Digitale Teilhabe: 38 Prozent der über 80-Jährigen sind offline
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 11:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bankfilialen schließen, Behördengänge verlagern sich ins Internet, und immer mehr Dienstleistungen sind nur noch digital erreichbar. Was für viele Menschen Alltagserleichterung bedeutet, wird für einen Teil der älteren Bevölkerung in Baden-Württemberg zur Hürde. Der zunehmende Rückzug analoger Angebote trifft besonders jene, die mit digitalen Technologien nicht aufgewachsen sind und sich den Umgang damit erst mühsam aneignen müssen.
Smartphone-Nutzung weit verbreitet, aber große Lücken im hohen Alter
Dass ältere Menschen pauschal als "digital abgehängt" gelten, greift laut aktuellen Daten zu kurz. Die SIM-Studie des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg (LMZ) aus dem Jahr 2024 zeigt, dass mehr als 80 Prozent der über 60-Jährigen ein Smartphone besitzen.
Das Bild ändert sich jedoch deutlich, je höher das Alter steigt: Bei den über 80-Jährigen waren laut derselben Erhebung 38 Prozent Offliner, also ohne jeglichen Internetzugang. Diese Differenz macht deutlich, dass digitale Teilhabe keine Frage des Alters im Allgemeinen ist, sondern insbesondere die Hochaltrigen vor Probleme stellt.
Auch das subjektive Empfinden spiegelt diese Kluft wider. Laut der LMZ-Studie stimmten 32 Prozent der Befragten mindestens teilweise der Aussage zu, den Anschluss an die Zeit verpasst zu haben. Ein nicht unerheblicher Teil der älteren Generation nimmt die eigene digitale Distanz also selbst wahr – mit Folgen für das Gefühl gesellschaftlicher Teilhabe.
Bankfilialschließungen als konkretes Beispiel
Besonders sichtbar wird die Problematik dort, wo physische Infrastruktur verschwindet, ohne dass gleichwertige Alternativen für alle Nutzergruppen bereitstehen. Schließungen von Bankfilialen gelten als ein zentrales Beispiel dafür, wie der Wegfall analoger Anlaufstellen ältere Menschen im Alltag einschränkt.
Wer Überweisungen, Kontoauszüge oder Bargeldabhebungen nicht mehr persönlich am Schalter erledigen kann, ist auf Online-Banking angewiesen – eine Hürde für jene 38 Prozent Offliner unter den Hochaltrigen.
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Angebote zur Unterstützung: Mentorenprogramm und Beratungsstellen
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hat das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg im Rahmen seines Senioren-Medien-Mentoren-Programms bereits über 1.000 Seniorinnen und Senioren ausgebildet, die wiederum anderen älteren Menschen den Umgang mit digitalen Geräten vermitteln.
Ergänzend existieren lokale Beratungsangebote wie der DigitalTreff Karlsruhe, eine von insgesamt 14 Beratungsstellen in der Stadt. Solche Anlaufstellen setzen auf niedrigschwellige, persönliche Unterstützung statt auf reine Online-Tutorials und sollen damit gerade jene erreichen, die mit digitalen Lernangeboten im Netz selbst überfordert wären.
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Forderungen von Fachleuten
Fachleute sehen in diesen Programmen einen wichtigen, aber nicht ausreichenden Baustein. Gefordert werden darüber hinaus analoge Zugänge, die parallel zu digitalen Angeboten bestehen bleiben, sowie niedrigschwellige Hilfe vor Ort.
Zudem wird angemahnt, digitale Dienste stärker mit Usability-Tests zu entwickeln, an denen ältere Menschen direkt beteiligt sind – um Anwendungen von vornherein alters- und nutzergerecht zu gestalten, statt Barrieren nachträglich abzubauen.
Die Diskussion um digitale Teilhabe in Baden-Württemberg zeigt damit ein doppeltes Spannungsfeld: Einerseits ist die Mehrheit der älteren Generation technisch keineswegs unerreichbar, andererseits bleibt eine relevante Gruppe – vor allem Hochaltrige – strukturell benachteiligt, wenn analoge Alternativen wegfallen.
Bildungsangebote und Beratungsstellen können diese Lücke mildern, ersetzen aus Sicht von Fachleuten aber nicht die Notwendigkeit, digitale Infrastruktur von Grund auf inklusiver zu gestalten.
