Diabetes, Stürze

Diabetes und Stürze: 5 Zentimeter weniger Wadenumfang erhöhen das Risiko

Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 19:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Nervenschäden und sinkende Wadenmuskelmasse erhöhen die Sturzgefahr; Fachautoren empfehlen individuelle Therapieziele und regelmäßige Messungen.
Ein minimalistischer Flur mit poliertem Holzboden und weichem Lichteinfall, der eine ruhige und aufmerksame Atmosphäre vermittelt. Illustration mit AI erstellt.

Diabetische Neuropathien und autonome Nervenschädigungen erhöhen das Sturzrisiko bei Diabetespatienten signifikant und machen eine umfassende medizinische Vorsorge erforderlich. Menschen mit Diabetes verzeichnen generell mehr Stürze als stoffwechselgesunde Personen.

Neben akuten Unterzuckerungen tragen vor allem chronische Folgeerkrankungen wie diabetische Retinopathie, periphere Neuropathie und autonome Nervenschäden maßgeblich zu dieser Gefährdung bei.

Mechanismen peripherer und autonomer Nervenschäden

Die diabetische periphere Neuropathie beginnt häufig mit brennenden, kribbelnden oder tauben Füßen. Bei anhaltender Belastung breiten sich die Beschwerden aus.

Hohe Blutzuckerwerte schädigen ohne therapeutisches Eingreifen die Kapillaren und ziehen Nerven, Nieren sowie Netzhaut in Mitleidenschaft. Das verminderte Tast- und Lagegefühl führt zu Gleichgewichtsstörungen, begünstigt Verletzungen und erhöht die Gefahr eines diabetischen Fußsyndroms.

Solche distalen sensomotorischen Polyneuropathien können bereits im Stadium des Prädiabetes auftreten. Bei Typ-1-Diabetes kommen ähnliche Nervenschäden vor, deren Abklärung durch Fachärzte für Endokrinologie oder Neurologie über Nervenleitgeschwindigkeitstests wie EMG oder ENG, Blutzuckereinstellungen und die Bestimmung des Vitaminstatus erfolgt.

Parallel dazu schädigt die autonome Neuropathie infolge von chronischer Hyperglykämie und Mikroangiopathie die Nervenstrukturen durch Myelinschäden und eine verminderte Durchblutung. Betroffen ist insbesondere das Herz-Kreislauf-System: Ruhetachykardien und eine orthostatische Hypotonie mit Schwindel bis hin zu Synkopen mindern die Standsicherheit beträchtlich.

Zudem können der Magen-Darm-Trakt – etwa durch Gastroparese, Verstopfung oder paradoxe Diarrhö – sowie das Urogenitalsystem in Form neurogener Blasenentleerungsstörungen oder erektiler Dysfunktion beeinträchtigt werden.

Knochenstabilität und besondere Gefährdungsgruppen

Zu den motorischen Unsicherheiten tritt eine erhöhte Knochenbrüchigkeit hinzu. Trotz normal gemessener Knochendichte weisen Diabetespatienten ein erhöhtes Frakturrisiko auf. Ursächlich sind Glykationsendprodukte im Knochenkollagen, die die Elastizität des Skeletts verringern, eine gestörte Knochenbildung bei Typ-1-Diabetes sowie der Einfluss bestimmter Medikamente aus der Gruppe der Glitazone (TZD).

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Besonders sturzgefährdet sind Diabetiker über 65 Jahre, postmenopausale Frauen mit Diabetes sowie Personen unter einer Langzeitbehandlung mit Steroiden.

Sturzereignisse stellen im Alter ohnehin ein verbreitetes Problem dar: In Deutschland stürzten im Jahr 2022 23,8 Prozent der Menschen ab 65 Jahren mindestens einmal innerhalb von zwölf Monaten. In der Altersgruppe der 65- bis 79-Jährigen lag der Anteil bei 19,2 Prozent, bei den über 80-Jährigen bei 33,5 Prozent.

Risikofaktor Übertherapie und neue Screening-Ansätze

Ein narrativer Review von Autoren um Wu M, Zhang C, Wang Y und Zhao Y (Dove Press, Vol. 2026:21) zu Multimorbidität bei älteren Diabetespatienten warnt vor den Gefahren einer Übertherapie. Bei Patienten mit Frailty, kognitiven Einschränkungen oder Niereninsuffizienz kann eine zu aggressive Senkung der Blutzuckerwerte das Risiko für Hypoglykämien, Stürze und funktionelle Einbußen weiter steigern.

Die Autoren empfehlen strukturierte geriatrische Assessments, individualisierte Behandlungsziele, eine gezielte Medikationsoptimierung beziehungsweise -deintensivierung sowie kontinuierliche Glukosemessungen.

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Allein in China wird die Zahl der Diabetiker auf über 120 Millionen geschätzt, wobei die Prävalenz in der Altersgruppe von 60 bis 69 Jahren 23,9 Prozent beträgt und mit steigendem Alter zunimmt.

Welche physischen Parameter Stürze frühzeitig anzeigen können, untersuchte eine im Oktober 2026 in JAMA Network Open veröffentlichte Studie auf Basis der Chinese Longitudinal Healthy Longevity Survey (2018–2021) mit 7.068 Teilnehmern ab 60 Jahren.

Bei einer medianen Nachbeobachtung von 3,07 Jahren erlitten 1.671 Probanden (23,64 Prozent) Stürze. Ein absoluter Rückgang des Wadenumfangs um mindestens 5 Zentimeter war mit einer um 32,5 Prozent höheren Sturzwahrscheinlichkeit assoziiert.

Ein relativer Muskelmasseverlust an der Wade von 10 bis unter 20 Prozent erhöhte die Sturzchancen um 25,7 Prozent, ein Rückgang um mindestens 20 Prozent sogar um 48,1 Prozent. Die Studienautoren schlagen routinemäßige Verlaufsmessungen des Wadenumfangs als gerätefreies Screening vor.

Diagnostische Abklärung und Präventionspfade

Die Diagnose autonomer Störungen stützt sich unter anderem auf Blutdruck-Lagertests, Magenentleerungstests und EMG-Untersuchungen. Eine sofortige Heilung bereits manifester Nervenschäden ist zwar nicht möglich, ein frühzeitiges Eingreifen kann das Fortschreiten jedoch verlangsamen und Symptome lindern. Das Management beruht auf Nervenschutz, Durchblutungsförderung sowie einer adäquaten Blutzucker- und Blutdruckkontrolle.

Zur praktischen Sturzprävention gehören zudem die Gabe von Kalzium und Vitamin D, angepasste Ernährungsmuster mit kleineren Mahlzeiten sowie gezielte Bewegungstherapien durch Gehen, Krafttraining und Tai Chi. Ergänzend sind bauliche Wohnraumanpassungen ratsam, um Stolperfallen im Alltag zu minimieren.

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