Digitalisierung: 73% der Deutschen fordern mehr Tempo
02.06.2026 - 05:05:59 | boerse-global.deEine repräsentative Umfrage zeigt: Die große Mehrheit der Deutschen ist mit dem Tempo der Digitalisierung unzufrieden. Besonders ältere Bürger fürchten, abgehängt zu werden.
Bürger verlieren die Geduld
Zwischen Mitte April und Mitte Mai 2026 wurden 1.005 Menschen befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: 73 Prozent der Deutschen fordern mehr Geschwindigkeit bei der digitalen Transformation. Zum Vergleich: 2024 waren es noch 59 Prozent. Die Ungeduld wächst rasant.
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46 Prozent der Befragten empfinden das Tempo als viel zu langsam, weitere 27 Prozent als eher langsam. Nur noch zehn Prozent halten das aktuelle Tempo für angemessen – ein deutlicher Rückgang gegenüber 16 Prozent im Jahr 2024. Lediglich 13 Prozent glauben, die Entwicklung gehe zu schnell (2024: 22 Prozent).
Die Angst, den Anschluss zu verlieren, nimmt zu. 45 Prozent der Bevölkerung fürchten, mit dem technologischen Fortschritt nicht Schritt halten zu können. Besonders betroffen: ältere Menschen. Während nur 35 Prozent der 16- bis 29-Jährigen besorgt sind, sind es bei den über 75-Jährigen ganze 67 Prozent. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede zeigen sich: 49 Prozent der Frauen äußern solche Ängste, aber nur 40 Prozent der Männer.
Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst sieht in den Zahlen „einen Auftrag, die Teilhabe zu erhöhen und das Tempo zu steigern". Der nationale Digitaltag am 26. Juni 2026 soll hierfür ein Zeichen setzen.
Milliardenfonds bleibt liegen
Dabei fehlt es nicht an Geld – sondern am Willen, es auszugeben. Ein 500-Milliarden-Euro-Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz über zwölf Jahre steht bereit. Doch die Umsetzung hakt gewaltig.
Die Zahlen des Finanzministeriums sprechen eine deutliche Sprache: 2025 wurden von geplanten 37,2 Milliarden Euro nur 24 Milliarden ausgegeben. Ende Mai 2026 waren von 107 geplanten Meilensteinen erst 26 erreicht. Im laufenden Jahr wurden bis zum 30. April von 39,7 Milliarden Euro lediglich 11,2 Milliarden abgerufen – das entspricht einer Quote von 28 Prozent.
Besonders kritisch: Der Breitbandausbau liegt 1,6 Milliarden Euro unter den Zielvorgaben, die Digitalisierung der Schiene sogar 1,3 Milliarden Euro.
Finanzminister Klingbeil plant offenbar einen Bonus-Malus-Mechanismus: Ministerien, die ihre Mittel nicht rechtzeitig ausgeben, sollen mit Kürzungen rechnen – das Geld würde dann anderen Ressorts zugeteilt.
Unternehmen hinken hinterher
Auch die Privatwirtschaft tut sich schwer. Eine Studie unter 207 Finanzvorständen (CFOs) aus dem DACH-Raum zeigt: Die Digitalisierung im Finanzwesen steckt noch in den Kinderschuhen. Weniger als die Hälfte der Unternehmen nutzt Künstliche Intelligenz für automatisierte Berichte. Jeder vierte Betrieb hat noch keine Richtlinien für den Einsatz großer Sprachmodelle.
Als Haupthemmnisse nennen die CFOs Budgetbeschränkungen und fehlendes Fachwissen. Die Mitarbeiter selbst stehen der Digitalisierung übrigens weniger im Weg als oft behauptet.
Besonders alarmierend: Seit Anfang 2025 sind Unternehmen verpflichtet, elektronische Rechnungen zu empfangen. Trotzdem nutzen 21 Prozent weiterhin Word oder Excel für die Rechnungsstellung. Nur 25 Prozent fühlen sich gut vorbereitet auf die ab Ende 2026 geltende Pflicht, E-Rechnungen auch zu versenden – betroffen sind Firmen mit Jahresumsätzen über 800.000 Euro. 63 Prozent der Unternehmen verstehen die entsprechenden Vorschriften nicht vollständig.
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BDI fordert grundlegende Reformen
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schlägt Alarm. Die Industrieproduktion sinkt seit 2022, die Kapazitätsauslastung liegt bei 75 Prozent – eine Erholung ist für den Rest des Jahres 2026 nicht in Sicht.
Der BDI hat einen Expertenkreis eingesetzt, der Maßnahmen für eine modernere Staatsverwaltung erarbeiten soll. Schätzungen zufolge könnte der deutsche Bruttoinlandsprodukt jährlich um 2,7 Prozent steigen, wenn die Verwaltungsdigitalisierung das Niveau Dänemarks erreichte. Aktuell müssen deutsche Unternehmen mit mehr als 200 verschiedenen Behörden pro Jahr zusammenarbeiten – ein Paradebeispiel für überfällige Digitalisierung.
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