Demenzrisiko, Schuljahr

Demenzrisiko: Ein zusätzliches Schuljahr senkte Diagnosen in der UK-Biobank

Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 14:24 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine britische Schulreform liefert Hinweise, dass ein zusätzliches Schuljahr mit weniger Demenzdiagnosen verbunden war; die Effektgröße bleibt unsicher.
Ein sonnendurchfluteter Waldweg in einem hellen Waldstück, der den langfristigen Lebensverlauf symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Daten deuten darauf hin, dass die Grundlagen für kognitive Erkrankungen bereits in sehr frühen Lebensphasen gelegt werden und den Verlauf über Jahrzehnte hinweg beeinflussen können.

Aktuelle Untersuchungen verschiedener internationaler Forschungsteams zeigen, dass vorgeburtliche Faktoren, die kindliche Entwicklung und insbesondere die schulische Bildung im Jugendalter eng mit der Wahrscheinlichkeit verknüpft sind, im Alter an Demenz zu erkranken.

Geburtsmerkmale und frühkindliche Entwicklung

Eine schwedische Untersuchung unter Beteiligung der Forschenden Fischer, Lövdén und Seblova, veröffentlicht in The Journals of Gerontology: Series B, analysierte Daten von über 1,5 Millionen Menschen der Geburtsjahrgänge 1932 bis 1950. Dabei identifizierten die Autoren drei Faktoren rund um die Geburt, die mit einem um rund 5 bis 16 Prozent erhöhten Demenzrisiko im Erwachsenenalter einhergingen: Zwillingsgeburten, ein mütterliches Alter von über 35 Jahren sowie ein zeitlicher Geburtsabstand von unter 18 Monaten zum vorherigen Geschwisterkind.

Keiner dieser Faktoren verursache Demenz jedoch direkt. Zudem erhöhen niedrigere kognitive Testergebnisse im Alter von elf Jahren die spätere Demenzwahrscheinlichkeit, da Betroffene von einem geringeren Ausgangsniveau starten.

Das Global Brain Health Institute empfahl im Fachjournal The Lancet: Healthy Longevity präventive Ansätze bereits ab der Geburt und während der Adoleszenz. Dazu zählten ein verbessertes pränatales Monitoring sowie Aufklärung an Schulen über Schlaf, Ernährung, Umweltverschmutzung und Stressbelastung.

Laut Angaben des Portals ScienceAlert könnten rund 45 Prozent der Demenzfälle durch die gezielte Reduktion modifizierbarer Einflussfaktoren vermieden werden. Dies deckt sich mit Feststellungen der Lancet Standing Commission von 2024 unter Gill Livingston, die 14 beeinflussbare Risikofaktoren benannte. Zu diesen zählt auch ein geringes Bildungsniveau im frühen Leben, wenngleich Bildung eine Alzheimer-Erkrankung weder verhindern noch heilen kann.

Der Einfluss zusätzlicher Schulbildung

Besondere Aufmerksamkeit widmet die Forschung dem Zusammenhang zwischen verlängerter Schulbildung und kognitiver Gesundheit. Eine am 23. Oktober 2026 im Fachjournal PNAS veröffentlichte Studie unter Leitung von Silvia Barcellos und Leandro Carvalho nutzte ein natürliches Experiment: die britische Schulreform von 1972, die das Mindestschulalter in England, Schottland und Wales für ab dem 1. September 1957 Geborene von 15 auf 16 Jahre anhob. Dadurch stieg der Anteil der Schüler, die bis zum Alter von 16 Jahren unterrichtet wurden, um rund 14 Prozentpunkte.

Die Forschenden der University of Southern California, der University of Wisconsin-Madison und der University of Michigan untersuchten über 100.000 Teilnehmende der UK-Biobank, die bis zu einem Alter von etwa 65 bis 66 Jahren beobachtet wurden.

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Die Ergebnisse der durch die National Institutes of Health finanzierten Arbeit deuten darauf hin, dass ein zusätzliches Schuljahr die Demenzinzidenz senkte.

Während von 1.000 kurz vor dem Stichtag Geborenen Ende 2022 etwa fünf Personen eine Demenzdiagnose erhalten hatten, waren es in der Gruppe der kurz danach Geborenen rund drei. Das zusätzliche Schuljahr reduzierte das relative Auftreten um geschätzte 0,88 Prozentpunkte.

Die Autoren merkten an, dass die exakte Effektgröße mit Vorsicht zu bewerten sei, da die untersuchte Kohorte mit 65 Jahren noch relativ jung und Diagnosen selten waren.

Genetische Veranlagung und sozioökonomischer Status

Die schützende Wirkung der verlängerten Schulzeit zeigte sich der PNAS-Studie zufolge besonders deutlich bei Personen mit höherem erblichen Risiko, etwa Trägern der APOE4-Genvariante. Vor der Reform lag der Unterschied in den Diagnosezahlen zwischen Gruppen mit hohem und niedrigem genetischem Risiko bei 0,18 Prozentpunkten; danach schrumpfte der Abstand auf 0,02 Prozentpunkte.

Leandro Carvalho erklärte dazu, ein genetisches Risiko sei demnach nicht zwingend unvermeidlich. Als vermittelnde Faktoren gelten bessere spätere Lebensbedingungen wie höhere Haushaltseinkommen sowie ein selteneres Auftreten von Herzinfarkten und Schlaganfällen.

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Gleichzeitig verweisen andere Arbeiten auf offene Fragen bei den Mechanismen. Eine niederländische Studie der Radboud-Universität aus dem Jahr 2024 fand bei rund 30.000 untersuchten Personen nach 46 Jahren keine strukturellen MRT-Unterschiede im Gehirn.

Zudem ergab eine frühere schwedische Erhebung an 1,3 Millionen Personen keinen kausalen Schutzeffekt, wenn die Ausbildung den späteren sozioökonomischen Status unberührt ließ. Dennoch werten Experten den Aufbau kognitiver Reserven durch frühe Bildung als bedeutsamen Baustein, um das Risiko kognitiver Beeinträchtigungen im höheren Alter abzuschwächen.

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