Diabetes: 55 Prozent der Neuerkrankungen wären vermeidbar
26.05.2026 - 13:30:41 | boerse-global.deDie 60. Jahrestagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft in Berlin hat eine klare Botschaft: Mehr als die Hälfte aller Diabetes-Neuerkrankungen ließe sich durch Verhaltensänderungen vermeiden. Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass der Lebensstil einen deutlich größeren Einfluss auf chronische Erkrankungen hat als die genetische Veranlagung.
Bewegung als Schlüsselfaktor
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Eine Langzeitstudie der University of Massachusetts mit 332.000 Teilnehmern über 14 Jahre liefert beeindruckende Zahlen: Ein ungesunder Lebensstil erhöht das Diabetesrisiko um das Siebenfache. Zum Vergleich: Genetische Faktoren steigern das Risiko lediglich um den Faktor 2,6. Die Forscher schlussfolgern, dass über 55 Prozent aller neuen Diabetesfälle durch gezielte Verhaltensänderungen vermeidbar wären.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt derzeit 150 Minuten Bewegung pro Woche – das senkt das Risiko um acht bis neun Prozent. Eine Studie mit 17.000 Probanden zeigt jedoch: Wer es schafft, 560 bis 610 Minuten pro Woche aktiv zu sein, reduziert sein Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall um mehr als 30 Prozent.
Versteckte Risiken in Lebensmitteln
Die französische NutriNet-Santé-Studie, die seit 2009 über 112.000 Teilnehmer begleitet, hat alarmierende Erkenntnisse zu Lebensmittelzusätzen vorgelegt. Konservierungsstoffe wie E202 (Kaliumsorbat), E224 (Kaliummetabisulfit) und E250 (Natriumnitrit) erhöhen das Risiko für Bluthochdruck um 29 Prozent und das allgemeine Herz-Kreislauf-Risiko um 16 Prozent.
Überraschend: Auch antioxidative Zusätze wie Zitronensäure und Ascorbinsäure wurden mit einem 22 Prozent höheren Bluthochdruckrisiko in Verbindung gebracht. Nur 35 Prozent dieser Stoffe stammen aus stark verarbeiteten Lebensmitteln – die Substanzen sind also weiter verbreitet als gedacht.
KI sagt Herzinfarkte Jahre voraus
Forscher der Universität Hongkong haben ein KI-gestütztes Tool namens CardiOmicScore entwickelt. Es analysiert 2.920 Blutproteine und 168 Stoffwechselprodukte aus einer einzigen Blutprobe. Das in Nature Communications veröffentlichte System kann das Risiko für sechs große Herz-Kreislauf-Erkrankungen – darunter koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Herzinsuffizienz – bis zu 15 Jahre im Voraus vorhersagen.
„Das ermöglicht personalisierte Eingriffe, lange bevor irreversible Schäden entstehen", erklärt Studienleiter Professor Zhang Qingpeng.
Entzündungen: Die unterschätzte Gefahr
Die Poseidon-Studie von Novo Nordisk mit fast 19.000 Patienten aus 18 Ländern zeigt ein weiteres Problem: Zwei von fünf Patienten, die sowohl an Arteriosklerose als auch an chronischer Nierenerkrankung leiden, weisen erhöhte Entzündungswerte auf. Diese Entzündungen sind direkt mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulären Tod verbunden – ein Bereich, den viele Standardtherapien bislang nicht ausreichend adressieren.
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Neue Medikamente erweitern Therapiemöglichkeiten
Für Patienten mit diabetischer Nierenerkrankung zeichnet sich eine „Vier-Säulen-Therapie" ab: ACE-Hemmer oder ARBs, SGLT2-Inhibitoren, GLP-1-Rezeptor-Agonisten und der Mineralokortikoid-Rezeptor-Antagonist Finerenon.
Die EU-Arzneimittelbehörde CHMP hat am 22. Mai die Zulassung von Wegovy in der 7,2-mg-Dosierung empfohlen. Klinische Daten der Cleveland Clinic zeigen, dass GLP-1-Therapien die Sterblichkeit bei Patienten mit Herzinsuffizienz um 38 Prozent senken können. Allerdings warnten die Ärzte: Nach Absetzen der Medikamente nehmen Patienten monatlich rund 400 Gramm zu. Zudem erhalten nur 25 Prozent der Typ-2-Diabetiker eine strukturierte Schulung – für den langfristigen Behandlungserfolg aber unerlässlich.
Bayern setzt auf Präventionskultur
Die medizinische Fachwelt setzt zunehmend auf Prävention. In Bayern wurde der „Masterplan Prävention" vorgestellt, der den Wandel von der „Reparaturmedizin" zur „Präventionskultur" einleiten soll. Geplant sind kostenlose Bewegungsprogramme im Freien und generationenübergreifende Unterstützungssysteme. Allerdings bleiben Hürden wie strenge Altersgrenzen und fehlende Kapatitäten bestehen.
Statine: Mehr als nur Cholesterinsenker
Eine Metaanalyse aus 55 Studien mit über sieben Millionen Patienten zeigt: Statine könnten das Demenzrisiko um 14 Prozent senken. Eine südkoreanische Studie fand sogar eine 28-prozentige Reduktion des Alzheimer-Risikos bei LDL-Cholesterinwerten unter 70 mg/dL. Die Langzeiteinnahme über mehr als drei Jahre ist laut einer JAMA-Neurology-Studie mit einer 63-prozentigen Reduktion des Demenzrisikos verbunden. Zudem berichtete der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, dass Statine auch das Kataraktrisiko um 20 Prozent senken könnten.
Ausblick: Die Kombination macht's
Die Integration von Hightech-Diagnostik und einfachen Lebensstilinterventionen bleibt das Hauptziel für die zweite Jahreshälfte 2026. KI-gestützte Tools wie CardiOmicScore und wirksamere Medikamente wie hochdosierte GLP-1-Agonisten bieten Hochrisikopatienten ein ausgefeiltes Instrumentarium.
Doch der Konsens der Experten in Berlin ist eindeutig: Das größte Potenzial zur Reduzierung chronischer Erkrankungen liegt in der Veränderung des Lebensstils. Mit 55 Prozent vermeidbarer Diabetesfälle durch Verhaltensänderungen wird der Fokus auf strukturierte Patientenschulungen und öffentliche Gesundheitsprogramme bleiben. Die anstehenden Datenveröffentlichungen großer Pharmakonzerne im Juni werden die Rolle gezielter Therapien für Nieren- und Herzerkrankungen weiter klären.
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