EZB, digitale Wertpapiere

Digitale Wertpapiere: EZB startet Pontes-Plattform für Handel in Zentralbank-Euro

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 12:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Die Europäische Zentralbank startet mit «Pontes» eine neue Plattform, über die Banken digitale Wertpapiere direkt in Zentralbankgeld abrechnen können. Die Notenbank will damit die Tokenisierung von Finanzmärkten vorantreiben und investiert dafür auch selbst in entsprechende Papiere.

Die EZB probiert den digitalen Wertpapierhandel aus.  - Bild: Andreas Arnold/dpa
Die EZB probiert den digitalen Wertpapierhandel aus. - Bild: Andreas Arnold/dpa

Die Europäische Zentralbank (EZB) und die nationalen Notenbanken des Euroraums führen mit der neuen Plattform «Pontes» eine Infrastruktur ein, über die Finanzinstitute digitale Wertpapiere direkt in risikofreiem Zentralbank-Euro abrechnen können.

Digitale Brücke zwischen Wertpapierhandel und Zentralbankgeld

Mit «Pontes» schafft das Eurosystem eine Verbindung zwischen Blockchain-basierten Netzwerken und klassischen Zahlungs- und Abwicklungssystemen der Notenbanken. Finanzinstitute können damit tokenisierte Wertpapiere – also digital auf einer Distributed-Ledger-Technologie (DLT) abgebildete Vermögenswerte – künftig in einem Schritt mit Zentralbankgeld verrechnen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betont, das Eurosystem wolle den europäischen Finanzmarkt im digitalen Zeitalter integrierter, innovativer und widerstandsfähiger machen.

Der bisherige Wertpapierhandel beruht auf mehreren getrennten Stationen von Börse über Clearingstellen bis zur Verwahrung bei spezialisierten Banken. Durch die Tokenisierung lassen sich diese Schritte zu einem automatisierten Vorgang bündeln. Die zugrunde liegende Technologie ist vielen bislang aus der Welt der Kryptowährungen bekannt, findet nun aber zunehmend Eingang in die regulierte Finanzwirtschaft.

Zentralbank-Euro als stabiles Fundament für digitale Märkte

Ein zentrales Ziel von «Pontes» ist es, auf DLT-Plattformen ein vollkommen sicheres und stabiles Zahlungsmittel bereitzustellen. Der Name der Plattform leitet sich vom lateinischen Wort für Brücken ab und verweist auf die Rolle als Verbindungsglied zwischen neuen digitalen Infrastrukturen und dem als besonders sicher geltenden Zentralbankgeld. Nach den Worten von EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone soll «Pontes» die Stabilität und das Vertrauen liefern, die der tokenisierten Finanzwelt zum Durchbruch verhelfen.

Bislang fehlte ein solcher Zugang zu Zentralbankgeld in vielen Projekten rund um digitale Wertpapiere, sodass Zahlungen oft über kommerzielle Bankkonten oder private Stablecoins abgewickelt wurden. Mit der neuen Plattform will das Eurosystem die Risiken solcher Konstruktionen verringern und einheitliche Standards fördern.

Großbanken und Förderinstitute als erste Nutzer

Zum Start bietet «Pontes» zunächst grundlegende Funktionen, die in den kommenden Jahren ausgebaut werden sollen. Bis 2028 ist eine schrittweise Erweiterung des Systems geplant, um weitere Arten von Wertpapieren und zusätzliche Servicefunktionen abzudecken. Das Interesse aus der Finanzbranche ist nach Angaben der Notenbank bereits hoch.

Zu den ersten Teilnehmern gehören große Institute wie die Deutsche Bank, die BayernLB und die DZ Bank. Auch Förderbanken wie die staatliche KfW und die Europäische Investitionsbank sowie Betreiber von DLT-Netzwerken haben sich der Plattform angeschlossen oder bereiten sich darauf vor. Sie sollen dazu beitragen, die Abläufe im praktischen Betrieb zu testen und weiterzuentwickeln.

EZB investiert eigenes Geld in tokenisierte Wertpapiere

Um die Praxistauglichkeit der neuen Technologie aus unmittelbarer Perspektive zu prüfen, will die EZB auch selbst als Anlegerin auftreten. Die Notenbank plant, einen kleinen Teil ihres Eigenmittelportfolios, aus dem unter anderem laufende Betriebsausgaben finanziert werden, in tokenisierte Wertpapiere zu investieren. So will sie Erfahrungen über den gesamten Lebenszyklus digitaler Wertpapiere sammeln – von der Emission über den Handel bis zur Rückzahlung.

Mit diesem Schritt setzt das Eurosystem ein Signal für den Finanzstandort Europa. Die Kombination aus einer von der Zentralbank betriebenen Plattform, teilnehmenden Großbanken und eigenen Investitionen der EZB soll zeigen, dass die Tokenisierung nicht nur ein Experiment ist, sondern eine zentrale Rolle in der künftigen Marktinfrastruktur spielen kann.

Strategischer Schritt der EZB in der digitalen Marktinfrastruktur

Mit der Plattform «Pontes» stärkt die Europäische Zentralbank ihre Rolle als zentrale Infrastrukturbetreiberin im europäischen Finanzsystem. Die Möglichkeit, digitale Wertpapiere direkt in Zentralbankgeld abzuwickeln, ordnet sich in die längerfristige Strategie ein, Zahlungs- und Abrechnungssysteme zu modernisieren und systemische Risiken zu verringern. Für große Marktteilnehmer eröffnet dies die Aussicht auf effizientere Prozesse, weniger Gegenparteirisiken und eine engere Verzahnung von Wertpapier- und Zahlungsverkehr.

Tokenisierung als nächster Entwicklungsschritt nach SEPA und T2

Die Tokenisierung von Vermögenswerten gilt in der Branche seit Jahren als möglicher Paradigmenwechsel. Bisherige Experimente fanden meist in begrenzten Pilotprojekten oder auf privat organisierten Plattformen statt. Mit «Pontes» steigt nun das Eurosystem selbst in diese Infrastruktur ein und stellt eine Brücke zwischen klassischen Systemen wie Target2 und modernen Distributed-Ledger-Netzwerken her. Für Banken und Emittenten entsteht damit eine regulierte Umgebung, in der die Vorteile der Technologie – Automatisierung, schnellere Abwicklung, geringere Abhängigkeit von Zwischeninstanzen – unter dem Dach der Zentralbank genutzt werden können.

Bedeutung für Banken, Kapitalmarkt und Anleger

Für die teilnehmenden Großbanken und Förderinstitute ist der frühe Einstieg eine Möglichkeit, Prozesse, IT-Systeme und Geschäftsmodelle an eine mögliche künftige Marktstruktur anzupassen. Gelingt der schrittweise Ausbau bis 2028, könnten Emission, Handel und Abwicklung von Anleihen und anderen Wertpapieren deutlich effizienter werden. Mittel- bis langfristig könnte dies die Kosten der Kapitalaufnahme für Staaten und Unternehmen senken und den europäischen Kapitalmarkt gegenüber internationalen Wettbewerbern stärken. Für private Anleger bleibt der unmittelbare Effekt zunächst begrenzt, doch stabile, günstigere und schneller funktionierende Märkte können indirekt bessere Konditionen und ein breiteres Angebot an digital strukturierten Produkten ermöglichen.

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