Diabetes-Kongress Mai: Lebensstil schlägt Genetik um das Siebenfache
25.05.2026 - 19:33:55 | boerse-global.deAuf dem 60. Diabetes-Kongress Mitte Mai in Berlin präsentierten Experten Daten, die zeigen: Lebensstilfaktoren haben einen deutlich größeren Einfluss auf die Entstehung von Typ-2-Diabetes und Bluthochdruck als die genetische Veranlagung. Die Mediziner forderten zugleich schärfere Grenzwerte und eine geschlechterspezifischere Diagnostik.
Lebensstil als entscheidender Faktor
Eine Langzeitstudie der University of Massachusetts mit 332.000 Teilnehmern über 14 Jahre liefert klare Zahlen: Ein ungesunder Lebensstil erhöht das Risiko für Diabetes um das Siebenfache. Genetische Faktoren steigern es dagegen „nur" um das 2,6-Fache. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass mehr als 55 Prozent aller Neuerkrankungen durch Verhaltensänderungen vermeidbar wären.
Besonders Bewegung spielt eine Schlüsselrolle. Eine chinesische Studie mit 17.000 Probanden, veröffentlicht im British Journal of Sports Medicine am 23. Mai, zeigt: Wer 560 bis 610 Minuten pro Woche in Bewegung ist, senkt sein Herz-Kreislauf-Risiko um über 30 Prozent. Die Standardempfehlung der Weltgesundheitsorganisation von 150 Minuten bringt dagegen nur eine Risikoreduktion von acht bis neun Prozent. Das Problem: Nur etwa zwölf Prozent der Bevölkerung erreichen dieses hohe Aktivitätsniveau.
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Gefährliche Lebensmittelzusätze
Auch die Ernährung rückt in den Fokus. Die französische NutriNet-Santé-Studie mit 112.000 Teilnehmern über sieben bis acht Jahre belegt: Ein hoher Konsum bestimmter Konservierungsstoffe erhöht das Risiko für Bluthochdruck um 29 Prozent und für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 16 Prozent. Besonders betroffen sind die Zusatzstoffe E202 (Kaliumsorbat), E224 (Kaliummetabisulfit) und E250 (Natriumnitrit).
Mediterrane Ernährung als natürlicher Schutz
Die mediterrane Kost – zu mehr als 75 Prozent pflanzlich – gilt zunehmend als Goldstandard. Die PREDIMED-Plus-Studie, publiziert in den Annals of Internal Medicine, belegt: Eine kalorienreduzierte Version dieser Ernährung, kombiniert mit Bewegung und professioneller Begleitung, senkte bei knapp 4.800 übergewichtigen Erwachsenen über sechs Jahre das Diabetesrisiko um 31 Prozent.
Fünf Lebensmittel wurden auf dem Kongress als besonders wirksam gegen Bluthochdruck hervorgehoben:
- Rote Bete: Enthält Nitrate, die im Körper zu gefäßerweiterndem Stickstoffmonoxid werden
- Knoblauch: Wirkt als natürlicher ACE-Hemmer
- Leinsamen: Reduzieren Gefäßentzündungen
- Dunkle Schokolade: Mindestens 85 Prozent Kakaoanteil nötig für positive Effekte
- Walnüsse: Reich an Magnesium und Omega-3-Fettsäuren
Magnesium und Kaffee – die Details zählen
Die tägliche Einnahme von zehn bis 20 mmol Magnesium kann den diastolischen Blutdruck um durchschnittlich zehn mmHg senken. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt 350 mg für Männer und 300 mg für Frauen. Bei therapeutischen Dosen sind Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden möglich.
Kaffee bleibt ein zweischneidiges Schwert. Eine Metaanalyse von 13 Studien mit 315.000 Teilnehmern zeigt: Moderater Konsum erhöht das Bluthochdruckrisiko für die meisten Menschen nicht. Anders sieht es bei Menschen mit einer bestimmten Genvariante aus: Eine Studie im JAMA mit 604 Teilnehmern belegt, dass Träger des CYP1A2-Genvariants bei drei oder mehr Tassen täglich ein 2,8-fach erhöhtes Risiko haben.
Pharmaindustrie: Neue Wirkstoffe, alte Probleme
Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat am 22. Mai die Zulassung einer höheren Dosierung von Wegovy (Semaglutid) mit 7,2 mg empfohlen. GLP-1-Rezeptor-Agonisten zeigen beeindruckende Erfolge: Die Cleveland Clinic berichtet von einer 38-prozentigen Senkung der Sterblichkeit bei Patienten mit Herzinsuffizienz und Typ-2-Diabetes.
Doch die Kehrseite: Wer die „Abnehmspritzen" absetzt, nimmt monatlich rund 400 Gramm wieder zu – und erreicht nach 1,5 bis zwei Jahren meist das Ausgangsgewicht. Eine Übersichtsarbeit in den Annals of Internal Medicine vom 24. Mai warnt zudem vor erheblichem Muskelverlust: In 36 untersuchten Studien machte der Muskelabbau fast 35 Prozent des gesamten Gewichtsverlusts aus – deutlich über der klinischen Grenze von 25 Prozent.
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Das Sozialgericht Niedersachsen-Bremen entschied am 28. April: Die gesetzliche Krankenkasse muss Mounjaro nicht bezahlen, wenn es als Lifestyle-Medikament zur Gewichtsreduktion verschrieben wird. In China erhielt Bayer derweil die Zulassung für Kerendia (Finerenon) zur Behandlung von Herzinsuffizienz – ein weiterer Baustein im „Vier-Säulen-Modell" aus ACE-Hemmern, SGLT2-Inhibitoren, GLP-1-Agonisten und Finerenon.
Geschlechtersensible Medizin: Frauen werden zu spät behandelt
Ein kritischer Missstand bleibt die Diagnose von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen. In Deutschland sind Herzkrankheiten mit 35 Prozent aller Todesfälle die häufigste Todesursache bei Frauen. Doch die Symptome sind oft atypisch – Übelkeit und Rückenschmerzen statt Brustschmerzen –, was zu verzögerten Diagnosen führt. Die Universitätsmedizin Magdeburg betreibt seit April 2025 eine geschlechtersensible Ambulanz.
Auch die Nomenklatur ändert sich: Seit dem 12. Mai wird das frühere PCOS in PMOS (Polyendokrines Metabolisch- Ovarielles Syndrom) umbenannt, um den Stoffwechselcharakter der Erkrankung zu betonen – 85 Prozent der betroffenen Frauen leiden an Insulinresistenz.
KI eröffnet neue Diagnosemöglichkeiten
Am 21. Mai veröffentlichte das Fachmagazin Nature eine Studie zu einem KI-gesteuerten 3D-Körperatlas, entwickelt von Helmholtz Munich und der LMU. Die Technologie namens MouseMapper zeigt, dass Fettleibigkeit zu spezifischen Entzündungen und Schäden am Trigeminusnerv führen kann. Forscher beginnen zudem, Menschen in „sparsame" und „verschwenderische" Stoffwechseltypen zu unterteilen – letztere besitzen mehr braunes Fett, das Energie in Wärme umwandelt.
Ausblick: Zuckersteuer und neue Medikamente
Die kommenden Jahre versprechen weitere Fortschritte. Eli Lillys Retatrutid könnte 2027 auf den Markt kommen – in klinischen Studien zeigte es eine Gewichtsreduktion von 28,3 Prozent über 80 Wochen. Die Bundesregierung hat eine Zuckersteuer verabschiedet. In Vietnam nutzten Regierungsvertreter den Community Nutrition Day am 24. Mai, um „Ernährung als natürlichen Impfstoff" gegen die steigende Flut chronischer Krankheiten zu propagieren.
Die größte Hürde bleibt die Umsetzung: Nur 25 Prozent der Typ-2-Diabetiker erhalten derzeit die notwendige Schulung. Ohne flächendeckende Aufklärung und strukturelle Veränderungen drohen die vielversprechenden Forschungsergebnisse in der Praxis zu verpuffen.
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