Digitalisierung, Bundesprojekte

Digitalisierung: 69% der Bundesprojekte in Umsetzung, doch Föderalismus bremst

Veröffentlicht: 09.07.2026 um 06:18 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Bitkom-Monitor zeigt 69 Prozent der Digitalprojekte gestartet, doch Bürokratie und Föderalismus bremsen die Umsetzung vor Ort.

Digitalisierung in Deutschland: Fortschritt und Hindernisse im Juli 2026
Digitalisierung - Digitales Netzwerk über dem Reichstagsgebäude, symbolisiert Herausforderungen in deutschen Bundes-IT-Projekten. 09.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Die Bundesregierung hat zwar die Mehrheit ihrer Digitalprojekte gestartet, doch Bürokratie und Föderalismus bremsen die Umsetzung massiv aus. Eine Reihe von Berichten und Vereinbarungen aus dem Juli 2026 zeigt die wachsende Kluft zwischen politischen Beschlüssen und praktischer Realität.

Bitkom-Monitor: Zwei Drittel der Projekte auf dem Weg

Der am 8. Juli veröffentlichte Bitkom-Monitor bescheinigt der Bundesregierung beachtliche Fortschritte: Rund 69 Prozent der 221 geplanten Digitalvorhaben sind entweder abgeschlossen oder befinden sich in der Umsetzung. Konkret sind zwölf Prozent der Projekte fertiggestellt, 57 Prozent laufen aktuell. Erstmals, so der Digitalverband, übersteige die Zahl der aktiven Projekte jene der noch nicht gestarteten um das Doppelte.

Zu den erfolgreich abgeschlossenen Initiativen zählen das Schnellbaugesetz für Hochschulen und das Reallabore-Gesetz. Letzteres passierte Ende Juni den Bundestag und erlaubt Behörden, für Tests neuer Technologien von bestimmten Bundesvorschriften abzuweichen. Allerdings hagelt es Kritik: Der Deutsche Anwaltverein (BRAK) sieht mögliche Verstöße gegen die Gewaltenteilung und bemängelt fehlende wissenschaftliche Evaluationspflichten.

Bundeswehr: Digitalfunk für Tausende Fahrzeuge

Verteidigungsminister Boris Pistorius einigte sich am 8. Juli mit der Industrie auf einen umfassenden Aktionsplan zur Digitalisierung Landgebundener Operationen (D-LBO). Mehr als 10.000 Fahrzeuge sollen mit digitaler Funktechnik ausgestattet werden. Das Programm hatte zuletzt unter Materialengpässen und Prüfverzögerungen gelitten. Neues Ziel: Bis Ende 2026 sollen 2.700 Fahrzeuge umgerüstet sein. Der Haushaltsausschuss hat bereits eine Vertragsänderung für knapp 32.000 zusätzliche Funkgeräte bewilligt.

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Bereits am 6. Juli gab das Bundeskabinett grünes Licht für den Abschlussbericht des „Spending Review Forderungsmanagement II“. Ziel ist die Modernisierung des Schuldenmanagements durch intensivierten Datenaustausch und digitale Vollstreckungsbescheide – Standard ab dem 1. Januar 2028.

Bürgermeister-Umfrage: Note 3,7 für die Verwaltung

Während auf Bundesebene Bewegung herrscht, bleibt die Lage vor Ort angespannt. Eine Umfrage unter 1.300 Bürgermeistern vom 7. Juli ergab: Die Digitalisierung der Verwaltung erhält die Note 3,7 – unverändert zum Vorjahr, trotz gestiegener Budgets.

Die größten Hindernisse aus Sicht der Rathauschefs:

  • Fehlende Standards: 48 Prozent nennen mangelnde Daten- und Schnittstellenstandards als Hauptbarriere.
  • Föderales Durcheinander: 40 Prozent beklagen die Zersplitterung zwischen Bund und Ländern.
  • OZG-Skepsis: Nur 18 Prozent halten die Umsetzung des Once-Only-Prinzips aus dem Onlinezugangsgesetz (OZG) in fünf Jahren für realistisch. 47 Prozent bezeichnen es als Wunschdenken.
  • Cloud-Zögerlichkeit: Zwar nutzen 39 Prozent der Behörden Cloud-Dienste, doch 59 Prozent sehen Datenschutzanforderungen als erhebliche Hürde. Besonders brisant: 52 Prozent der Beamten sind mit der Deutschen Verwaltungscloud (DVC) weitgehend unbekannt.
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Länder setzen auf Open Source

Mehrere Bundesländer schwenken auf digitale Souveränität um und kehren proprietärer Software den Rücken. Mecklenburg-Vorpommern migriert 50.000 Mitarbeiter von Microsoft SharePoint auf Open-Source-Alternativen wie Nextcloud, OpenProject und openDesk. Bereits 5.000 Beschäftigte nutzen die neuen Werkzeuge. Das Land folgt damit dem Kurs Schleswig-Holsteins – und während in Bayern ein milliardenschwerer Microsoft-Deal kürzlich platzte, prüft man auch dort alternative Strategien.

Supercomputer Jülich: Teure Rechenkraft bleibt ungenutzt

Doch selbst Hightech-Projekte kämpfen mit Komplexität. Der Jupiter-Supercomputer in Jülich mit 24.000 Nvidia-GPUs steht seit Monaten weitgehend unterausgelastet. Grund: ein kompliziertes Finanzierungsmodell aus EU- und Bundesmitteln, das die kommerzielle Nutzung auf 20 Prozent der Kapazität beschränkt. Hinzu kommen technische Probleme bei Kühlung und Stromintegration sowie ein Mangel an spezialisierten Fachkräften. Seit seiner Inbetriebnahme ist der Rechner in den globalen Rankings gefallen.

Schweiz: Dieselben Fehler seit zehn Jahren

Die Probleme sind kein rein deutsches Phänomen. Die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) kritisierte am 8. Juli in einem Bericht, dass die Schweizer Bundesverwaltung seit 2016 bei großen IT-Projekten immer wieder dieselben Fehler mache – bei Planung, Nutzenmessung und Koordination. Bei einem Investitionsvolumen von drei bis fünf Milliarden Franken wurden Projekte wie Polycom und Digisanté wegen Beschaffungsproblemen und Sicherheitslücken gerügt. Für das kommende E-ID-Projekt warnt die EFK: Die Regierung habe praktisch keine zweite Chance mehr, die Umsetzung richtig hinzubekommen.

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