Diabetes-Früherkennung: 44.715 Messungen zeigen viele unentdeckte Fälle
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 16:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Diabetologie gewinnen strukturierte Methoden zur Früherkennung sowie differenzierte Strategien zur Risikobewertung zunehmend an Bedeutung. Da Typ-2-Diabetes im Anfangsstadium häufig ohne spürbare Beschwerden verläuft, bleibt die Stoffwechselstörung bei vielen Betroffenen über Jahre unbemerkt.
Symptome wie anhaltende Müdigkeit, starker Durst, häufiges Wasserlassen, Sehstörungen oder ein Gewichtsverlust treten meist erst bei deutlich erhöhten Blutzuckerwerten auf. Häufig wird die Erkrankung erst diagnostiziert, wenn sich bereits Folgekomplikationen an Blutgefäßen, Augen oder Füßen manifestiert haben.
Niedrigschwellige Screenings zur Reduzierung der Dunkelziffer
Um unentdeckte Fälle früher zu identifizieren, setzen Gesundheitsexperten auf dezentrale Screening-Angebote. Wie ein solches Vorgehen in der Praxis aussehen kann, zeigte im Jahr 2025 die Initiative DIA-tour in Tschechien. Im Frühjahr und Herbst wurden dabei 44.715 Messungen kapillarer Blutzuckerwerte über Apotheken und eine mobile Einheit durchgeführt, die an 106 Haltepunkten in 68 Städten aller 14 Regionen des Landes Halt machte.
Die Auswertung nach den Kriterien der tschechischen Fachgesellschaft ?DS stufte Werte unter 7,0 mmol/l als negativ ein. Ein Wert zwischen 7,0 und 11,0 mmol/l galt als positiv und erforderte eine ärztliche Konsultation, während Werte ab 11,1 mmol/l als deutlich positiv mit der Empfehlung einer schnellen Abklärung bewertet wurden.
Rund 10,3 Prozent der Messungen fielen positiv aus, etwa 2,0 Prozent deutlich positiv. Insgesamt wurden über 5.500 Personen zur weiteren labordiagnostischen Abklärung verwiesen, darunter rund 900 mit dringlicher Empfehlung. Die regionalen Positivquoten bewegten sich zwischen 7 und 23 Prozent, was den Nutzen flächendeckender Tests unterstreicht.
Risikostratifizierung und personalisierte Lebensstilintervention
Neben der rein laborchemischen Erfassung rückt die individuelle Risikostratifizierung in den Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen. Das gemeinsame Konsensus-Papier der Amerikanischen Diabetes-Gesellschaft (ADA) und der Europäischen Vereinigung für das Studium des Diabetes (EASD) betont, dass neben dem Langzeitblutzuckerwert HbA1c weitere Faktoren in die Therapieentscheidungen einbezogen werden müssen. Dazu zählen Körpergewicht, Nierenfunktion, das Vorliegen einer Fettleber sowie das kardiovaskuläre Gesamtrisiko.
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Dass Präventionsprogramme besonders effektiv sind, wenn sie auf spezifische biologische Risikoprofile abgestimmt werden, belegt eine deutsche Studie mit 1.105 Personen mit Prädiabetes. Die Teilnehmenden wurden anhand ihrer Insulinsekretion, Insulinsensitivität und des Leberfettgehalts in Hoch- und Niedrigrisikogruppen eingeteilt.
Bei Hochrisipatienten führte eine intensive Lebensstilintervention mit 16 Fachberatungen pro Jahr und sechs Stunden Sport pro Woche nach einem einjährigen Interventionszeitraum und einer zweijährigen Nachbeobachtung zu einer deutlichen Verbesserung der Glukose- und kardiometabolischen Werte sowie zu einer Normalisierung des Leberfetts.
Eine reguläre Intervention mit drei Stunden Bewegung wöchentlich erwies sich in dieser Gruppe als deutlich weniger wirksam. Bei Teilnehmenden mit geringem Ausgangsrisiko zeigte die reguläre Lebensstiländerung hingegen kaum zusätzliche Effekte auf Insulinsensitivität, Leberfett oder kardiometabolische Parameter.
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Digitale Werkzeuge und technologische Perspektiven
In Ergänzung zu ärztlichen Untersuchungen gewinnen digitale Angebote bei der Begleitung von Lebensstiländerungen an Gewicht. Der AOK Online-Coach Diabetes etwa vermittelt strukturierte Inhalte in neun aufeinander aufbauenden Modulen, die unter anderem Ernährung, Bewegung und Behandlungsoptionen abdecken.
Zur Stärkung der Selbstmotivation greift das kostenlose Programm auf die von der Psychologieprofessorin Gabriele Oettingen entwickelte WOOP-Methode zurück.
Über internetbasierte Beratungsangebote hinaus zeichnen sich weitere technologische Weiterentwicklungen ab. Fachleute wie Prof. Dr. Dominic Ehrmann vom Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim verweisen auf das Potenzial von Künstlicher Intelligenz.
Neben dem Einsatz in automatisierten Insulindosiersystemen und beim Retinopathie-Screening wird künftig unter anderem an digitalen Zwillingen sowie an Möglichkeiten geforscht, Typ-2-Diabetes anhand von Stimmmustern frühzeitig zu erkennen.
