DIHK-Umfrage, Firmen

DIHK-Umfrage: 94 Prozent der Firmen sehen mangelnde Ausbildungsreife

Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 17:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Unternehmen berichten von Defiziten bei Grundfertigkeiten, während Lehrstellen unbesetzt bleiben und digitale Kompetenzen positiv bewertet werden.

Ausbildung in Deutschland: Betriebe melden große Lücken bei Bewerbern
Ein leerer, aufgeräumter Werkstattraum mit minimalistischen Werkbänken in einer Industriehalle bei natürlichem Lichteinfall. Illustration mit AI erstellt.

Der Übergang von der Schule in das Berufsleben wird für Ausbildungsbetriebe und Jugendliche in Deutschland zu einer wachsenden Belastungsprobe. Aktuelle Erhebungen aus der Wirtschaft verdeutlichen eine deutliche Kluft zwischen den schulischen Voraussetzungen der Bewerber und den betrieblichen Anforderungen. Viele Unternehmen reagieren mit Sorge auf Defizite bei grundlegenden Fertigkeiten, während gleichzeitig Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben.

Defizite bei Basiskompetenzen treffen auf digitale Stärken

Nach Ergebnissen einer Umfrage der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) unter 14.000 Unternehmen, die mehr als drei Millionen Betriebe vertreten, verzeichnen 94 Prozent der Befragten eine mangelnde Ausbildungsreife beim beruflichen Nachwuchs. Betriebe berichten demnach, dass Bewerber vermehrt an grundlegenden Anforderungen wie Mathematik, Deutschkenntnissen und Verlässlichkeit wie Pünktlichkeit scheitern.

Zugleich zeigt die Erhebung ein differenziertes Bild: Bei den IT- und Medienkompetenzen äußerten sich 87 Prozent der befragten Firmen zufrieden mit den Jugendlichen. Auch das verbreitete Vorurteil, die Generation Z wolle grundsätzlich weniger arbeiten, wies der Wirtschaftswissenschaftler Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) als unzutreffend zurück.

Die strukturellen Probleme beginnen oft bereits im Schulsystem. Laut dem Bildungsmonitor der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) verlassen 18,8 Prozent der jungen Menschen in Deutschland die Schule ohne Abschluss. Der INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben bezeichnete diesen Befund als Armutszeugnis für den hiesigen Bildungsstandort.

Betriebliche Folgen und offene Lehrstellen

Die Verunsicherung schlägt sich auf das Ausbildungsangebot nieder. Laut DIHK-Erhebung bieten 29 Prozent der teilnehmenden Firmen im Jahr 2026 weniger Lehrstellen an als noch im Vorjahr 2025. Viele Ausbildungsplätze bleiben derweil gänzlich unbesetzt.

Eine Erhebung der Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg ergab, dass 47,5 Prozent der Betriebe im Landkreis Kassel für das angelaufene Ausbildungsjahr nicht alle vorgesehenen Stellen vergeben konnten.

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Kleine und mittelständische Unternehmen spüren diesen Druck im Alltag. Bei der WTL-Formenbau GmbH in Lohfelden mit 28 Mitarbeitern kamen früher fünf Bewerber auf eine Stelle; mittlerweile verzeichnet der Betrieb nur noch eine Bewerbung für zwei freie Plätze.

Bei einer Abbrecherquote von derzeit rund 50 Prozent strich das Unternehmen formale Einstellungstests. Das Ingenieur- und Vermessungsbüro Brauroth & Haxter aus Kaufungen mit 13 Beschäftigten bot drei Jahre lang eine Ausbildung im bürokaufmännischen Bereich an, beendete das Programm jedoch, nachdem kein Anwärter die Ausbildung abschloss.

Auch soziale Einrichtungen wie die Evangelische Altenhilfe Gesundbrunnen in Ahnatal verzeichnen Engpässe: Von 15 möglichen Ausbildungsplätzen in der Pflege ist nur die Hälfte belegt, von denen wiederum die Hälfte bis zum Abschluss durchhält.

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Im Berliner Maurerbetrieb Gierke liegt die Chance, dass ein Lehrling dem Betrieb als Geselle erhalten bleibt, bei 10 Prozent, obwohl Azubis neben 1100 Euro Vergütung vom Betrieb zusätzlich 600 Euro tarifliche Aufwandsentschädigung erhalten.

Initiativen zur Festigung von Arbeitstugenden

Aufgrund der Ausfälle versuchen Betriebe verstärkt, Basiskompetenzen vorab oder begleitend zu trainieren. Laut einer Firmenumfrage der Zeitung WELT gewinnen klassische Tugenden wie Disziplin und Zuverlässigkeit für Berufseinsteiger wieder an erheblichem Wert und entwickeln sich zum Karrierevorteil.

Dass elementare Verhaltensweisen im Berufsalltag trainiert werden müssen, zeigt auch das Beispiel der US-Organisation Genesys Works, die seit 2002 über 14.000 Jugendliche vorbereitet hat.

Die Teilnehmer durchlaufen vor einem bezahlten Praktikum einen achtwöchigen Kurs, der Pünktlichkeit, das Weglegen von Mobiltelefonen während Besprechungen sowie professionelle E-Mail-Kommunikation ohne Abkürzungen vermittelt. Hinzu kommen Module zu Bewerbungsgesprächen und dem regelkonformen Umgang mit Künstlicher Intelligenz, etwa der Schutz vertraulicher Unternehmensdaten.

Für deutsche Ausbildungsbetriebe wächst der Druck, ähnliche Unterstützungsstrukturen zu etablieren, um die Lücke zwischen Schule und betrieblicher Praxis zu schließen.

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de | wissenschaft | 70199568 |