Diabetes und Essreihenfolge: 18 Studien finden keinen dauerhaften Blutzuckereffekt
Veröffentlicht am: 17.10.2026 um 19:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn Ernährungsdebatten gilt die gezielte Reihenfolge von Lebensmitteln oft als einfacher Hebel, um Stoffwechselwerte zu verbessern. Eine Übersichtsarbeit des Deutschen Diabetes-Zentrums (DDZ) im Fachjournal Clinical Nutrition relativiert diesen Ansatz nun deutlich.
Die Auswertung von 18 randomisierten kontrollierten Studien ergab, dass der Verzehr von Gemüse vor Kohlenhydraten den Blutzuckerspiegel bei Menschen mit Diabetes nicht dauerhaft senken kann.
Kurzfristige Dämpfung ohne nachhaltigen Effekt
Die Datenanalyse des DDZ verdeutlicht, dass die Essreihenfolge zwar unmittelbare, jedoch keine anhaltenden Auswirkungen auf den Glukosestoffwechsel hat. So lag der Blutzucker 30 Minuten nach einer Mahlzeit im Schnitt rund 22 mg/dl niedriger als in den jeweiligen Vergleichsgruppen. Nach zwei Stunden kehrte sich dieser Trend allerdings um: Der Blutzuckerwert lag zu diesem Zeitpunkt rund 4 mg/dl höher.
Ähnliche Schwankungen zeigten sich bei den Insulinwerten. Laut den DDZ-Ergebnissen war die Insulinkonzentration nach 30 Minuten um 13,14 µU/ml und nach einer Stunde um 12,03 µU/ml niedriger, stieg jedoch nach zwei Stunden um 7,10 µU/ml über das Niveau der Kontrollgruppen an.
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Michael Roden vom DDZ führte dazu aus, dass der frühe Blutzuckeranstieg nach 30 Minuten und in geringerem Maße nach 60 Minuten vermindert gewesen sei, wenn Gemüse vor den Kohlenhydraten gegessen wurde. Nach zwei Stunden sei dieser dämpfende Effekt jedoch verschwunden gewesen, wobei die Kontrollgruppe ohne die vorangestellte Gemüseration dann sogar leicht niedrigere Werte aufgewiesen habe.
Eingeschränkte Studienqualität und offene Ursachen
Neben den kurzzeitigen Verschiebungen weist das DDZ auf erhebliche methodische Schwächen der bisherigen Studienlage hin. Von den 18 untersuchten Arbeiten wiesen zehn ein moderates und acht ein hohes Verzerrungsrisiko auf. Zudem stammte ein Großteil der Publikationen aus Japan, und die wissenschaftliche Beweissicherheit wurde insgesamt als sehr gering eingestuft.
Aussagen zu längerfristigen Auswirkungen bei Typ-2-Diabetes sind zudem kaum belegt. Lediglich eine der 18 Studien befasste sich mit dieser Patientengruppe. Darin sank der HbA1c-Wert über 24 Monate zwar von 8,3 auf 6,8 Prozent.
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Michael Roden merkte hierzu an, dass der Langzeitblutzucker nach zwei Jahren in dieser japanischen Untersuchung zwar um 10 Prozent niedriger gelegen habe, daraus jedoch kein allgemeingültiger Schluss gezogen werden könne. Es bleibe unklar, ob die strikte Reihenfolge der Speisen oder schlicht ein insgesamt höherer Gemüsekonsum für die Verbesserung ursächlich gewesen sei.
Ballaststoffmenge steht im Vordergrund
Für die therapeutische Praxis und die Ernährungsausrichtung bei Diabetes rückt damit ein anderer Faktor in den Fokus. Michael Roden betonte, dass vor allem die absolute Menge der aufgenommenen Ballaststoffe entscheidend sei. Die zeitliche Abfolge der einzelnen Komponenten einer Mahlzeit sei hingegen wissenschaftlich nicht hinreichend belegt.
