Demenzforschung: Bis 2050 jährlich 24,7 Millionen neue Fälle erwartet
Veröffentlicht am: 13.10.2026 um 04:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich die weltweiten Demenz-Fallzahlen erheblich schneller verdoppeln als bisher in wissenschaftlichen Modellen angenommen.
Während frühere Schätzungen von einer Verdopplung bis zum Jahr 2060 ausgingen, verschiebt eine im Fachjournal JAMA Neurology erschienene Untersuchung des Centre for Healthy Brain Ageing (CHeBA) der University of New South Wales (UNSW) diesen Zeitpunkt bereits auf das Jahr 2050. Fachleute werten die Entwicklung als eine sich beschleunigende globale Krise.
Jährlich fast 25 Millionen neue Diagnosen bis 2050 erwartet
Nach den Berechnungen des internationalen Forschungskonsortiums COSMIC unter Leitung von CHeBA und UNSW wird die Zahl der weltweiten Neuinfektionen von 11,4 Mio. neuen Fällen im Jahr 2023 auf jährlich 24,7 Mio. neue Demenzfälle bis zum Jahr 2050 steigen.
Derzeit betrifft die neurodegenerative Erkrankung weltweit mehr als 57 Mio. Menschen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte die globale Prävalenz laut der CHeBA-Studie auf rund 150 Mio. Betroffene anwachsen.
Die Datenbasis der Untersuchung stützt sich auf 38.418 Personen aus 22 Bevölkerungsstudien in 18 Ländern und Territorien auf sechs Kontinenten. Über einen Beobachtungszeitraum von mehr als 287.000 Personenjahren hinweg wurden dabei 3.001 Demenzfälle erfasst.
Co-Autor Prof. Henry Brodaty betonte, dass 24 Mio. neue Fälle pro Jahr eine enorme Belastung für betroffene Individuen, deren Familien sowie für die Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften weltweit bedeuten würden.
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Deutliche Diskrepanzen zwischen Regionen und Geschlechtern
Die Studie ermittelte eine alters- und geschlechtsstandardisierte Inzidenz von 9,7 pro 1.000 Personenjahre. Auffällig sind dabei ausgeprägte geschlechtsspezifische Unterschiede: Bei Frauen liegt die Rate bei 10,6 pro 1.000 Personenjahre, während sie bei Männern 8,6 pro 1.000 Personenjahre beträgt.
In Australien sind bereits fast zwei Drittel der Demenzdiagnosen Frauen zuzuordnen; im Jahr 2024 löste Demenz dort die ischämische Herzkrankheit als häufigste Todesursache ab.
Nach Angaben der Studienautoren lässt sich die höhere Betroffenheit von Frauen nicht allein durch eine höhere Lebenserwartung erklären. Als Einflussfaktoren kommen unter anderem die Menopause, Bildungs- und Berufswege, der Body-Mass-Index, Bewegungsmangel, Depressionen, Angstzustände sowie Adipositas infrage.
Zugleich offenbart die Analyse ein starkes globales Wohlstandsgefälle. In Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen liegt die Inzidenz bei 13,6 pro 1.000 Personenjahre, verglichen mit 8,3 in Hocheinkommensländern. Damit fällt die Rate neuer Fälle in Schwellen- und Entwicklungsländern um 64% höher aus als in wirtschaftsstarken Nationen.
Die Studienautoren fordern daher einen gezielten Ausbau der Diagnose- und Versorgungskapazitäten, insbesondere für Frauen sowie in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.
Altersrisiko und theoretische Präventionspotenziale
Das Alter bleibt der primäre Risikofaktor: Nach Einschätzung von Dr. Liron Sinvani vom Northwell Institute for Healthy Aging lebt etwa 1 von 9 Menschen über 65 Jahren mit Demenz, während ab einem Alter von 85 Jahren fast 1 von 3 Personen betroffen ist.
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Gleichzeitig verweisen Untersuchungen auf erhebliche theoretische Präventionspotenziale. Einer Lancet-Studie zufolge könnte fast die Hälfte aller Demenzerkrankungen vermieden werden, wenn 14 modifizierbare Risikofaktoren vollständig ausgeschaltet würden.
Zu diesen Faktoren zählen ein niedriges Bildungsniveau, Hörprobleme, Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht, Depressionen, Bewegungsmangel, Diabetes, übermäßiger Alkoholkonsum, traumatische Hirnverletzungen, Luftverschmutzung, soziale Isolation, Sehverlust sowie ein hoher Cholesterinspiegel.
Ein früherer Lancet-Bericht aus dem Jahr 2020 hatte bereits 40% der Fälle mit 12 Risikofaktoren verknüpft und die weltweite Gesamtzahl damals auf mehr als 55 Mio. Menschen beziffert.
Auf therapeutischer Ebene bleibt die Lage indessen komplex: Während Behörden weltweit neue medikamentöse Ansätze prüfen, verweigerte die europäische Arzneimittelbehörde dem Wirkstoff Lecanemab zuletzt die Zulassung, während das Präparat Donanemab weiterhin geprüft wird.
