsätzlich aus.

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Als mögliche Folgen nennt Pro Senectute sozialen Rückzug, depressive Verstimmungen, Bewegungsmangel und unausgewogene Ernährung, was die Anfälligkeit für Erkrankungen erhöhen könne. Als Gegenmaßnahmen werden persönliche Kontakte, freiwilliges Engagement sowie kostenlose, niedrigschwellige Begegnungsangebote genannt.

In Deutschland lebten laut Statistischem Bundesamt 2025 rund 17,3 Millionen Menschen allein – 34,4 Prozent der ab 65-Jährigen und 55,8 Prozent der mindestens 85-Jährigen. Dennoch fühlten sich laut Deutschem Alterssurvey 2025 Menschen ab 76 Jahren im Durchschnitt seltener einsam als 43- bis 55-Jährige.

Zudem nannten 59,0 Prozent der 46- bis 64-Jährigen und 36,8 Prozent der 76- bis 85-Jährigen mindestens vier Nachbarn, die sie um kleine Gefallen bitten könnten. Nach Daten des Alterssurveys 2023 hatten rund 20,2 Millionen Menschen mindestens ein Enkelkind, mehr als ein Drittel von ihnen beteiligte sich an deren Betreuung.

Der Anteil der 60- bis 90-Jährigen mit mindestens einem Kind am selben Ort sank zwischen 2002 und 2014 und blieb danach stabil. Ende 2023 wurden laut Pflegestatistik knapp neun von zehn Pflegebedürftigen zu Hause versorgt.

Homeoffice und schwindende Vereinsstrukturen

Eine US-Studie mit über 588.000 Beschäftigten, veröffentlicht Ende September 2026, zeigte, dass Homeoffice mit mehr Zeit allein einherging, besonders bei Alleinlebenden. Die damit verbundene Isolation korrelierte mit mehr Stress und einer höheren Wahrscheinlichkeit, professionelle psychische Unterstützung zu suchen.

Über einen Zeitraum von 13 Jahren entfiel demnach etwa ein Drittel des gesamten Anstiegs psychischer Belastung und der zunehmenden Nutzung von Mental-Health-Angeboten in den USA auf soziale Isolation im Homeoffice.

Eine weitere Untersuchung mit 7.704 Beschäftigten einer Gesundheitsorganisation fand jedoch bei vollständig remote Arbeitenden höheres subjektives Wohlbefinden und höhere Jobzufriedenheit als bei hybriden oder vor Ort Arbeitenden – ein Hinweis darauf, dass die Effekte stark von individuellen Umständen abhängen.

Parallel dazu verändern sich auch gesellschaftliche Strukturen, die früher soziale Kontakte erleichterten: Laut Schweizer Sportobservatorium sank die Zahl der Sportvereine von 27.090 im Jahr 1996 auf 18.310 im Jahr 2020.

Aufmerksamkeit für das Thema

Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) rief erneut zur Kampagne „JA zum Alter" auf, um auf die gesellschaftliche Bedeutung des Themas aufmerksam zu machen.

Die vorliegenden Studien aus unterschiedlichen Ländern und Altersgruppen zeichnen insgesamt ein konsistentes Bild: Soziale Isolation und Einsamkeit sind mit messbaren gesundheitlichen Folgen verbunden, auch wenn die genauen Wirkmechanismen und die Reihenfolge von Ursache und Wirkung in Beobachtungsstudien nicht abschließend geklärt werden können.

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de | wissenschaft | 70217407 |