Demenzdiagnose: In Taipeh schwanken die regionalen Raten zwischen 40 und 97 Prozent
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 00:55 Uhr | Redaktion boerse-global.deWie Experten in Taipeh im Rahmen fachlicher Analysen betonen, besteht die größte Herausforderung in der Demenzversorgung darin, bislang nicht diagnostizierte Patienten innerhalb der Gemeinde aufzufinden und gesellschaftliche Stigmatisierungen abzubauen.
Nach Einschätzung von Fachleuten erweisen sich insbesondere zwei Personengruppen als schwer erreichbar: Einerseits ältere Menschen, denen es an Krankheitseinsicht sowie an familiärer oder gemeinschaftlicher Unterstützung fehlt, und andererseits Personen mit hohem Bildungsgrad und starkem sozioökonomischem Status, die aus Furcht vor Stigmatisierung eine formelle Diagnose verweigern.
Regionale Diskrepanzen und methodische Hürden
In Taipeh weichen die Diagnoseraten regional massiv voneinander ab: Sie liegen je nach Gebiet bei über 97 Prozent oder bei lediglich gut 40 Prozent. Experten erklären diese Spanne unter anderem durch methodische Verzerrungen, da uneinheitliche Kriterien angewendet werden – von der bloßen Feststellung kognitiver Verschlechterungen bis hin zu hochauflösender Bildgebung und klinischen Demenzskalen.
Nach Ansicht der Experten muss die Gesundheitspolitik künftig regionale Bevölkerungsstrukturen, das Gefälle zwischen Stadt und Land bei der Ressourcenausstattung sowie bestehende Pflegekapazitäten gezielter berücksichtigen.
Global wird die Verzögerung bis zur Diagnosestellung ab den ersten Symptomen auf durchschnittlich etwa 24 Monate geschätzt. Auch in westlichen Gesundheitssystemen bestehen Ungleichgewichte.
Ein Bericht der dänischen Prüfbehörde Rigsrevisionen zur Demenzabklärung in den Regionen für den Zeitraum 2022 bis 2025 ergab, dass knapp ein Drittel der Betroffenen spezialisierte Untersuchungen, für die sie infrage kämen, nicht erhält.
Modellberechnungen zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit relevanter Untersuchungen für Patienten mit starkem sozialem Hintergrund bei 79 Prozent liegt, während sie bei Personen mit schwachem sozialem Hintergrund 64 Prozent beträgt; zudem fällt die Abklärungszeit bei sozial besser gestellten Patienten geschätzt 24 Tage kürzer aus.
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Im Jahr 2025 untersuchten 23 der landesweit 33 Einheiten weniger als 500 Patienten, und im Durchschnitt vergingen 165 Tage von der Überweisung bis zur Diagnose. Der Dachverband Danske Regioner um den Vorsitzenden Mads Duedahl strebt zielgerichtetere Prozesse und dauerhafte Ressourcen an, während die Prüfbehörde die Erfassungspraxis kritisierte.
In Rumänien liegt die geschätzte Prävalenz leichter kognitiver Beeinträchtigungen bei Personen ab 65 Jahren bei 28,5 Prozent, was zu den höchsten Werten in Europa zählt. Zugleich befürworten 97,9 Prozent der dort befragten Hausärzte eine stärkere Beteiligung an Früherkennung und Betreuung.
Globale Belastung und Ressourcenmangel
Weltweit lebten im Jahr 2021 rund 57 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Prognosen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rechnen mit einem Anstieg auf 139 Millionen Betroffene bis zur Mitte des Jahrhunderts, während Berechnungen im Fachblatt „The Lancet“ von bis zu 153 Millionen ausgehen.
Alzheimer macht nach WHO-Angaben 60 bis 70 Prozent der Fälle aus; eine Fachkommission identifizierte 2024 insgesamt 14 potenziell beeinflussbare Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen, Bewegungsmangel, soziale Isolation und unbehandelte Schwerhörigkeit.
Über 60 Prozent der Betroffenen leben in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Berichten zufolge entfallen rund zwei Drittel aller weltweiten Fälle auf diese Regionen, wobei dort teils bis zu 90 Prozent der Erkrankungen undiagnostiziert bleiben.
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In Brasilien leben nach Angaben des Conselho Nacional de Saúde rund 2,9 Millionen ältere Menschen mit Demenz, wovon schätzungsweise 80 Prozent unentdeckt sind. In Sambia schätzen Experten die Demenzprävalenz auf 4,6 Prozent bis 27 Prozent.
Bei einer Bevölkerung von über 21 Millionen Menschen, von denen 60 Prozent der über 55-Jährigen auf dem Land leben, stehen landesweit lediglich 18 Neurologen und 39 Neuropsychologen zur Verfügung.
Risiken neuer Schnelltests und Weiterentwicklung von Leitlinien
Vor den Folgen neuer Diagnosemethoden ohne begleitende Rahmenbedingungen warnten Experten auf der MedTech-Konferenz des Branchenverbands AdvaMed. Vertreter wie Ian Kremer von der LEAD Coalition, Jeremiah Hinson von Danaher Diagnostics, David Kowalski von IQVIA und Alireza Atri vom Banner Sun Health Research Institute wiesen darauf hin, dass die Einführung von Blut-Biomarker-Tests in Hausarztpraxen schneller voranschreite als entsprechende Richtlinien.
Atri warnte vor Versorgungsengpässen bei Spezialisten, wenn verunsicherte Patienten mit positiven Bluttestergebnissen ungesteuert an Fachzentren überwiesen werden.
In Deutschland wurde parallel die medizinische S2e-Leitlinie zur Diagnostik und Therapie von Gedächtnisstörungen unter Federführung von Dr. Angelika Thöne-Otto für die Deutsche Gesellschaft für Neurologie und die Gesellschaft für Neuropsychologie grundlegend überarbeitet, um den Anforderungen an eine qualitätsgesicherte Versorgung gerecht zu werden.
