Demenz-Prävention: 36 Prozent der Fälle wären vermeidbar
17.06.2026 - 13:06:47 | boerse-global.de
Das prognostiziert das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO). Gleichzeitig zeigen Forscher: Rund 36 Prozent der Fälle wären durch gezielte Prävention vermeidbar. Die Weichen dafür werden früher gestellt als gedacht.
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Risikofaktoren: Was schon junge Erwachsene betrifft
Eine Auswertung der NAKO-Gesundheitsstudie mit rund 150.000 Teilnehmenden liefert klare Hinweise: Rauchen, Bewegungsmangel und Depressionen beeinträchtigen die kognitive Leistung bereits bei 20- bis 39-Jährigen. Die Studie, veröffentlicht im Mai 2026 im Fachblatt Alzheimer's & Dementia, zeigt, dass die Hirngesundheit Jahrzehnte vor einer möglichen Diagnose beeinflusst wird. Bei älteren Probanden dominieren dagegen Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte als Risikofaktoren.
Eine weitere Untersuchung aus dem Juni 2026 im Journal of the American Heart Association (JAHA) überrascht mit neuen Erkenntnissen zum Blutdruck. Die Analyse von fast 800.000 Teilnehmenden identifiziert niedrigen Blutdruck (Hypotonie) als signifikanten Risikofaktor – zumindest in der weißen Bevölkerung. In britischen Kohorten war das Risiko um den Faktor 2,74 erhöht, in US-Kohorten um 1,97. Bei schwarzen und hispanischen Teilnehmenden blieb dagegen Bluthochdruck der dominierende Risikofaktor.
Auch vermeintlich harmlose Nahrungsergänzungsmittel geraten in den Fokus. Eine Langzeitanalyse der University of Florida (2012 bis 2024) deutet auf ein erhöhtes Alzheimer-Risiko durch Glucosamin hin. Bei Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung stieg das Risiko um 25 Prozent. In einem begleitenden Mausmodell verschlechterte die entsprechende Dosierung die Gedächtnisleistung merklich. Die Forscher betonen: Ein endgültiger Kausalitätsbeweis steht noch aus.
Früherkennung: Scanner mit 20-fach höherer Auflösung
Das Universitätsklinikum Leuven in Belgien setzt seit Juni 2026 einen neuartigen PET-Scanner im Routinebetrieb ein. Der NeuroExplorer bietet eine bis zu 20-mal höhere Auflösung als herkömmliche Verfahren. Mediziner können damit erstmals krankhafte Veränderungen in kleinsten Hirnkernen und im Hirnstamm bei lebenden Patienten beobachten – oft Jahre bevor klinische Symptome von Alzheimer, Parkinson oder ALS auftreten.
Parallel dazu gewinnen digitale Verfahren an Bedeutung. Eine Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) testete eine Smartphone-App für regelmäßige Gedächtnistests. Über sieben bis zwölf Monate erfassten Probanden ihre kognitive Leistung im Zwei-Wochen-Rhythmus. Die Ergebnisse der kurzen App-Nutzung deckten sich mit klinischen Langzeitdaten über acht Jahre. Der digitale Ansatz könnte künftig kognitiven Abbau schneller erkennen und die Dauer klinischer Therapiestudien verkürzen.
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Datenbasis: 74,5 Millionen Versicherte als Forschungsquelle
Die Grundlage für künftige Forschung bilden großflächige Datenspeicher. Das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) hält seit Herbst 2025 pseudonymisierte Daten von rund 74,5 Millionen gesetzlich Versicherten bereit. Der Bestand umfasst 630 Millionen ambulante Behandlungsfälle, 5 Milliarden Leistungen und jährlich rund 720 Millionen Rezepte. Die Daten reichen teilweise bis ins Jahr 2008 zurück – und ermöglichen vollständigere Gesundheitsbiografien, als sie den Betroffenen selbst durch die erst 2025 eingeführte elektronische Patientenakte (ePA) zur Verfügung stehen.
Mit den wachsenden Datenmengen steigt die Notwendigkeit besserer Datenschutzverfahren. Das bis Dezember 2025 laufende, vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt „NEMO“ unter Federführung des Fraunhofer IDMT entwickelte KI-Algorithmen zur Anonymisierung von EEG-Signalen. Individuelle Gehirnstrommuster („Brainprints“) ermöglichen eine Wiedererkennung von Personen mit über 80 Prozent Genauigkeit. Das Verfahren soll diese Identifikationsmerkmale entfernen – ohne den medizinischen Nutzen der Daten zu beeinträchtigen.
Arzneimittelmarkt: Zugelassen, aber umstritten
Die medikamentöse Therapie bleibt ein dynamisches Feld mit geteilten Bewertungen. Die EU-Kommission ließ den Wirkstoff Lecanemab bereits am 15. April 2025 zu. Deutsche Ärztevertreter und Krankenkassen sahen im Februar 2026 jedoch keinen Zusatznutzen in dem Präparat. Für den Wirkstoff Donanemab ist in Deutschland eine Vergütung ab dem 1. Juli 2026 vorgesehen – obwohl auch hier der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) den Zusatznutzen kritisch bewertet.
In der präklinischen Forschung werden unterdessen neue Ansätze verfolgt. Die ETH Zürich stellte Ergebnisse zum Wirkstoff CPD10 vor, der das Enzym GRK2 stabilisiert. In Versuchen mit Alzheimer-Mäusen reduzierte die Behandlung Beta-Amyloid-Plaques und verbesserte die Funktion der Mitochondrien. Forscher der Monash University untersuchten zudem den Stoff Cu(ATSM), der in Versuchsmodellen Amyloid-beta-Ablagerungen um 42 Prozent verringern konnte. Klinische Studien am Menschen für diese Wirkstoffe stehen jedoch noch aus.
