Diabetes-Behandlung: Nur 12 Prozent erreichen alle drei wichtigen Zielwerte
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deChronische Erkrankungen belasten die europäischen Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften in erheblichem Ausmaß. Auf der Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für das Studium des Diabetes (EASD) Ende September 2026 in Mailand rückte die Debatte „State of Health – The Milan Dialogue“, organisiert von Eli Lilly, dem European Diabetes Forum (EUDF) und der EASD, diesen Zusammenhang in den Mittelpunkt.
Die Kernbotschaft der Konferenzteilnehmer: Gesundheit dürfe nicht mehr bloß als Kostenfaktor betrachtet werden, sondern müsse als essenzieller Teil der europäischen Wirtschaftspolitik und als strategische Investition begriffen werden.
Wirtschaftliche Folgekosten durch chronische Krankheiten
Die Dimension der ökonomischen Belastungen belegen Erhebungen von Eli Lilly und dem EUDF. Demnach verursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Europäischen Union jährlich Kosten von mehr als 282 Milliarden Euro. Davon entfallen rund 47 Milliarden Euro auf verloren gegangene Produktivität. Für das Jahr 2021 summierten sich die Ausfälle auf rund 256 Millionen verlorene Arbeitstage und 1,3 Millionen verlorene Arbeitsjahre.
Hinzu kommt die steigende Verbreitung von Stoffwechselstörungen. Laut Zahlen der International Diabetes Federation (IDF) aus dem Jahr 2024 leben in der europäischen IDF-Region etwa 65,6 Millionen Erwachsene mit Diabetes, wovon schätzungsweise 22 Millionen Fälle noch undiagnostiziert sind. Zudem weisen rund 48 Millionen Menschen eine gestörte Glukosetoleranz auf.
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Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass Herz-Kreislauf-Leiden mit 1,7 Millionen Todesfällen im Jahr 2022 sowie rund 62 Millionen Betroffenen die führende Todesursache in der EU bleiben und für einen von drei Todesfällen verantwortlich sind. In der EU sind zudem 35,3 Millionen Menschen von Diabetes betroffen, während rund ein Sechstel der Erwachsenen mit Adipositas lebt.
Forderungen nach strukturierten Screenings
Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, setzt sich das EUDF für eine systematische Früherkennung ein. Vorgeschlagen wird ein Screening ab einem Alter von 35 Jahren, das Glukosewerte, LDL-Cholesterin, Körpergewicht und den Blutdruck erfasst.
Im Rahmen der Fachtagung in Mailand initiierten EUDF, EASD, die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) und die Europäische Adipositasgesellschaft (EASO) gemeinsam mit EU-Kommissar Olivér Várhelyi die erste europäische Screening-Woche.
Unter dem Titel „Know Your Numbers“ zielt die Initiative auf eine breitere Erfassung von Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin ab. Die Verbände beabsichtigen damit, die Früherkennung zu stärken sowie politische Initiativen wie den „EU Safe Hearts Plan“ und die Ratsempfehlungen zu Gesundheitschecks voranzutreiben.
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Behandlungsdefizite und Verzögerungen beim Versorgungszugang
Dass in der Praxis erhebliche Lücken bestehen, verdeutlicht eine systematische Übersichtsarbeit von 63 Studien mit insgesamt 1.618.972 Typ-2-Diabetes-Patienten.
Die Analyse zeigt, dass die Zielwerte für Blutzucker lediglich zu 44 Prozent, für Blutdruck zu 41 Prozent und für Blutfettwerte zu 47 Prozent erreicht wurden. Das gleichzeitige Erreichen aller drei Zielparameter gelang lediglich bei 12 Prozent der Betroffenen.
Neben der Diagnose stellt auch der Zugang zu modernen Therapien eine Hürde dar. Zwischen den Jahren 2021 und 2024 lag der Medianwert von der behördlichen Zulassung bis zur tatsächlichen Verfügbarkeit für Patienten in den EU-Mitgliedstaaten bei 532 Tagen, wobei die späne von 56 bis zu 1201 Tagen reichte.
Auf europäischer Ebene spiegelt sich der Handlungsdruck auch in den Finanzen wider: Die EU-Kommission legte für das EU4Health-Arbeitsprogramm 2026 ein Gesamtbudget von rund 681 Millionen Euro fest. Davon sind 111 Millionen Euro für Gesundheitssysteme und das Gesundheitspersonal vorgesehen, 430 Millionen Euro fließen in die Krisenvorsorge und 40 Millionen Euro in Produktionskapazitäten für kritische Arzneimittel.
