Künstliche Intelligenz, Digitalpolitik

Digital-Staatssekretär Jarzombek warnt: Europa droht bei KI zum Zuschauer zu werden

Veröffentlicht am: 15.09.2026 um 07:02 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Digital-Staatssekretär Thomas Jarzombek warnt, Europa verliere bei Künstlicher Intelligenz den Anschluss an die USA und China, weil es sich zu stark auf Regulierung konzentriere. Er fordert deutlich mehr industriegetragene Investitionen in europäische Rechenzentren.

Eine Frage der Souveränität - Thomas Jarzombek fordert von Unternehmen mehr Investitionen in KI-Rechenzentren. (Archivbild) - Bild: Sebastian Christoph Gollnow/dpa
Eine Frage der Souveränität - Thomas Jarzombek fordert von Unternehmen mehr Investitionen in KI-Rechenzentren. (Archivbild) - Bild: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Digital-Staatssekretär Thomas Jarzombek sieht Europa bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz zu sehr mit Regulierung beschäftigt und warnt vor einem Rückstand gegenüber den USA und China.

Jarzombek kritisiert KI-Fokus auf Regeln

Jarzombek sagte im Deutschlandfunkprogramm WDR 5, Europa habe sich in der KI-Debatte bislang stark auf gesetzliche Vorgaben konzentriert, müsse aber auch die Potenziale der Technologie entschlossener nutzen. In der aktuellen Diskussion über Risiken der Künstlichen Intelligenz zeige sich aus seiner Sicht, dass vor allem die USA und China als aktive Spieler auftreten.

Europa stelle demgegenüber eher „irgendwas zwischen Moderator und Spielfeld“ dar, erläuterte der Staatssekretär im Bundesdigitalministerium. Ein Grund dafür sei, dass es in Europa derzeit keine eigenen, besonders mächtigen KI-Modelle gebe.

Kritik am AI Act und fehlenden Investitionen

Mit der KI-Verordnung, dem AI Act, habe die Europäische Union sehr komplexe Regelwerke geschaffen, sagte Jarzombek. Diese hätten jedoch nicht dazu geführt, dass große KI-Entwickler nach Europa gekommen seien. Zugleich habe die europäische Industrie aus seiner Sicht bislang versäumt, ausreichend in Rechenzentren zu investieren.

Solche Rechenzentren seien für die technologische Souveränität Europas entscheidend, betonte Jarzombek. Der Staatssekretär verwies darauf, dass staatliche Initiativen wie Programme für Gigafabriken zwar wichtig, aber oft kompliziert und langsam seien. Entscheidend sei nun, dass die Industrie durch konkrete Aufträge Nachfrage schaffe.

Telekom und Schwarz-Gruppe im Fokus

Jarzombek nannte die Deutsche Telekom und die Schwarz-Gruppe als Beispiele für Unternehmen, die bei Rechenzentren eine größere Rolle spielen könnten. Telekom plane, im großen Stil in Aufbau und Betrieb von Rechenzentren einzusteigen.

Die Schwarz-Gruppe, bekannt für die Handelsketten Lidl und Kaufland, hat zuletzt ein milliardenschweres Rechenzentrum in der Nähe von Rostock angekündigt. Nach Jarzombeks Darstellung braucht es weitere Projekte dieser Art, damit in Deutschland und Europa genügend Kapazitäten für die Entwicklung und den Betrieb leistungsfähiger KI-Systeme entstehen.

Schwacher KI-Standort trotz hoher Regulierung

Die Aussagen von Thomas Jarzombek fallen in eine Phase, in der große KI-Modelle überwiegend in den USA und China entwickelt und betrieben werden, während europäische Anbieter nur vereinzelt mit vergleichbarer Schlagkraft auftreten. Vor diesem Hintergrund wirkt die Klage über eine einseitige Fokussierung auf Regulierung wie eine strategische Standortkritik: Der AI Act setzt weltweit beachtete Regeln, schafft aber keine eigene industrielle Basis für die Entwicklung und das Training sehr großer Modelle.

Regulierung und Innovation stehen dabei nicht zwangsläufig im Widerspruch, doch die europäische Digitalpolitik hat in den vergangenen Jahren häufig den Schutz von Daten und Grundrechten priorisiert. Für viele Technologieunternehmen ist die Frage, wo sie ihre Rechenzentren errichten und KI-Modelle trainieren, eng mit Strompreisen, Flächenverfügbarkeit, Fachkräften und administrativer Komplexität verknüpft. Jarzombeks Hinweis auf „Moderator und Spielfeld“ zielt auf die Gefahr, dass Europa vor allem Regeln setzt, während andere Regionen die technologischen Standards bestimmen.

Strategische Bedeutung von Rechenzentren

Zentral ist Jarzombeks Forderung nach mehr Investitionen in europäische Rechenzentren. Solche Standorte sind Grundvoraussetzung für das Training großer KI-Modelle, da sie enorme Mengen an Daten verarbeiten und hohe Rechenleistungen bereitstellen. Wenn europäische Unternehmen ihre Daten überwiegend in US- oder asiatische Cloud-Infrastrukturen auslagern, schwächt dies die technologische und politische Souveränität, die Jarzombek anspricht.

Die Beispiele Telekom und Schwarz-Gruppe markieren aus seiner Sicht einen möglichen Wendepunkt, bleiben aber im Verhältnis zum weltweiten Bedarf begrenzt. Für Leserinnen und Leser bedeutet dies: Die Debatte um KI ist nicht nur eine Frage von Datenschutz und Ethik, sondern auch eine handfeste Standortfrage. Ob Europa vom „Spielfeld“ zum „Spieler“ wird, entscheidet sich an Investitionsentscheidungen der Industrie, an energie- und industriepolitischen Rahmenbedingungen und an der Bereitschaft, neben Regulierung auch gezielte Förderung von Hochleistungsinfrastruktur und Forschung zu betreiben.

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