Digitale, Ablenkung

Digitale Ablenkung: Meta-Analyse findet Nachteile für Aufmerksamkeit und Impulskontrolle

Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 00:54 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschung findet keinen Beleg für digitale Demenz, beschreibt aber mögliche Nachteile häufiger Unterbrechungen für Aufmerksamkeit und Erinnerungsbildung.
Ein ruhiger Schreibtisch mit leeren Notizbüchern und einem Füllfederhalter in einem sanft beleuchteten Raum. Illustration mit AI erstellt.

Die ständige Verfügbarkeit von Smartphones, Suchmaschinen und digitalen Assistenten prägt zunehmend die Art und Weise, wie das menschliche Gehirn Informationen aufnimmt und speichert. Fachleute und wissenschaftliche Untersuchungen befassen sich verstärkt mit Phänomenen wie der kognitiven Entlastung und dem sogenannten Task Switching, um die langfristigen Auswirkungen auf die eigene Merkfähigkeit zu verstehen.

Kognitive Entlastung und der Google-Effekt

Das unmittelbare Nachschlagen von Fakten auf digitalen Geräten führt zu einer kognitive Entlastung, die in der Forschung auch als Google-Effekt beschrieben wird.

Wie die Neurologin E. Demjanowskaja vom Labor Gemotest darlegt, behalten Menschen bei digitaler Verfügbarkeit oft weniger konkrete Inhalte im Gedächtnis, erinnern sich stattdessen aber besser an den Speicherort der Information. Eine anerkannte medizinische Diagnose für eine sogenannte digitale Demenz existiert demnach nicht.

Auch eine Meta-Analyse von 57 Studien mit über 411.000 Erwachsenen, an der Jared Bange von der University of Texas at Austin als Co-Autor mitwirkte, fand keine wissenschaftlichen Belege für eine solche digitale Demenz.

Ebenso betont der Neurochirurg Dr. Arun Oommen vom VPS Lakeshore Hospital im indischen Kochi, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür gebe, dass die Nutzung von Smartphones Erkrankungen wie Alzheimer oder Demenz auslöse. Bei fortschreitendem Gedächtnisverlust solle jedoch stets ärztlicher Rat eingeholt werden.

Task Switching statt Multitasking

Gleichzeitig belasten ständige Unterbrechungen die Konzentrationsfähigkeit. Dr. Arun Oommen verweist darauf, dass echtes Multitasking im menschlichen Gehirn nicht existiere.

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Das Gehirn wechsle stattdessen lediglich rasch zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her. Dieses sogenannte Task Switching verbrauche erhebliche Energiereserven, steigere die Fehleranfälligkeit und reduziere die Informationsaufnahme. Eine permanente digitale Ablenkung könne zudem verhindern, dass neue Eindrücke im Hippocampus zu festen Erinnerungen verarbeitet werden.

Aufmerksamkeitsprobleme spiegeln sich auch in breiter angelegten Daten wider: Eine 2025 im Fachjournal Psychological Bulletin veröffentlichte Meta-Analyse unter Leitung von Lan Nguyen von der Griffith University, die 71 Studien mit 98.299 Teilnehmenden umfasste, stellte statistisch negative Zusammenhänge mit der Aufmerksamkeit (-0,38) und der Impulskontrolle (-0,41) fest, wenngleich eine Kausalität nicht nachgewiesen ist.

Eine Synthese der American Psychological Association hebt zudem hervor, dass das abendliche Betrachten von Kurzformaten wie Videos mit einer Überlastung des Arbeitsgedächtnisses und Schlafstörungen einhergeht.

Gedächtnisstützen und Notizen im Experiment

Auch die Art der Informationserfassung beeinflusst das Behalten. Forschende der Binghamton University stellten in sieben Experimenten mit Kunstwerken fest, dass Teilnehmende, die digitale Screenshots machten, die Bilder nicht besser erinnerten als Personen, die diese nur betrachteten. Die geteilte Aufmerksamkeit und die automatische kognitive Entlastung führten teils sogar zu einer schwächeren Unterscheidungsleistung.

Elektroenzephalografie-Untersuchungen (EEG) zur Handschrift zeigen im Vergleich zum Tippen auf einer Tastatur eine deutlich stärkere Aktivierung verschiedener Hirnareale für Bewegung, Sehen, Tastsinn und Gedächtnis. Das handschriftliche Notieren erzwingt eine inhaltliche Auswahl und Zusammenfassung, was als tiefe Enkodierung beschrieben wird und dem Gehirn als Training dient.

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Strategien für den Alltag

Fachleute raten zu gezielten Verhaltensanpassungen, um die eigene kognitive Leistungsfähigkeit zu schonen. Neurologin Demjanowskaja empfiehlt, bei Fragen zunächst das eigene Gedächtnis zu bemühen, bevor eine Online-Suche gestartet wird.

Die Neurowissenschaftlerin Dr. Barbara Studer betont die Bedeutung ausreichenden Schlafs, da Schlafmangel die Hirnleistung um 40 Prozent senken könne; sie rät zu jeweils 30 smartphonefreien Minuten direkt nach dem Aufstehen sowie vor dem Einschlafen. Ergänzend rät der US-Neurochirurg Randy D'Amico zu regelmässigen Bildschirmpausen, stummgeschalteten Mitteilungen und mehr Bewegung im Alltag.

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