Digitale, Souveränität

Digitale Souveränität: Deutschland und Frankreich starten Strategie

19.06.2026 - 05:48:35 | boerse-global.de

Berlin und Paris legen auf der VivaTech gemeinsame Definition digitaler Souveränität vor. Die EU präsentiert zeitgleich ein umfassendes Maßnahmenpaket.

Deutschland und Frankreich: Neue Strategie für digitale Souveränität
Digitale - Glowing network lines outline Germany and France, merging into a European map, symbolizing digital sovereignty and interconnectedness. 19.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Die beiden größten EU-Volkswirtschaften legen eine gemeinsame Strategie vor, um Europas Abhängigkeit von externen Technologieanbietern zu beenden.

Am 17. Juni 2026 präsentierten Deutschland und Frankreich auf der VivaTech-Konferenz in Paris eine gemeinsame Definition digitaler Souveränität. Der Vorstoß fällt zusammen mit dem Technological Sovereignty Package der Europäischen Kommission – einem umfassenden Maßnahmenpaket, das die alarmierende Abhängigkeit adressiert: Über 80 Prozent aller digitalen Produkte in der EU stammen derzeit aus Nicht-Mitgliedstaaten.

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Sechs Säulen für die digitale Unabhängigkeit

Das gemeinsame Positionspapier definiert digitale Souveränität als die Fähigkeit, digitale Technologien eigenständig zu entwickeln, zu kontrollieren und anzupassen. Die Strategie ruht auf sechs Kernbereichen: Rechtsdurchsetzung, Datenschutz und die Resilienz kritischer Infrastrukturen. Besonderes Gewicht legen beide Länder auf Open-Source-Lösungen und modulare Architekturen.

Ein zentrales Projekt ist der Start der „Deutsch-Französischen Fabrik der Zukunft“. Sie soll als Katalysator für gesamteuropäische Gesetzgebung wirken. Experten auf der VivaTech betonten: Es gehe nicht um Isolation, sondern um Handlungsfähigkeit. Deutsche Regierungsvertreter kündigten an, die KI-Rechenleistung bis 2030 zu vervierfachen – eine Reaktion auf internationale Exportkontrollen für KI-Modelle.

Das EU-Paket: Cloud-Gesetz und Chips-Strategie

Die Europäische Kommission formalisierte am selben Tag ihre Strategie für die digitale Zukunft des Kontinents. Herzstück ist der Cloud and AI Development Act (CADA). Er führt vier Union Assurance Levels ein – von einfacher Datenresidenz bis zur vollständigen EU-Kontrolle.

Das Paket umfasst zudem den Chips Act 2.0 und eine EU-Open-Source-Strategie. Die Kommission setzt ein ambitioniertes Ziel: 30 Millionen aktive Nutzer von Open-Source-Software bis 2030. Ergänzt wird der Plan durch eine Roadmap für KI-Integration im Energiesektor sowie durch Horizon-Europe-Projekte wie RISER und OpenCUBE, die europäische Cloud-Plattformen und RISC-V-Architekturen vorantreiben sollen.

Schleswig-Holstein zeigt, wie es geht

Während in Brüssel und Paris die großen Linien gezogen werden, handeln Kommunen bereits. Schleswig-Holstein stellte fast 80 Prozent seiner Verwaltungsarbeitsplätze auf Libre Office um. Ergebnis: rund 15 Millionen Euro eingesparte Lizenzgebühren.

Doch der am 17. Juni veröffentlichte „Digital Decade 2026“-Bericht der EU-Kommission zeigt auch Schattenseiten. Deutschland gilt zwar als Spitzenreiter bei Halbleitern und Quantentechnologie, kämpft aber mit strukturellen Schwächen beim Glasfaserausbau – und rangiert hier am unteren Ende der EU. Trotz dieser Defizite: Rund 84 Prozent der Deutschen sehen Digitalpolitik als hohe Priorität. 12,8 Milliarden Euro – 46 Prozent des nationalen Aufbauplans – fließen in die digitale Transformation.

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Sicherheit als Schlüssel zur Souveränität

Die Souveränitätsdebatte ist untrennbar mit Cybersicherheit verbunden. Bei einem OpenUK-Roundtable am 18. Juni 2026 argumentierten Experten: Wahre Souveränität bedeute Kontrolle über komplexe Systeme – nicht nur geografische Datenspeicherung. Anbieter wie T-Systems setzen bereits auf souveräne Cloud-Dienste mit Confidential Computing und ISO-27001-Zertifizierung.

Die globale Dimension des Themas zeigte sich zeitgleich in New York: Vom 17. bis 18. Juni veranstalteten die Sovereign Tech Agency und die Vereinten Nationen den Maintain-a-thon 2.0. Im Fokus stand die technische Wartung von Open-Source-Infrastruktur – ein klares Signal, dass die Sicherung digitaler Gemeingüter zur Voraussetzung für nationale und regionale Autonomie geworden ist.

Markt reagiert: Weg von US-Anbietern

Die Dringlichkeit der Maßnahmen untermauern aktuelle Marktdaten. Eine Gartner-Umfrage zeigt: 61 Prozent der westeuropäischen IT-Chefs wollen ihre Abhängigkeit von lokalen Cloud-Anbietern erhöhen – getrieben durch geopolitische Verschiebungen. Parallel dazu wächst die Bedrohung durch Digital-Banking-Betrug rasant: In Südafrika stiegen die Fälle von 31.612 (2023) auf 64.000 (2024). Experten fordern daher strengere souveräne Cybersicherheitstests, um strategische KI-Workloads und sensible Daten zu schützen.

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