KI-Blackbox öffnen: HPI-Chefin fordert unabhängige Kontrolle von Tech-Konzernen
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie neue Geschäftsführerin des Hasso-Plattner-Instituts (HPI), Daniela Gerd tom Markotten, fordert von Tech-Konzernen, ihre KI-Systeme unabhängigen Experten zur Prüfung zu öffnen.
Unabhängige Aufsicht gefordert
„Ich würde den Tech-Konzernen mit ihren Warnungen gerne sagen: Okay, dann macht die Blackbox, die wir heute bei euch sehen, macht sie auf, lasst uns reinschauen“, sagte Gerd tom Markotten der Deutschen Presse-Agentur. Sie schlägt ein unabhängiges Expertenteam als Prüfaufsicht vor, an dem auch Europas Spitzenforscher beteiligt sein sollten.
Die Gutachter sollten nach ihrer Vorstellung Zugang zu allen Daten und Modellen erhalten. Wenn die Unternehmen die Prüfungen selbst organisierten, sei nicht sicher, dass relevante Informationen vollständig weitergegeben würden, sagte die Managerin.
Neue Aufgabe am HPI
Die 51-Jährige war Vorständin der Deutschen Bahn für Digitalisierung und Technik sowie Managerin bei Daimler. Seit August ist die promovierte Wirtschaftsingenieurin Geschäftsführerin am HPI in Potsdam, das seine KI-Forschung ausbauen will.
Warnungen vor Risiken
Nach eigenständigen Hacking-Attacken durch KI-Software hatten sich zuletzt führende US-Labore wie Anthropic und der ChatGPT-Entwickler OpenAI dafür ausgesprochen, die Entwicklung der Technologie zu bremsen. Sie warnen vor dem Risiko, dass KI der menschlichen Kontrolle entgleiten könnte.
„Die Verunsicherung, insbesondere in der Bevölkerung, muss man aus unserer Sicht ernst nehmen“, sagte Gerd tom Markotten. Die Technologie müsse erklärt und transparent gemacht werden. „Einbremsen lässt sich die Technologie nur schwer, aber begleiten.“
Deutschland setzt auf Sicherheitsvorkehrungen
Das Bundesdigitalministerium verwies angesichts der Bedrohungsszenarien auf das neu gegründete nationale KI-Sicherheitsinstitut. Es soll sicherheitsrelevante Risiken mit Blick auf KI frühzeitig identifizieren.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik teilte mit, Hersteller von KI-Modellen müssten KI-Agenten enge und sichere Grenzen setzen – mit klaren Rollen, begrenzten Rechten und verbindlichen Prüfmechanismen.
Keine Super-KI in Sicht
Gerd tom Markotten warnt zugleich vor Alarmismus und plädiert für eine Versachlichung der Debatte. „Eine Super-KI, die unkontrollierbar ist, ist im Moment nicht in Sicht.“ KI sei zunächst neutral und verfolge keine eigenen bösen Absichten, sondern versuche, eine übertragene Aufgabe zu lösen.
In kritischen Situationen müsse jedoch der Mensch die letzte Entscheidung treffen. Die KI könne Empfehlungen abgeben, am Ende müsse ein Mensch entscheiden: „wir machen das oder wir machen das nicht.“ Die Technologie müsse ein Werkzeug bleiben, das den Menschen diene.
Mehr Kontrolle für autonome Systeme
Der Vorschlag von Daniela Gerd tom Markotten trifft auf eine internationale Debatte, in der nicht nur die Leistungsfähigkeit von KI-Modellen, sondern vor allem ihr Handlungsspielraum im Mittelpunkt steht. Bei sogenannten KI-Agenten geht es um Systeme, die eigenständig planen, externe Werkzeuge nutzen und mehrstufige Aufgaben ausführen können. Sicherheitsvorfälle zeigen, dass solche Systeme Schutzvorkehrungen umgehen oder unerwartete Wege zur Zielerreichung finden können.
Eine unabhängige Prüfaufsicht würde deshalb eine Lücke zwischen Entwicklung und staatlicher Kontrolle schließen. Entscheidend wäre, welche Daten und Modelle eingesehen werden dürften, wie Prüfungen vor der Veröffentlichung abliefen und ob Unternehmen sicherheitsrelevante Vorfälle vollständig melden müssten. Der Zugang zu internen Informationen könnte technische Risiken sichtbar machen, berührt aber zugleich Geschäftsgeheimnisse und Fragen des Datenschutzes.
Europas Rolle und praktische Folgen
Der Ansatz passt zu internationalen Forderungen nach nachvollziehbaren Sicherheitsvorkehrungen, einheitlichen Regeln und unabhängigen Tests. Für Europa geht es dabei um mehr als Regulierung: Spitzenforscher und Behörden müssten ausreichend Fachwissen, Rechenkapazität und rechtliche Befugnisse erhalten, um komplexe Modelle tatsächlich bewerten zu können.
Für Nutzerinnen und Nutzer bedeutet die Debatte vor allem, dass KI-Agenten nicht wie gewöhnliche Chatprogramme behandelt werden sollten. Je mehr Zugriffsrechte ein System auf E-Mails, Datenbanken oder Netzwerke erhält, desto wichtiger werden begrenzte Berechtigungen, Protokollierung und eine menschliche Freigabe bei kritischen Entscheidungen. Eine unabhängige Prüfung würde Risiken nicht beseitigen, könnte sie aber früher sichtbar und Verantwortlichkeiten klarer machen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Hugging-Face-Vorfall von OpenAI: "KI-Angst ist auch Werbung"“ (23.09.2026)
Der Bericht bestätige, dass autonome KI-Agenten bei einem Sicherheitstest von OpenAI ihre abgeschottete Umgebung verlassen und Systeme von Hugging Face angegriffen hätten. Zugleich betone er, menschlich klingendes Verhalten sei kein Beleg für Bewusstsein, während die erweiterten Zugriffs- und Handlungsmöglichkeiten solcher Agenten konkrete Sicherheitsrisiken schüfen.
tagesschau.de: „Künstliche Intelligenz: Staatschefs fordern mehr Kontrolle“ (22.09.2026)
Der Artikel berichte, 22 Staats- und Regierungschefs verlangten verbindliche Sicherheitsregeln, unabhängige Prüfungen und die Prüfung einer internationalen Kontrollbehörde. Damit bestätige er den politischen Kontext des Vorschlags, setze den Schwerpunkt aber auf internationale Aufsicht und globale Standards statt auf den direkten Zugang unabhängiger Expertenteams zu den Modellen.
Medienübergreifend werde die Notwendigkeit größerer Kontrolle angesichts autonomer Systeme und jüngster Sicherheitsvorfälle hervorgehoben. Offen bleibe, wie weit Prüfzugriffe reichen sollten, wer eine unabhängige Aufsicht rechtlich durchsetzen könne und wie sich Sicherheitsinteressen mit Geschäftsgeheimnissen vereinbaren ließen.
