Duftstoffe: 1,6 Millionen Deutsche reagieren allergisch – neue Regeln ab Juli
10.06.2026 - 22:49:00 | boerse-global.de
Die gesundheitlichen Auswirkungen dieser chemischen Substanzen führen zu weitreichenden regulatorischen Anpassungen.
Verschärfte Kennzeichnungspflichten für Duftstoffe
Schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen in Deutschland reagieren allergisch auf Duftstoffe, etwa 9 Millionen sind empfindlich. Für die rund 8 Millionen Asthmatiker im Land bedeuten Beduftungen eine erhebliche Belastung.
Der Markt ist ökonomisch bedeutend: Global werden jährlich etwa 11,6 Milliarden Euro mit Duftstoffen umgesetzt, rund 500 Millionen Euro entfallen auf Deutschland. Allein für Raumdüfte gaben Verbraucher 2020 zirka 474 Millionen Euro aus.
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Ab dem 31. Juli 2026 müssen Kosmetikhersteller nun 80 stark allergieauslösende Duftstoffe einzeln auf Verpackungen deklarieren. Bisher galt diese Pflicht nur für 26 Stoffe. Für bereits im Handel befindliche Produkte gilt eine Abverkauffrist bis Juli 2028.
Produkte mit Formaldehyd müssen künftig spezifische Warnhinweise tragen. Bestimmte Silikone und PFAS-Verbindungen sollen schrittweise aus der Produktion verschwinden.
Die Umweltbelastung ist beträchtlich: 2019 lag die Abwasserbelastung durch Duftstoffe bei 11.308 Tonnen. Organisationen wie der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) fordern daher einen generellen Verzicht auf Beduftung öffentlicher Räume.
TFA: Neue Einstufung als fortpflanzungsgefährdend
Ein bedeutender Wendepunkt zeichnet sich bei der Trifluoressigsäure (TFA) ab. Der Risikoprüfausschuss der Europäischen Chemikalienbehörde (ECHA) empfahl im Juni 2026, TFA als fortpflanzungsgefährdend in Kategorie 1B einzustufen.
Die Bewertung basiert auf einem deutschen Vorschlag von BAuA, Umweltbundesamt und BfR vom Mai 2025. TFA ist ein Abbauprodukt von PFAS-Verbindungen – extrem langlebig und hochmobil im Wasserkreislauf.
In Tierversuchen mit Kaninchen und Ratten wurden bei hohen Konzentrationen Fehlbildungen, verminderte Spermienqualität sowie Schäden an Leber und Schilddrüse beobachtet. Die Substanz ist bereits jetzt häufig im Grundwasser nachweisbar, oft über geltenden Grenzwerten.
Die Quellen sind vielfältig: Industrieanlagen, Kältemittel wie R1234yf sowie bestimmte Pestizide. Nach Berechnungen des Umweltbundesamtes setzen PFAS-Pestizide in Deutschland potenziell bis zu 434 Tonnen TFA pro Jahr frei. Mit der neuen Einstufung könnten viele dieser Pestizide die Zulassungsvoraussetzungen nicht mehr erfüllen.
Gesundheitsrisiken durch Reinigungsmittel und Weichmacher
Auch herkömmliche Haushaltschemikalien stehen unter Beobachtung. Eine Langzeitstudie der Universität Bergen untersuchte über 20 Jahre die Auswirkungen von Reinigungssprays. Ergebnis: Regelmäßige Nutzung kann bei Frauen zu einer Abnahme der Lungenfunktion führen – vergleichbar mit dem Konsum von 20 Zigaretten täglich. Besonders kritisch: Sprühreiniger, Lufterfrischer und stark duftende Produkte.
Ein weiteres Forschungsfeld betrifft Phthalate. Das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin (IPA) entwickelte eine neue Methode, mit der über 20 Phthalate und Ersatzweichmacher im Urin nachgewiesen werden können.
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In der KiSA-Studie in Nordrhein-Westfalen wurde das verbotene DnHexP in proben von Kindergartenkindern identifiziert. Die Spitzenbelastungen stiegen von 46,2 µg/L (2020/21) auf 76,0 µg/L (2023/24). Als Ursache stellte sich der UV-Filter DHHB in Sonnenschutzmitteln heraus – etwa die Hälfte der getesteten DHHB-haltigen Produkte wies Verunreinigungen mit DnHexP auf.
Belastung der Umwelt: Steigende Kosten für Trinkwasser
Die chemische Belastung von Böden und Wasser stellt Trinkwasserversorger vor wachsende Herausforderungen. Seit Januar 2026 gelten verschärfte PFAS-Grenzwerte für Trinkwasser. Branchenvertreter warnen vor massiven Kostensteigerungen für die notwendige Reinigung.
Die Entfernung von Stoffen wie TFA aus dem Wasserkreislauf gilt als technisch aufwendig und teuer.
In Baden-Württemberg sind allein in den Regionen Rastatt, Baden-Baden und Mannheim rund 1.700 Hektar Ackerflächen mit PFAS verseucht. Das Umweltministerium fördert Forschungsansätze zur Bodenreinigung mit 1,2 Millionen Euro. Die Projekte der Universität Stuttgart und des DVGW-Technologiezentrums Wasser untersuchen Methoden wie Wärmebehandlung, Mikroben-Einsatz sowie spezielle Drainagesysteme zum Grundwasserschutz.
