Diabetes-Kongress, Berlin

Diabetes-Kongress Berlin: Ernährung verhindert 5,9 Millionen Todesfälle

25.05.2026 - 21:26:37 | boerse-global.de

Studien belegen: Lebensstil beeinflusst Diabetesrisiko stärker als Gene. Experten warnen vor Pestiziden in Lebensmitteln und Muskelabbau durch Abnehmspritzen.

Diabetes-Kongress Berlin: Ernährung verhindert 5,9 Millionen Todesfälle - Foto: über boerse-global.de
Diabetes-Kongress Berlin: Ernährung verhindert 5,9 Millionen Todesfälle - Foto: über boerse-global.de

Der 60. Deutsche Diabetes-Kongress in Berlin macht klar: Ernährung ist mehr als Kalorienzählen. Experten diskutieren das Zusammenspiel von Genen, Lebensstil und Umweltfaktoren. Neue Studien belegen, dass ein Großteil chronischer Erkrankungen durch gezielte Ernährung und Bewegung vermeidbar wäre.

Gleichzeitig warnen Labortests vor erheblichen Mängeln in der Reinheit pflanzlicher Produkte. Und Medikamente wie Abnehmspritzen zeigen zwar Erfolge, bringen aber Risiken mit sich.

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Millionen Todesfälle durch falsche Ernährung

Die Global Burden of Disease Study analysierte Daten von 1990 bis 2023 aus über 200 Ländern. Ergebnis: 2023 ließen sich weltweit rund 5,9 Millionen Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf ernährungsbedingte Risikofaktoren zurückführen.

Hauptursachen: zu viel Natrium, zu wenig Obst und Vollkornprodukte. Besonders betroffen sind Männer, die höchste Sterblichkeit verzeichnet die pazifische Inselregion.

Die UK-Biobank-Studie mit rund 480.000 Teilnehmern liefert konkrete Hinweise auf Schutzwirkungen. Ein moderater Konsum von Trockenfrüchten senkt das Risiko für Kopf-Hals-Krebs um 23 Prozent. Ähnliche Effekte zeigen Milch (ab 299 ml täglich) und Kaffee – hier liegt die Risikoreduktion zwischen 23 und 29 Prozent.

Im Gegensatz dazu: Rotes Fleisch, raffinierte Getreideprodukte und regelmäßiges Nachsalzen erhöhen das Krebsrisiko deutlich.

Pestizide in Naturprodukten: Alarmierende Testergebnisse

foodwatch veröffentlichte Mitte Mai Testergebnisse von 64 Produkten aus Deutschland, Österreich, Frankreich und den Niederlanden. 67 Prozent der Proben enthielten Rückstände von in der EU verbotenen Pestiziden.

Besonders drastisch: Ein Kreuzkümmel-Produkt von Fuchs überschritt den Grenzwert für den Stoff Flamprop um das 165-Fache. Bei einer Lidl-Eigenmarke lag die Überschreitung sogar beim 217-Fachen. Auch ein Chili-Mix von REWE zeigte Belastungen.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung stufte die Produkte als nicht verkehrsfähig ein, sah aber kein akutes Gesundheitsrisiko. Unbelastet blieben unter anderem Milchreis von Dr. Oetker, Reis von Oryza und Ben's Original sowie verschiedene Teesorten.

Abnehmspritzen: Erfolg mit Nebenwirkungen

Am 22. Mai sprach die EU eine Zulassungsempfehlung für eine neue Wegovy-Dosierung (7,2 mg) aus. Doch eine Übersichtsarbeit in den Annals of Internal Medicine warnt vor Nebenwirkungen.

Die Analyse der Universität North Carolina zeigt: Wirkstoffe wie Semaglutid oder Tirzepatid führen zu überproportionalem Muskelabbau. Bei 68 Prozent der Teilnehmer lag der Anteil des Muskelverlusts am Gesamtgewichtsverlust über dem medizinischen Richtwert von 25 Prozent. Im Mittel betrug er fast 35 Prozent.

Besonders ältere Patienten riskieren Sarkopenie – eine degenerative Abnahme der Muskulatur. Experten betonen: Ohne begleitendes Krafttraining und proteinreiche Ernährung ist die Therapie riskant. Nach dem Absetzen der Präparate nahmen Probanden durchschnittlich 400 Gramm pro Monat wieder zu.

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Jeder Stoffwechsel ist anders

Tim Hollstein vom NIH in Arizona identifizierte in einer kontrollierten Studie unterschiedliche Stoffwechseltypen. „Verschwenderische" Typen verloren unter identischen Bedingungen bis zu 12 Prozent ihres Körpergewichts, „sparsame" Typen lediglich 4 Prozent. Entscheidend: das braune Fettgewebe, das durch Kälte aktiviert werden kann.

Auch eineiige Zwillinge zeigen trotz identischer DNA völlig unterschiedliche Reaktionen auf die gleiche Nahrung. Die Analyse von rund 300.000 Nutzern legt nahe: Die zeitliche Steuerung der Kohlenhydrataufnahme – idealerweise früh am Tag oder vor Bewegung – verbessert die metabolische Flexibilität. Ein frühes Abendessen unterstützt den zirkadianen Rhythmus.

Zum Intervallfasten liefert eine Cochrane-Studie vom Februar ein differenziertes Bild: Kein signifikanter Vorteil gegenüber herkömmlicher Kalorienreduktion. Entscheidend ist die Gesamtbilanz. Für Frauen in den Wechseljahren wird Intervallfasten teilweise kritisch gesehen – hormonelle Veränderungen könnten die Fettspeicherung fördern.

Lebensstil schlägt Genetik

Die University of Massachusetts untersuchte 332.000 Teilnehmer über 14 Jahre. Ergebnis: Ein ungesunder Lebensstil erhöht das Diabetesrisiko um das Siebenfache. Genetische Faktoren steigern es lediglich um das 2,6-Fache. Über 55 Prozent der Neuerkrankungen gelten heute als vermeidbar.

Die Pharmaindustrie reagiert auf den Trend. Bayer erhielt im Mai in China die Zulassung für Finerenon zur Behandlung von Herzinsuffizienz. Die Umbenennung des polyzystischen Ovarsyndroms (PCOS) in PMOS am 12. Mai zeigt die medizinische Neubewertung komplexer Stoffwechselstörungen.

Was bleibt?

Zukünftige Therapiemodelle werden auf vier Säulen basieren: medikamentöse Unterstützung, gezielte Ernährung, regelmäßige Bewegung und individuelle Stoffwechselbiologie. Die Vermeidung von Muskelabbau bei gleichzeitiger Fettreduktion bleibt eine zentrale Herausforderung.

Die wissenschaftliche Evidenz deutet auf eine unverarbeitete, mediterran orientierte Kost mit hoher zeitlicher Disziplin bei der Nahrungsaufnahme als stabilste Grundlage für langfristige Gesundheit.

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