Depressionsstudie: taVNS zeigt nach acht Wochen Vorteile bei Schlaf und Kognition
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 06:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deNicht-invasive Verfahren zur Reizung von Nervenstrukturen am Ohr gewinnen in der klinischen Forschung und komplementärmedizinischen Praxis an Aufmerksamkeit. Aktuelle Berichte und Studien untersuchen den therapeutischen Einsatz der transkutanen Vagusnervstimulation sowie traditionelle Prinzipien der Ohr-Akupressur und Ohr-Akupunktur bei Erkrankungen wie Depressionen, Bluthochdruck und weiteren Indikationen.
Klinische Studienlage bei Depression und Bluthochdruck
In einer am 22. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift BMC Psychiatry veröffentlichten retrospektiven Kohortenstudie wurde die transkutane Vagusnervstimulation (taVNS) im Vergleich zum Antidepressivum Escitalopram untersucht.
Die an einem einzelnen Krankenhaus durchgeführte Erhebung umfasste Daten von Behandlungen zwischen September 2021 und September 2025. Mittels Propensity-Score-Matching wurden jeweils 120 Patientinnen und Patienten mit schwerer Major Depression pro Behandlungsgruppe verglichen.
Nach acht Wochen zeigte sich bei den Kernsymptomen, erfasst über die Skalen MADRS und HAMD-17, kein statistisch signifikanter Gruppenunterschied zwischen beiden Verfahren.
Vorteile zugunsten der taVNS zeigten sich hingegen bei sekundären Parametern. Dazu zählten die Schlafqualität (PSQI, P<0,001), kognitive Funktionen (MoCA, P=0,024), Anhedonie (SHAPS, P=0,040) sowie Messwerte der Herzratenvariabilität wie SDNN (P=0,006), RMSSD (P=0,016) und das LF/HF-Verhältnis (P<0,001).
Während unter Escitalopram häufiger Nebenwirkungen wie Übelkeit, Somnolenz und Mundtrockenheit auftraten, beschränkten sich die unerwünschten Ereignisse bei taVNS auf milde lokale Hautreaktionen. Als methodische Einschränkungen nannten die Autoren das retrospektive Design an einem einzelnen Zentrum sowie das Fehlen einer Randomisierung.
Ebenfalls am Ohr ansetzende Stimulationsverfahren wurden im kardiovaskulären Bereich untersucht. In der an der Queen Mary University of London durchgeführten und im Fachjournal Hypertension publizierten SCRATCH-HTN-Studie erhielten 63 Probanden mit trotz medikamentöser Therapie erhöhtem Blutdruck eine transkutane autonome Neuromodulation mittels Ohr-Clips am Tragus.
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Nach einer zweiwöchigen Phase mit 30 Minuten täglicher Anwendung und anschließenden zehn Wochen mit wöchentlicher Sitzung ergab sich im Vergleich zu einem Placebo-Gerät über alle Teilnehmenden kein statistisch signifikanter Unterschied bei der Blutdrucksenkung.
Die Anwendung erwies sich jedoch als sicher, gut verträglich und für den Heimgebrauch geeignet; eine Subgruppenanalyse soll klären, ob Patienten mit initial höheren Ausgangswerten besser ansprechen.
Komplementärmedizinische Ansätze am Ohr
Neben elektronischen Stimulationsgeräten thematisieren Berichte traditionelle Techniken der Ohrakupressur. Nach Konzepten der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wird das Ohr als Reflexzonen-Mikrosystem betrachtet. Anatomisch wird darauf verwiesen, dass Äste des Vagusnervs an der Rückseite der Ohrmuschel und der Haut des Gehörgangs verlaufen.
Diskutiert wird das Aufkleben und Pressen von Wangbuliuxing-Samen auf Punkte wie Jiaowoshang, Erbeigou, Shenmen oder Erjian. Fachberichte stellen klar, dass solche Maßnahmen bei Hypertonie ausschließlich ergänzend eingesetzt werden dürfen und keinesfalls eine verordnete Blutdruckmedikation ersetzen.
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Als Kontraindikationen gelten unter anderem Hautekzeme oder Verletzungen am Ohr, Gerinnungsstörungen, eine niedrige Thrombozytenzahl, gerinnungshemmende Medikamente sowie die ersten drei Schwangerschaftsmonate.
Prof. Guo Wei von der Shandong University of TCM, der dort das Forschungszentrum für TCM-Ohr-Akupunktur leitet, beschreibt das Ohr als Mikrokarte von Organfunktionen. Neben Berichten über Schmerzlinderungen führt er Anwendungen bei Schlafmangel, Erschöpfung und Insomnie über Punkte wie Shenmen (TF 4) und Chuiqian (LO4) an, die ohne Hautdurchtrennung erfolgen.
Neue Technologien und experimentelle Anwendungsfelder
Parallel dazu entwickeln Technologieunternehmen und Forschungsinstitute digitale und gerätebasierte Ansätze. Das Medizinprodukt Nurosym des Anbieters Parasym nutzt einen Ohrclip am Tragus für tägliche Sitzungen.
Unternehmensangaben zufolge liegen über 60 abgeschlossene und mehr als 100 laufende Studien vor; medizinisch gilt jedoch der Hinweis, dass Herzratenvariabilität keinen direkten Messwert der Vagusnervaktivität darstellt und bei implantierten Geräten oder Herzrhythmusstörungen vorab ärztlicher Rat eingeholt werden muss.
In Taiwan stellte das Industrial Technology Research Institute (ITRI) eine Technologie für generalisierte Angststörungen vor, die nicht-invasive Ohrenstimulation mit Sensorik für Herzratenvariabilität und Photoplethysmographie kombiniert.
Nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums leiden 25 bis 27 Prozent der Bevölkerung unter psychischem Stress. Kontrollierte Wirksamkeitsdaten stehen für das System noch aus, und die behördliche Zulassungsprüfung kann bis zu 1,5 Jahre dauern.
Auch bei gynäkologischen Beschwerdebildern wird die Methode erprobt: Bei der prämenstruellen dysphorischen Störung (PMDS), von der laut Studien 3 bis 8 Prozent aller menstruierenden Personen betroffen sind – in Deutschland etwa 450.000 bis 1,2 Millionen Menschen –, wird die Vagusnervstimulation über Ohrelektroden als möglicher Ansatz diskutiert, wobei sich die Forschung hierzu noch in einem frühen Stadium befindet.
