Alkoholverzicht: 42 Prozent mussten sich schon rechtfertigen
Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSErfahrungen mit Alkohol im sozialen Alltag
- Die Pronova-BKK-Umfrage erfasste 1.228 Frauen und Männer ab 18 Jahren.
- 38 Prozent trinken mindestens einmal pro Woche Alkohol.
- 46 Prozent verließen schon einmal eine Feier wegen stark betrunkener anderer Gäste.
Alkoholverzicht löst in Deutschland häufig Erklärungsdruck aus
42 Prozent der Menschen in Deutschland mussten sich nach einer Umfrage bereits dafür rechtfertigen, keinen Alkohol zu trinken. Zugleich gaben 46 Prozent an, eine Feier oder Party schon einmal wegen zu betrunkener anderer Gäste vorzeitig verlassen zu haben.
Alkohol bleibt für viele Teil des Feierns
Die Krankenkasse Pronova BKK ließ für die Studie «Alkohol in Alltag, Familie und Beruf» im Juli und August bundesweit 1.228 Frauen und Männer ab 18 Jahren online befragen. 86 Prozent der Befragten trinken demnach generell Alkohol, 38 Prozent konsumieren mindestens einmal pro Woche alkoholische Getränke.
Bei Männern greift laut Umfrage jeder Zweite mindestens wöchentlich zu Glas oder Flasche. Bei Frauen ist es etwas mehr als jede Vierte. 39 Prozent nannten als Grund, dass Alkohol bei bestimmten Anlässen einfach dazugehöre.
Verzicht wird als Abgrenzung wahrgenommen
Die Wirtschaftspsychologin und Pronova-BKK-Referentin für Gesundheitsförderung Patrizia Thamm erklärte, Alkohol sei in Deutschland stark in soziale Situationen eingebunden. Gemeinsames Trinken könne als Ritual Verbundenheit signalisieren, während Verzicht als Abgrenzung wahrgenommen werde.
Fast jeder oder jede Dritte habe sich bereits mehrfach erklären müssen, weil sie oder er einen Drink abgelehnt habe. Thamm sagte, nicht der Alkoholverzicht sei fragwürdig, sondern die gesellschaftliche Erwartung, dass Trinken der Normalfall sei.
Viele erleben betrunkene Menschen als Belastung
Trotz des verbreiteten Eigenkonsums empfindet laut Studie fast die Hälfte den Alkoholkonsum anderer zumindest gelegentlich als unangenehm. Jede oder jeder Dritte gab an, schon mindestens einmal von einer alkoholisierten Person angegriffen worden zu sein.
Mehr als jede dritte Frau wurde der Umfrage zufolge bereits von einer alkoholisierten Person sexuell belästigt. Bei mehr als der Hälfte dieser Frauen kam dies mehrfach vor. Auch 19 Prozent der männlichen Befragten berichteten von entsprechenden Erlebnissen.
Streeck warnte vor gesundheitlichen Risiken
Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck hatte wenige Monate zuvor kritisiert, über die Risiken von Alkohol werde oft zu spät und zu vorsichtig gesprochen. Alkohol könne Krebs begünstigen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern, süchtig machen und Familien schwer belasten.
Streeck erklärte damals, weniger Alkohol bedeute für viele Menschen keinen Verzicht, sondern einen Gewinn an Gesundheit, Freiheit und Lebensqualität. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen rief dazu auf, den eigenen Alkoholkonsum zu hinterfragen, zu senken oder ganz darauf zu verzichten.
Die Umfrage beschreibt einen Widerspruch im Umgang mit Alkohol: Einerseits gilt Trinken in vielen sozialen Situationen als selbstverständlich, andererseits berichten zahlreiche Befragte von belastenden Erfahrungen mit alkoholisierten Menschen. Besonders deutlich wird dieser Gegensatz beim Verzicht. Wer keinen Alkohol trinkt, weicht damit nicht nur von einer Konsumgewohnheit ab, sondern kann aus Sicht anderer auch eine soziale Erwartung verletzen.
Die genannten Zahlen ordnen den Alkoholkonsum zugleich als verbreitetes Alltagsverhalten ein. Dass viele Befragte Feiern und gemeinsames Trinken miteinander verbinden, erklärt, warum eine Ablehnung häufig als begründungspflichtig wahrgenommen wird. Die Studie verweist damit auf Gruppendruck, ohne daraus abzuleiten, dass alle Trinkenden problematisch konsumieren.
Gesundheit und Schutz vor Übergriffen
Die berichteten Erlebnisse mit betrunkenen Personen zeigen jedoch die konkrete gesellschaftliche Kehrseite. Frühere Abgänge von Feiern, Angriffe und sexuelle Belästigungen betreffen nicht nur Menschen mit riskantem Eigenkonsum, sondern auch Außenstehende. Für Betroffene kann die Debatte deshalb über individuelle Gesundheitsentscheidungen hinausgehen und Fragen nach Schutz, Rücksichtnahme und Verantwortlichkeit berühren.
Für den Alltag bedeutet das: Alkoholfrei zu bleiben sollte weder erklärt noch sozial sanktioniert werden müssen. Zugleich kann eine weniger selbstverständliche Trinkkultur dazu beitragen, Risiken früher wahrzunehmen und problematischen Konsum nicht erst dann anzusprechen, wenn bereits gesundheitliche oder soziale Folgen eingetreten sind.
