Einbeinstand, Sekunde

Einbeinstand: Jede zusätzliche Sekunde senkt das Sturzrisiko um 5 Prozent

Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 23:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Einbeinstand, Aufstehtests und klinische Verfahren helfen, Gleichgewicht, Muskelkraft und mögliche Sturzgefahren einzuschätzen.
Ein heller, leerer Therapieraum mit Holzboden und neutraler Gestaltung, der Platz für Bewegungsübungen bietet. Illustration mit AI erstellt.

Fachleute empfehlen kurze, gerätefreie Tests wie das Stehen auf einem Bein oder das Aufstehen ohne Hände, um Veränderungen der körperlichen Stabilität, altersbedingte Fragilität und das persönliche Sturzrisiko frühzeitig zu erkennen.

Stürze gelten bei Menschen über 65 Jahren als die zweithäufigste verletzungsbedingte Todesursache. Da Kraft- und Gleichgewichtsverluste schleichend beginnen, bieten funktionelle Bewegungstests Medizinern und Betroffenen eine unkomplizierte Möglichkeit, den Funktionsstatus ohne apparativen Aufwand einzuschätzen.

Der Einbeinstand als Indikator für Koordination und Stabilität

Der zehnsekündige Einbeinstand fordert das komplexe Zusammenspiel von Muskeln, Gelenken, Nervenbahnen, Augen, Innenohr und Gehirn. Dr. David Cutler von Providence Saint John stuft ein Halten der Position über 30 Sekunden als sehr gutes Gleichgewicht ein. Ein Wert zwischen 10 und 30 Sekunden deute auf eine beginnende Verschlechterung hin, die beobachtet werden sollte.

Zeiten unter 10 Sekunden gelten besonders bei älteren Personen als deutlich eingeschränkt. Gelingt der Test überhaupt nicht, wird dies als Warnsignal für ein hohes Sturzrisiko und drohenden Funktionsverlust gewertet, was eine fachliche Abklärung erfordert.

Laut Dr. Uma Darji halten die meisten gesunden Menschen unter 70 Jahren die Position für mindestens 10 Sekunden. In der Altersgruppe zwischen 71 und 75 Jahren scheiterten dagegen 54 Prozent an dieser Marke. Einen universellen Altersgrenzwert gibt es nicht, da schlechtere Werte neben Muskelschwäche auch durch Sehstörungen, Erkrankungen des Innenohrs, Gelenkschmerzen, Nervenschäden oder Nebenwirkungen von Medikamenten hervorgerufen werden können.

Tate Hinkle hebt hervor, dass der Test nicht als reines Selbstdiagnose-Tool gedacht ist. Personen mit einer Vorgeschichte von Stürzen, unsicherem Gang, Gehhilfen oder häufigem Schwindel sollten derartige Versuche nur unter Aufsicht durchführen. Zur Verbesserung von Balance und Kraft eignen sich gezielte Übungen für Beine und Hüfte, regelmäßiges Gehen, Tanzen sowie moderates Cardiotraining.

Eine in der Fachzeitschrift BMC Geriatrics veröffentlichte und von der FAPESP geförderte Untersuchung mit 153 Teilnehmern im Alter von 60 bis 89 Jahren verglich unterschiedliche Testformate. Die Ergebnisse zeigten, dass eine Überprüfung mit nur zwei Positionen – Tandem- und Einbeinstand über jeweils 30 Sekunden – das Sturzrisiko für das folgende halbe Jahr verlässlich vorhersagte.

Jede zusätzliche Sekunde, die Probanden in diesen Ständen verharren konnten, verringerte das Sturzrisiko in den folgenden sechs Monaten um 5 Prozent. Der klassische Test über 10 Sekunden identifizierte in der Studie hingegen vorrangig schwere Fälle und erfasste ein moderates Risiko weniger präzise.

Aufsteh-Tests zur Messung von Beinkraft und funktionellem Abbau

Neben dem Gleichgewicht im Stand gibt die Fähigkeit zum Aufstehen verlässliche Hinweise auf den Erhalt der Muskulatur. Der Geriatrie-Spezialist Alexej Unkowski verweist auf zwei pragmatische Erhebungen: Beim fünfmaligen Aufstehen und Setzen von einem normalen Stuhl mit vor der Brust verschränkten Armen weisen Zeiten von mehr als 15 Sekunden auf verminderte Muskelkraft und Muskelabbau hin.

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Zudem nennt Unkowski den Einbeinstand mit um 90 Grad gebeugtem Knie- und Hüftgelenk als Kriterium; wer diese Position keine 10 Sekunden halten kann, sollte sich weiteren Untersuchungen unterziehen. Fachmediziner setzen laut Unkowski zur ergänzenden Abklärung altersbedingter Veränderungen auch auf Gefäßuntersuchungen sowie Messungen der Sauerstoffeffizienz unter Belastung.

Der standardisierte 30-Sekunden-Aufsteh-Test dokumentiert die Anzahl vollständiger Bewegungsabläufe vom Stuhl mit verschränkten Armen und sicherem Fußkontakt. Dieses Verfahren bildet Muskelkraft, Balance und Beweglichkeit ab. Als Richtwerte gelten für Männer Anfang 60 etwa 14 Wiederholungen, während Männer Ende 80 im Schnitt etwa acht Wiederholungen erreichen. Das Verfahren kann auch bei jüngeren Personen eingesetzt werden.

Eine anspruchsvollere Variante stellt der in den 1990er-Jahren von brasilianischen Forschern konzipierte Sitting-Rising-Test dar, der das Hinsetzen auf den Boden und das Wiederaufstehen ohne Zuhilfenahme der Hände prüft. Er beansprucht Kraft, Koordination und die Beweglichkeit der Gelenke.

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Eine im European Journal of Preventive Cardiology veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2014 dokumentierte einen direkten Zusammenhang zwischen schlechteren Resultaten in diesem Test und einer erhöhten Gesamtmortalität.

Zur Vorbereitung und Steigerung der Mobilität empfiehlt Coach Yancy Culp sogenannte Knee Rolls: Aus sitzender Position werden die Knie bei am Boden verbleibenden Füßen 20 Mal täglich kontrolliert von einer Seite zur anderen geführt, gefolgt von einer Neigung des Oberkörpers nach vorne.

Umfassende klinische Erhebungen und frühe Warnzeichen

Für eine detailliertere klinische Einschätzung bei Senioren und neurologischen Patienten kommt der Tinetti-Test (Performance-Oriented Mobility Assessment) zum Einsatz. Das gerätefreie Instrument unterteilt sich in einen Balanceteil mit maximal 16 Punkten und einen Gangteil mit maximal 12 Punkten.

In die Gesamtwertung von höchstens 28 Punkten fließen unter anderem Aufstehen, freier Stand, eine 360-Grad-Drehung, Schrittlänge, Symmetrie und Rumpfstabilität ein.

Ein Gesamtwert von unter 19 Punkten signalisiert ein hohes Sturzrisiko, das engmaschige Begleitung und therapeutische Maßnahmen verlangt. Eine methodische Einschränkung liegt in der subjektiven Beobachtung, die geringfügige Veränderungen im Frühstadium mitunter nicht erfasst.

Nach Einschätzung von Samuel Chew vom Changi General Hospital kann eine zunehmende Anstrengung beim gewohnten Aufstehen vom Stuhl oder aus dem Auto bereits im Alter von 30 oder 40 Jahren ein erstes Indiz für beginnende Frailty darstellen. Frühzeitig erkannt gelte dieser Zustand als umkehrbar.

Die Rheumatologin Laura Berbel vom Hospital Universitari de Bellvitge erläutert, dass die reine Muskelmasse ab dem 40. Lebensjahr physiologisch um etwa 8 Prozent pro Dekade abnimmt, was nicht unmittelbar mit Sarkopenie gleichzusetzen sei. Die vorhandene Muskelkraft besitze für das Sarkopenierisiko eine höhere Aussagekraft als das reine Muskelvolumen.

Als Warnsignale nennt Berbel Probleme beim Treppensteigen, beim Heben von Lasten, wiederholte Stürze oder Knochenbrüche nach Bagatellstürzen. Solche Fragilitätsfrakturen treten typischerweise ab dem 50. Lebensjahr auf, wobei in der Altersgruppe von 50 bis 65 Jahren das Handgelenk am häufigsten betroffen ist.

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