Diabetes-Kongress, Lebensstil

Diabetes-Kongress: Lebensstil schlägt Gene bei chronischen Krankheiten

25.05.2026 - 03:30:12 | boerse-global.de

Studie belegt: Gesunde Ernährung und Bewegung senken Diabetesrisiko deutlich stärker als genetische Faktoren.

Diabetes-Kongress: Lebensstil schlägt Gene bei chronischen Krankheiten - Foto: über boerse-global.de
Diabetes-Kongress: Lebensstil schlägt Gene bei chronischen Krankheiten - Foto: über boerse-global.de

Der 60. Deutsche Diabetes-Kongress in Berlin liefert neue Erkenntnisse: Gesunde Ernährung und Bewegung haben einen deutlich stärkeren Einfluss auf chronische Stoffwechselerkrankungen als die genetische Veranlagung.

Eine Langzeitstudie der University of Massachusetts mit 332.000 Teilnehmern über 14 Jahre zeigt: Ungesunder Lebensstil erhöht das Diabetesrisiko um das Siebenfache. Genetische Faktoren steigern das Risiko dagegen nur um das 2,6-Fache. Die Forscher schätzen, dass sich mehr als 55 Prozent aller neuen Diabetesfälle durch Verhaltensänderungen vermeiden ließen.

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Die pflanzenbetonte Ernährung als Schutzschild

Bei der Behandlung von Stoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes setzen Fachgesellschaften zunehmend auf pflanzliche Kost. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und die Deutsche Herzstiftung empfehlen eine mediterrane Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Nüssen und pflanzlichen Ölen. Nach aktuellen DGE-Leitlinien kann eine bewusste Ernährung zu mehr als 75 Prozent aus pflanzlichen Lebensmitteln bestehen.

Die Wahl der Nahrungsmittel geht weit über die reine Kalorienbilanz hinaus. Eine Studie von NutriNet-Santé mit 112.000 Teilnehmern über sieben bis acht Jahre zeigt die Risiken bestimmter Zusatzstoffe. Der hohe Verzehr von nicht-antioxidativen Konservierungsstoffen – konkret E202 (Kaliumsorbat), E224 (Kaliummetabisulfit) und E250 (Natriumnitrit) – war mit einem 29 Prozent höheren Risiko für Bluthochdruck und einem 16 Prozent höheren kardiovaskulären Risiko verbunden.

Zur Senkung des LDL-Cholesterins, einem zentralen Bestandteil des metabolischen Syndroms, setzen Experten auf lösliche Ballaststoffe aus Hafer, Flohsamenschalen und Hülsenfrüchten. Bereits fünf bis zehn Gramm täglich zeigen messbare Effekte auf die Blutfettwerte. Pflanzensterine in Mengen von 1,5 bis zwei Gramm pro Tag können das LDL-Cholesterin um fünf bis 15 Prozent senken.

Bewegung: Zehn Stunden pro Woche fürs Herz

Die aktuellen globalen Bewegungsempfehlungen reichen möglicherweise nicht aus. Eine chinesische Studie, veröffentlicht am 23. Mai 2026 im British Journal of Sports Medicine, wertete Daten von 17.000 UK-Biobank-Teilnehmern über acht Jahre aus. Das Ergebnis: 560 bis 610 Minuten moderate Bewegung pro Woche – rund zehn Stunden – senken das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzversagen um mehr als 30 Prozent.

Dieser Schutz liegt deutlich über dem der aktuellen WHO-Empfehlung von 150 Minuten pro Woche, die laut Studie nur eine Risikoreduktion von acht bis neun Prozent bringt. Allerdings erreichten nur zwölf Prozent der Studienteilnehmer die höhere Schwelle von zehn Stunden wöchentlicher Aktivität. Für Patienten mit metabolischem Syndrom – gekennzeichnet durch Bauchfett, Bluthochdruck und erhöhten Blutzucker – gilt dieses Pensum als zentrale Behandlungssäule, ergänzt durch eine Gewichtsreduktion von fünf bis zehn Prozent.

Warum manche Menschen schwerer abnehmen

Die Reaktion auf Ernährungsinterventionen und Gewichtsverlust variiert stark – je nach Stoffwechseltyp. Der Forscher Tim Hollstein vom NIH in Arizona unterscheidet zwischen „sparsamen" und „verschwenderischen" Phänotypen. In kontrollierten Studien zeigten Probanden unter identischen Bedingungen Gewichtsverluste zwischen vier und zwölf Prozent, abhängig von ihrer Stoffwechselklassifikation. Sparsame Typen speichern Energie bei Fasten- oder Überfütterungsphasen effizienter, was die Gewichtskontrolle erschwert.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei das braune Fettgewebe, das Energie in Wärme umwandelt. Menschen mit höheren Konzentrationen an braunem Fett sind tendenziell schlanker. Die Epigenetik-Forschung zeigt: Kältereize können dieses Gewebe aktivieren. Es gibt sogar Hinweise, dass die Kälteexposition des Vaters vor der Empfängnis den braunen Fettanteil bei den Nachkommen erhöhen kann. Für die Behandlung unterschiedlicher Stoffwechselprofile empfehlen Experten unverarbeitete mediterrane Lebensmittel und frühere Essenszeiten zur Unterstützung des zirkadianen Rhythmus.

Medikamente: Hilfe, aber kein Ersatz

Lebensstil bleibt die Basis der Behandlung, doch die Pharmakologie bietet neue Optionen für Hochrisipatienten. Am 22. Mai 2026 wurde eine EU-Empfehlung für die Zulassung von Wegovy 7,2 mg ausgesprochen – ein Schritt zu höher dosierten GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Eine Studie der Cleveland Clinic zeigte, dass diese Medikamente die relative Sterblichkeit bei Patienten mit Typ-2-Diabetes und Herzinsuffizienz mit reduzierter Auswurffraktion (HFrEF) um 38 Prozent senken können.

Mediziner warnen jedoch davor, die Medikamente als dauerhaften Ersatz für Lebensstiländerungen zu betrachten. Nach Absetzen der GLP-1-Therapie nehmen Patienten durchschnittlich 400 Gramm pro Monat wieder zu – oft erreichen sie ihr Ausgangsgewicht innerhalb von 1,5 bis zwei Jahren. Ursache ist unter anderem der Verlust von Muskelmasse während der schnellen Gewichtsabnahme, der den Grundumsatz senkt. Endokrinologen betonen daher die Notwendigkeit ärztlicher Begleitung, ausreichender Proteinzufuhr und Krafttrainings.

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Parallel erweitern neue Zulassungen die Behandlungsmöglichkeiten für Folgeerkrankungen. Bayer erhielt kürzlich die Zulassung in China für Kerendia (Finerenon) zur Behandlung von Herzinsuffizienz. Das Medikament ist Teil des „Vier-Säulen-Modells" zur Behandlung der diabetischen Nierenerkrankung – zusammen mit ACE-Hemmern oder ARBs, SGLT2-Inhibitoren und GLP-1-Agonisten.

Ausblick: Personalisierte Stoffwechselmedizin

Die Medizin bewegt sich in Richtung personalisierter Stoffwechseltherapie. Tragbare Atemtests, die analysieren, ob der Körper vorwiegend Fette oder Kohlenhydrate verbrennt, werden zunehmend verfügbar. Sie helfen, die Kohlenhydrataufnahme an das Aktivitätsniveau anzupassen.

Die Umbenennung des Polyzystischen Ovarialsyndroms (PCOS) in Polyzystisches Metabolisches Ovarialsyndrom (PMOS) am 12. Mai 2026 spiegelt die wachsende Erkenntnis wider, dass reproduktive Gesundheit und systemischer Stoffwechsel eng verwoben sind. Künftige Leitlinien werden wohl noch stärker betonen: Die Kombination aus pflanzenbetonter Ernährung, deutlich mehr Bewegung und gezielter medikamentöser Unterstützung bietet den besten Weg zur langfristigen Remission und reduzierten Sterblichkeit bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck.

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