Depression, Führungskräften

Depression bei Führungskräften: Höchstleistung kann das Leiden verdecken

Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 11:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Fachleute erläutern frühe Symptome, Verbreitung und Folgen von Depressionen sowie die hohen Kosten psychischer Erkrankungen für Unternehmen.

Depression bei Führungskräften: Warnzeichen bleiben oft lange verborgen
Ein einsamer, leerer Büroarbeitsplatz in der Dämmerung mit Blick auf eine städtische Kulisse. Illustration mit AI erstellt.

Auch beruflich sehr erfolgreiche und leistungsfähige Arbeitskräfte können schwer an einer Depression erkranken. Wie Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe darlegt, bleibt das seelische Leiden gerade bei Führungskräften im Arbeitsalltag häufig unsichtbar.

Eine sogenannte hochfunktionale Depression vollzieht sich oft über lange Zeit hinter einer scheinbar intakten Fassade, bevor die Betroffenen professionelle Unterstützung suchen oder die Belastungsgrenze erreicht ist.

Warnsignale und Fehleinschätzungen im Berufsalltag

Der Übergang von gewöhnlicher beruflicher Anspannung zu einer behandlungsbedürftigen depressiven Episode verläuft in der Praxis meist schleichend. Zu den typischen frühen Anzeichen zählen ein Verlust der emotionalen Resonanz, nächtliches Grübeln, frühes Erwachen – häufig zwischen drei und vier Uhr morgens – sowie ein zunehmender sozialer Rückzug. Hinzu kommen nicht selten körperliche Reaktionen wie anhaltende Kopfschmerzen, Verspannungen oder Magen-Darm-Beschwerden.

Hegerl betont in diesem Zusammenhang, dass der Begriff des Burn-outs keine eigenständige medizinische Diagnose darstellt und ein hohes Arbeitspensum in der Regel nicht die eigentliche Krankheitsursache ist. Äußere Belastungen würden bei der Entstehung depressiver Störungen oftmals überschätzt; die Annahme einer rein krisenbedingten Depressionswelle teilt der Psychiater nicht.

Auch der Psychiater Bert te Wildt, der unter anderem Führungskräfte, Klinikärzte und Museumsleitungen behandelt, beobachtet, dass es in bestimmten beruflichen Sphären fast als Statussymbol gilt, sich permanent am Rande der Erschöpfung zu bewegen.

Ergänzend dazu beschreiben Fachberichte Workaholismus nicht als bloßen Arbeitsstil, sondern als Kontrollverlust, der mit einem chronisch erhöhten Cortisolspiegel einhergeht. Untersuchungen verknüpfen Arbeitssucht zudem mit schlechterem Schlaf, einer höheren Ruheherzfrequenz und geschwächter Immunabwehr.

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Willenskraft allein reiche selten aus; vielmehr seien feste Erholungsphasen und externe Strukturen notwendig. Forschende der Universität Oslo verweisen darauf, dass konsequente Rituale zur mentalen Abkopplung den subjektiven Stress nach Arbeitsende messbar mindern.

Empfohlen werden drei feste wöchentliche Trainingseinheiten, das Verlegen des Feierabends in den Sport sowie die Kontrolle des Ruhepulses über Wearables. Die biologischen Zusammenhänge von Belastbarkeit, Mikrobiom und Immunsystem sind zudem Gegenstand der Forschung von Stefan Reber.

Epidemiologische Dimension und ökonomische Folgen

Statistisch gesehen erkrankt im Laufe des Lebens etwa jeder fünfte bis sechste Erwachsene an einer Depression, wobei Frauen rund doppelt so häufig betroffen sind wie Männer. Kinder betroffener Eltern tragen laut Fachquellen ein zwei- bis fünffach erhöhtes Risiko. Nach Auswertungen skandinavischer Statistiken verkürzt die Erkrankung die durchschnittliche Lebenserwartung um etwa zehn Jahre.

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Auf globaler Ebene beziffert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Anteil betroffener Erwachsener auf 5,2 Prozent, mit einer etwa 1,5-mal höheren Rate bei Frauen. In Österreich lebten nach einer Erhebung der Medizinischen Universität Wien aus dem Jahr 2022 rund 730.000 Betroffene, davon 466.000 Frauen.

Für Unternehmen wiegt das Problem auch wirtschaftlich schwer. Schätzungen der London School of Economics zeigen, dass die verdeckten Kosten durch Präsentismus – also das Weiterarbeiten trotz schwerer Erkrankung – die reinen Ausfallkosten durch Krankschreibungen um ein Vielfaches übersteigen.

Fällt Personal dennoch krankheitsbedingt aus, dauert die Fehlzeit wegen psychischer Diagnosen nach Angaben von Claudia Buengeler von der Universität Kiel im Schnitt rund einen Monat.

Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim verweist darauf, dass jährlich rund 30 Prozent der Bevölkerung in Deutschland von einer diagnostizierbaren, behandlungsbedürftigen psychischen Störung betroffen sind. Diese Leiden bilden bundesweit den Hauptgrund für Frühberentungen.

Daten des Robert Koch-Instituts verdeutlichen die Entwicklung: Im Jahr 2024 lag der Anteil depressiver Symptome bei Erwachsenen bei etwa 22 Prozent, ambulante Diagnosen betrafen 2023 rund 17 Prozent. Zudem stuften 2024 rund 28 Prozent ihr Wohlbefinden als eher schlecht ein, während nur etwa 11 Prozent es als gut bewerteten.

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de | wissenschaft | 70231544 |