Digitale, Pflege

Digitale Pflege: Zehn Tablets in Åmål ersetzen Hausbesuche – mit sozialen Risiken

Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 08:01 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschung und kommunale Erfahrungen zeigen: Digitale Fürsorge kann ältere Menschen belasten und persönliche Kontakte nicht ersetzen.
Ein einsamer, leerer Stuhl in einem ruhig beleuchteten Wohnzimmer am Fenster, der eine Atmosphäre der Isolation vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Der zunehmende Ersatz persönlicher Kontakte durch digitale Hilfsmittel in der sozialen Fürsorge birgt erhebliche Risiken für ältere Menschen. Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen und Rückmeldungen aus Kommunen verdeutlichen, dass der Umstieg von physischen Hausbesuchen auf virtuelle Formate wie Videoanrufe Einsamkeit und Ausgrenzung verstärken kann.

Während Verwaltungen versuchen, über digitale Kanäle Personal und Ressourcen zu sparen, warnen Fachleute und Betroffenenvertreter vor den sozialen Folgen dieser Entwicklung.

Kommunale Einsparungen treffen auf praktische Barrieren

In Schweden zeigt sich der Konflikt exemplarisch in der Kommune Åmål. Dort wurden zehn Tablet-Computer angeschafft, um bestimmte Pflegebesuche bei interessierten Seniorinnen und Senioren durch Videoanrufe zu ersetzen und so Arbeitszeit freizusetzen.

Lisette Lindenström vom kommunalen Pensionärsrat in Åmål gab zu bedenken, dass ein solches Vorgehen zwar für manche Personen funktionieren könne, der direkte Kontakt zwischen Menschen jedoch an erster Stelle stehen müsse. Zudem verlangt der Rat genauere Erkenntnisse darüber, wie die Betroffenen diese Umstellung im Alltag tatsächlich wahrnehmen.

Dass digitale Barrieren gravierende Folgen haben, belegt auch eine Forschungsarbeit der Universität Karlstad, die in Kooperation mit Partnereinrichtungen in Japan und Finnland entstand. Demnach erhöht der Einsatz von Digitaltechnik im Wohlfahrtssektor insbesondere für ältere Migrantinnen und Migranten die Gefahr der gesellschaftlichen Ausgrenzung, nicht zuletzt aufgrund sprachlicher Hürden.

Anna Pechurina, Dozentin für Soziologie an der Universität Karlstad, forderte deshalb eine deutlich bessere Anpassung digitaler Angebote an die Zielgruppen. Die Untersuchung verweist unter anderem auf einen Karlstädter Rentner, der erhebliche Probleme beim Umgang mit den elektronischen Diensten aufweist.

Anzeige

Wer sich mit der zunehmenden Digitalisierung befasst, benötigt oft eine klare Anleitung, um den Anschluss nicht zu verlieren. Dieses kostenlose Starterpaket hilft Einsteigern, die Bedienung moderner Geräte Schritt für Schritt und ohne Fachjargon zu meistern. Kostenlosen PDF-Guide für den einfachen Einstieg sichern

Wachsender Technostress und Grenzen virtueller Treffen

Über die reine Bedienung hinaus belegen weitere Untersuchungen psychische Belastungen durch die Digitalisierung. Eine Studie der University of Auckland mit Personen über 65 Jahren ergab, dass Technologie eine Doppelwirkung entfaltet: Sie kann einerseits die Selbstständigkeit unterstützen, erzeugt andererseits jedoch Stress und Ausgrenzungsgefühle.

Selbst Teilnehmende mit technischer Vorbildung bekämen durch den ständigen Wandel, nachlassende Sehkraft und die Angst vor Betrugsfällen Probleme. Ältere Menschen in Australien geraten durch die Umstellung von Bankgeschäften, Rechnungen und Behördenkontakten auf Online-Verfahren zunehmend unter Druck – ein Phänomen, das Fachleute als Technostress bezeichnen.

Analysen zur sozialen Interaktion unterstreichen, dass Videoanrufe physische Besuche nicht gleichwertig ersetzen können. Bildschirme fungieren oft nur als eine Art sprechende Postkarte, während gemeinsame Zeit und aufmerksames Zuhören im selben Raum unersetzlich bleiben.

Auch bei einem Treffen von rund 60 Sozialarbeitern im rumänischen Târgu Jiu zur Teleassistenz wurde betont, dass digitale Dienste den direkten Austausch lediglich ergänzen dürfen.

Anzeige

Oft sind es kleine Hürden und fehlendes Hintergrundwissen, die bei der Nutzung digitaler Dienste zu Unsicherheit führen. Ein erfahrener Experte erklärt in diesem Gratis-Ratgeber, wie man wichtige Einstellungen vornimmt und sich sicher in der digitalen Welt bewegt. Schritt-für-Schritt-Anleitung für sichere Anwendungen kostenlos herunterladen

Globale Hürden bei Infrastruktur und KI-Diensten

Ähnliche Probleme treten weltweit zutage. Im indonesischen Regierungsbezirk Pandeglang stockt die digitale Registrierung für Sozialhilfen laut dem örtlichen Sozialamt an ungleicher Netzabdeckung und fehlerhaften Datenabgleichen, worunter besonders Ältere leiden.

In England forderte die Local Government Association ein Mitspracherecht der Kommunen bei der Digitalreform des Gesundheitswesens. Die Kommunalverbände bemängeln fehlende Standards beim Datenaustausch und warnen vor Integrationskosten, die auf lokaler Ebene hängenbleiben.

In Südkorea setzt man unterdessen auf automatisierte Hilfen wie das System Clova Care Call, das in rund 40 Kommunen alleinstehende Senioren anruft. Nach Angaben des dortigen Statistikamts haben 32,6 Prozent der alleinlebenden Menschen ab 65 Jahren niemanden für regelmäßige Gespräche, während 34,8 Prozent bei Krankheiten ohne Unterstützung dastehen.

Nach Zahlen des Gesundheitsministeriums wurden für das Jahr 2023 insgesamt 3.661 einsame Todesfälle registriert, wobei Männer über 84 Prozent der Fälle ausmachten und die Altersgruppe der 60-Jährigen mit 1.146 Betroffenen am stärksten vertreten war.

Vor diesem Hintergrund lautet die zentrale Forderung von Experten: Warnsignale automatisierter Systeme müssen unverzüglich zu realen Menschen weitergeleitet werden, damit Technik persönliche Besuche fördert, statt sie zu verdrängen.

Disclaimer...
de | wissenschaft | 70408097 |