Demenz in Italien: 39,5% der Fälle durch Prävention vermeidbar
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 16:12 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Italiens Gesundheitspolitik richtet ihre Strategie gegen neurokognitive Erkrankungen neu aus. Das Gesundheitsministerium in Rom präsentierte am Welttag Alzheimer den neuen Nationalen Demenzplan (Piano Nazionale Demenze, PND) für den Zeitraum 2027 bis 2031. Das Strategiepapier aktualisiert den bisherigen Rahmenplan aus dem Jahr 2014 und war am 8. September 2026 durch das Fachgremium Tavolo permanente sulle demenze verabschiedet worden. Bis Ende Oktober wird das Dokument an die Konferenz der Regionen (Conferenza Unificata) übermittelt.
Sieben Handlungsfelder und ein lebensphasenübergreifender Ansatz
Strukturell orientiert sich der PND 2027–2031 an den Vorgaben des Globalen Demenzplans der Weltgesundheitsorganisation. Das italienische Ministerium gliedert die Strategie in sieben Handlungsfelder, die durch 43 nationale Ziele, 58 Aktionen und 64 Indikatoren messbar gemacht werden sollen.
Generaldirektor Alessio Nardini verwies in diesem Kontext auf den gewählten Life-Course-Ansatz: Die Maßnahmen spannen einen Bogen von der primordialen über die primäre, sekundäre und tertiäre bis hin zur quartären Prävention.
Zu den zentralen Vorhaben gehören der Ausbau der häuslichen Pflege sowie der Aufbau einer nationalen digitalen Überwachungsplattform, die beim Demenz-Observatorium des Istituto Superiore di Sanità (ISS) angesiedelt wird. Flankierend kündigte das Ministerium eine Informationskampagne an, die gemeinsam mit dem ISS und der Arzneimittelagentur AIFA umgesetzt werden soll.
Epidemiologische Dimension und finanzielle Belastung
Die Neuausrichtung reagiert auf eine erhebliche Versorgungs- und Kostenlast. Nach Angaben von Gesundheitsminister Orazio Schillaci leben in Italien rund 1,2 Millionen Menschen mit Demenz, von denen mehr als die Hälfte an Alzheimer erkrankt ist; hinzu kommen etwa 900.000 Personen mit leichten neurokognitiven Störungen.
Daten des ISS beziffern die Zahl der über 65-Jährigen mit Demenz auf rund 1,2 Millionen, während weitere 24.000 Fälle in der Altersgruppe zwischen 35 und 64 Jahren liegen. Etwa 950.000 Menschen weisen demnach ein Mild Cognitive Impairment auf, die Zahl der Alzheimer-Erkrankten liege bei 550.000 bis 660.000.
Laut ISS-Präsident Bellantone berührt die Problematik direkt etwa zehn Prozent der italienischen Bevölkerung, wenn Patienten und Angehörige gemeinsam betrachtet werden.
Das Ministerium beziffert die Gesamtzahl der direkt oder indirekt betroffenen Bürger auf 6 Millionen Menschen, darunter 4 Millionen Angehörige, bei 1,19 Millionen betroffenen Personen ab 65 Jahren. Die geschätzten jährlichen Krankheitskosten liegen bei 23,5 Milliarden Euro, von denen 63 Prozent durch die betroffenen Familien getragen werden.
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Finanzierungsfragen, Versorgungsdefizite und Forschung
Der bisherige Plan litt unter fehlender stabiler Finanzierung und stützte sich im Wesentlichen auf Regionen und Ad-hoc-Zuweisungen. Schillaci kündigte an, für das kommende Haushaltsgesetz einen Finanzierungsvorschlag einzubringen, um Prävention, Diagnostik, Behandlung sowie die Entlastung Angehöriger planmäßig abzusichern.
Der bereits bestehende nationale Alzheimer- und Demenzfonds wurde für den Dreijahreszeitraum 2024–2026 auf fast 35 Millionen Euro aufgestockt; davon fließen 33,4 Millionen Euro an die Regionen und autonomen Provinzen sowie 1,5 Millionen Euro an das ISS.
Versorgungsdaten zeigen bestehende Hürden: Bei einer Erhebung von 534 Demenzzentren im Jahr 2022 befanden sich 46,8 Prozent in Krankenhäusern und 44 Prozent im territorialen Bereich; insgesamt zählt das Ministerium 587 spezialisierte Zentren für kognitive Störungen und Demenzen.
Bei einer Befragung von mehr als 2.300 pflegenden Angehörigen gaben lediglich 34,1 Prozent an, eine spezifische Schulung erhalten zu haben; 43 Prozent stuften die Versorgungsdienste negativ ein.
Zugleich verweist das ISS-Observatorium darauf, dass schätzungsweise 39,5 Prozent der Demenzfälle im Land auf modifizierbare Risikofaktoren zurückzuführen sind – insbesondere Bluthochdruck und Bewegungsmangel, aber auch geringe Bildung, Sinnesstörungen, Rauchen, Depression oder Luftverschmutzung.
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Auf wissenschaftlicher Ebene wurden im Zeitraum 2021–2025 in Italien 142 Studien mit insgesamt 66,1 Millionen Euro gefördert. Giuseppe Di Fede vom Neurologischen Institut Carlo Besta betonte, dass sich die Diagnostik schrittweise von rein klinischen Kriterien hin zu einem biologischen Ansatz verlagere, bei dem Biomarker, microRNA, Lysosomen und epigenetische Signaturen eine frühere Erkennung ermöglichen. Vorrang hätten eine landesweit einheitliche Frühdiagnostik, Versorgungskontinuität für Familien und eine konsequente Prävention.
