Demenzprävention: Bis zu 40 Prozent der Erkrankungen wären vermeidbar
Veröffentlicht am: 16.10.2026 um 23:45 Uhr | Redaktion boerse-global.deDer Erhalt der kognitiven Fähigkeiten bis ins hohe Alter rückt verstärkt in den Fokus neurobiologischer und präventivmedizinischer Betrachtungen. Wie groß der Einfluss persönlicher Verhaltensweisen sein kann, verdeutlichte die Neurologin Dr. Laura Marugg am 13. Oktober 2026 bei einem Vortrag zum Thema „Das Gehirn, ein faszinierendes Organ“ im österreichischen Hard vor über 140 Besuchenden.
Ihren Erläuterungen zufolge wären bis zu 40 Prozent aller Demenzerkrankungen durch gezielte Präventionsmaßnahmen und einen entsprechenden Lebensstil vermeidbar.
Hoher Energiebedarf und gezielte Schutzmaßnahmen
Obwohl das menschliche Gehirn nur rund 2 Prozent des gesamten Körpergewichts ausmacht, beansprucht es etwa 20 Prozent der gesamten Energie des Organismus. Um die Funktionsfähigkeit des Organs langfristig zu sichern, verwies Marugg auf ein Spektrum konkreter Schutzmaßnahmen.
Dazu zählen das konsequente Tragen eines Helms zur Vermeidung von Schädel-Hirn-Traumata, eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige sportliche Betätigung sowie der Verzicht auf Nikotin, Alkohol und andere Drogen.
Ebenso seien eine verlässliche soziale Vernetzung, ausreichend Schlaf und die frühzeitige Nutzung eines Hörgeräts bei nachlassendem Gehör wesentliche Faktoren, um kognitive Reserven zu schützen.
Der Vortrag fand im Rahmen der Initiative Brain Health statt, die von connexia getragen und durch den Vorarlberger Gesundheitsförderungsfonds finanziert wird. Das Programm umfasst eine Veranstaltungsreihe bis Ende November in den Gemeinden Hard, Wolfurt und Lauterach. Insgesamt sind zehn Vorarlberger Kommunen an dem Projekt beteiligt, das im Frühling 2027 an weiteren Standorten fortgesetzt werden soll.
Schlafqualität und soziale Faktoren als Schutzmechanismen
Die Bedeutung von Schlafgewohnheiten für die neurologische Verfassung belegen auch internationale Übersichtsarbeiten. In einer im Fachjournal Sleep Medicine Reviews veröffentlichten Analyse unter Beteiligung der Medizinischen Universität Wien wurde Insomnie als die am weitesten verbreitete Schlafstörung bei Erwachsenen eingeordnet.
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Den Daten zufolge erlebt bis zu jeder zweite Erwachsene zeitweise Beschwerden, während rund 22 Prozent der Allgemeinbevölkerung von chronischer Insomnie betroffen sind. Frauen weisen dabei ein um etwa 50 Prozent höheres Risiko auf als Männer; bei älteren Personen liegt die Prävalenz bei fast 30 Prozent.
Eine in der Arbeit ausgewertete Metaanalyse aus sechs Studien mit mehr als 1,3 Millionen Teilnehmenden ergab, dass Insomnie mit einem um 26 Prozent höheren Schlaganfallrisiko einhergeht.
Zudem zeigten sich Assoziationen zu Demenzerkrankungen wie Alzheimer, wenngleich eine ursächliche Wirkung wissenschaftlich nicht gesichert ist. Co-Autor Stefan Seidel von der MedUni Wien betonte in diesem Zusammenhang, dass Schlaf in jedem Lebensalter Teil der Diskussion über Gehirngesundheit sein sollte.
Neben dem Schlaf erweist sich auch die soziale Einbindung als wirksamer Faktor gegen geistigen Abbau. Eine im Fachblatt Alzheimer & Demenz veröffentlichten Langzeitstudie begleitete knapp 18.000 Menschen über einen Zeitraum von 22 Jahren zwischen 1998 und 2020. Die Untersuchung zeigte, dass Personen, die regelmäßig ehrenamtlich oder im privaten Umfeld Hilfe leisteten, einen langsameren altersbedingten kognitiven Rückgang aufwiesen.
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Bei Trägern der genetischen Risikovariante APOE ?4 verzögerten sich schwere Denk- und Gedächtnisprobleme um fast zwei Jahre – ein Effekt, der bereits bei weniger als vier Stunden Hilfeleistung pro Woche nachweisbar war.
Geistige Reize und Einflüsse digitaler Medien
In Ergänzung zu physischen und sozialen Faktoren spielt die kognitive Beanspruchung eine Rolle für die neuronale Stabilität. Der Neurologe Prof. Dr. Bar?? Metin vom NP?STANBUL-Krankenhaus der Üsküdar-Universität erklärte hierzu, dass es kein einzelnes universelles Gehirntraining gebe.
Unterschiedliche Aktivitäten schulten jeweils spezifische Teilbereiche: Während Worträtsel den Wortabruf fordern, aktivieren Aufgaben wie Sudoku logische Schlussfolgerungen. Empfohlen werde daher eine Vielfalt geistig fordernder Beschäftigungen in Verbindung mit körperlicher Bewegung und der Kontrolle von Gefäßrisikofaktoren wie Blutdruck, Blutzucker und Cholesterinspiegel.
Zugleich wirft die zunehmende Digitalisierung Fragen nach kognitiven Belastungen auf. Eine Übersichtsarbeit von Subramanian, Reddy und Kollegen hielt fest, dass der im Alltagsprachgebrauch genutzte Begriff der „digitalen Demenz“ keine medizinisch anerkannte Diagnose und keine neurodegenerative Erkrankung wie Alzheimer darstellt.
Vielmehr handele es sich um Konzentrations- und Gedächtnisprobleme infolge intensiven Multitaskings und der Auslagerung von Gedächtnisinhalten auf digitale Geräte. Da krankhafte Hirnveränderungen nicht nachgewiesen sind, könnten bewusste Bildschirmpausen, die Reduzierung von Benachrichtigungen und reale soziale Interaktionen solchen Funktionsstörungen wirksam entgegenwirken.
