EASEE-Hirnschrittmacher, Epilepsie-Anfälle

EASEE-Hirnschrittmacher: Epilepsie-Anfälle sanken bei 26 Patienten um 68 Prozent

Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 15:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien berichten über weniger epileptische Anfälle und untersuchen Nervenstimulation bei Schmerzen, Depressionen und weiteren Beschwerden.
Abstrakte Darstellung eines leuchtenden neuronalen Netzwerks in Blau- und Grüntönen vor einem dunklen, unscharfen Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Neue Entwicklungen in der Medizintechnik und Neurobiologie rücken die gezielte Beeinflussung des Nervensystems verstärkt in den Fokus. Aktuelle Berichte thematisieren den Einsatz von Hirnschrittmachern und Geräten zur Vagusnerv-Stimulation, um sowohl neurologische Erkrankungen als auch Störungen der emotionalen Regulation zu behandeln.

Das Spektrum reicht von chirurgischen Implantaten über Systeme zur Heimanwendung bis hin zu Ansätzen, die über das parasympathische Nervensystem auf psychische Beschwerden einwirken.

Epikranielle Fokusstimulation und KI-Assistenz bei Epilepsie

In der Neurologie gewinnen minimalinvasive Hirnschrittmacher zunehmend an Bedeutung. Bei der epikraniellen Fokusstimulation mit dem EASEE-System konnte bei Betroffenen eine Reduktion epileptischer Anfälle beobachtet werden. Eine Zweijahresauswertung bei 26 auswertbaren Patienten ergab einen Rückgang der Anfallshäufigkeit im Median um 68 %.

Etwa 65 % der Teilnehmenden erzielten mindestens eine 50-prozentige Verringerung der Anfälle, wobei die Untersuchung ohne Kontrollgruppe durchgeführt wurde. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnten bis zu 70 % der Epilepsie-Patienten unter einer geeigneten medikamentösen Therapie anfallsfrei leben.

Eine exakte Erfassung der Episoden bleibt in der Praxis eine Hürde: Eine Beobachtungsstudie aus dem Jahr 2025 registrierte bei 10 Erwachsenen über rund 15 Monate insgesamt 754 Anfälle, von denen 52 % nicht in herkömmlichen Patiententagebüchern vermerkt waren.

Um die Auswertung zu verbessern, startete im September 2026 das auf zwei Jahre angelegte Forschungsprojekt CLOUDIA des Universitätsklinikums Freiburg und des Unternehmens Precisis. Das dort entwickelte System soll als KI-Assistenz zur Auswertung von Hirnaktivitätsdaten dienen, stellt jedoch keine vollautomatische Steuerung dar.

Stimulation des Vagusnervs über das Ohr

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Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Reizung des Vagusnervs, um das vegetative Nervensystem zu modulieren. Ein Forschungsteam um Prof. Dr. Elmar Peuker von der Hochschule Fresenius und Prof. Dr. Timm Filler von der Universität Düsseldorf untersucht Nervenfasern des Vagusnervs in der Ohrmuschel mittels immunhistochemischer Färbetechniken, aufbauend auf einer Untersuchung zur Ohrnervenstruktur von 2001. Ziel der Wissenschaftler ist die Entwicklung kopfhörerähnlicher Geräte für den Gehörgang, die chronische Schmerzen und Depressionen lindern sollen.

Laut der Deutschen Schmerzgesellschaft leiden über 17 % der Menschen in Deutschland an chronischen Schmerzen, während die AOK den Anteil depressiver Störungen mit rund 12,5 % beziffert.

Auf einen ähnlichen Ansatz setzt das Industrial Technology Research Institute (ITRI), das eine digitale Therapie gegen generalisierte Angststörungen vorgestellt hat. Über eine Reizung am Ohr soll das parasympathische Nervensystem aktiviert werden, um Hirnstamm und präfrontalen Kortex zu erreichen.

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Das Verfahren kombiniert Herzratenvariabilität, Photoplethysmographie und Cloud-Analysen, um Behandlungen in Echtzeit anzupassen; klinische Prüfungen dauern an. Nach Eigenangaben des Herstellers Nuropod nutzt dessen tragbares Gerät eine Reizung des Tragus mit einer speziellen Wellenform.

Das Unternehmen bewirbt Verbesserungen von Magen-Darm-Symptomen um durchschnittlich 80 %, einen Anstieg der Vagusnerv-Aktivität um 61 % sowie eine um 45 % verbesserte autonome Balance und verweist auf mehr als 60 klinische Studien sowie über 10 Millionen US-Dollar an Forschungsinvestitionen.

Parasympathikus-Aktivierung und physiologische Wirkmechanismen

Dass eine gezielte Beeinflussung des Nervensystems auch über nicht-apparative Techniken möglich ist, zeigen wissenschaftliche Übersichtsarbeiten. Eine Meta-Analyse aus dem Fachjournal Psychiatry and Clinical Neurosciences aus dem Jahr 2022 belegt, dass Personen mit Angststörungen im Ruhezustand eine verminderte parasympathische Aktivität aufweisen.

Eine weitere Meta-Analyse aus demselben Jahr in Neuroscience & Biobehavioral Reviews, die mehr als 200 Studien einbezog, stellte fest, dass verlangsamtes Atmen mit vier bis sieben Atemzügen pro Minute Anzeichen parasympathischer Aktivität steigert.

Eine Studie aus dem Jahr 2023 in Cell Reports Medicine dokumentierte bei täglichem, fünfminütigem zyklischem Seufzen über einen Monat deutliche Stimmungsverbesserungen, während eine Untersuchung an 23 Personen aus dem Jahr 2023 in Cureus stressreduzierende Effekte bei einer Summ-Atmung nachwies.

Eine Übersichtsarbeit von 2023 in Psychophysiology zeigte zudem, dass Gesichtskühlung die vagale Aktivität am Herzen erhöhen kann, wenngleich die Gesamtevidenz begrenzt bleibt.

Auch in anderen Indikationen wird die Neurostimulation erforscht. Die RESET-RA-Studie in Nature Medicine untersuchte die Vagusnerv-Stimulation bei 242 Patienten mit rheumatoider Arthritis: Nach drei Monaten erreichten 35,2 % der aktiv stimulierten Gruppe ein ACR20-Ansprechen gegenüber 24,2 % in der Scheinstimulationsgruppe.

Bei prämenstruellen dysphorischen Störungen (PMDS) spielen laut der Magdeburger Neurowissenschaftlerin Maria Kühne Allopregnanolon, ein verändertes Serotonin-System sowie eine überaktive Amygdala bei verminderter präfrontaler Regulation eine Rolle. Die Vagusnerv-Stimulation wird in diesem Kontext derzeit als möglicher Ansatz wissenschaftlich untersucht.

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