Demenz im Kino: Drei Schweizer Filme und eine Graphic Novel im Oktober
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 12:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Kaum ein anderes Thema des Alterns findet derzeit so viel Widerhall in Kultur und öffentlicher Vermittlung wie Demenz. Im Oktober 2026 laufen in der Schweiz gleich drei neue Filme zum Thema an, ergänzt durch eine Graphic Novel, während zeitgleich Theater, Fernsehen, Musikprojekte und regionale Beratungsangebote das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven aufgreifen. Als ein Grund für diese Häufung gilt laut swissinfo.ch die demografische Entwicklung und das Alter der Nachkriegsgeneration.
Drei Schweizer Filme und eine Graphic Novel
Im Zentrum der Schweizer Filmreihe steht der Dokumentarfilm „Wenn die Erinnerung verblasst" von Marianne Pletscher und Martina Rieder, der über drei Jahre die Ex-Direktorin von Alzheimer Schweiz, Birgitta Martensson, begleitet, die seit elf Jahren an Alzheimer erkrankt ist.
Petra Volpe erzählt in „Frank & Louis" von den „Yellow Coats", einem US-Gefängnisprogramm, in dem Häftlinge demente Mitinsassen betreuen. Der Film hatte im Januar 2026 seine Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival in Park City und wurde am 10. August 2026 auf dem Locarno Film Festival als Europapremiere gezeigt, wo er den Publikumspreis „Prix Public UBS" erhielt.
Am 26. September 2026 feierte er auf dem FilmFest Hamburg seine Deutschlandpremiere in Anwesenheit von Volpe, Produzent Lukas Hobi (Zodiac Pictures) und Linda Fiolka (Constantin Film); der bundesweite Kinostart in Deutschland ist für den 10. Dezember 2026 vorgesehen.
Ergänzt wird das Filmschaffen durch Kaspar Kasics' „Das unendliche Jetzt", in dem vier Demenzkranke – Klara Rensing, Tatjana Bollhalder, Christiane Meier und Christian Sonderegger – gemeinsam mit den Schauspielern Juri Elmer und Martin Bigler nach der act-back-Methode von Franz Dängeli improvisieren.
Der Film läuft seit dem 24. September 2026 im Kino, mit Vorführungen unter anderem am Cinema Odeon, im Kino Sputnik Liestal und im Kinok St. Gallen. Weitere Termine folgen im Oktober, etwa am 4. Oktober in Bern mit einem Filmtrialog mit Dr. Markus Bürge von der Memory Clinic BESAS, sowie in Männedorf, Wädenswil, Zürich, Dübendorf und Winterthur. Begleitet wird die Filmreihe von der Graphic Novel „Vincent" von Melanie Wigger.
Fiktion zwischen Zukunftsvision und Kindersicht
Auch außerhalb der dokumentarischen Auseinandersetzung nimmt Demenz literarisch-filmische Formen an. Doris Dörries Tragikomödie „Frau Winkler verlässt das Haus" verlegt das Thema in eine Zukunft des Jahres 2030: Ein Pflegeroboter betreut die einsame Ex-Bühnenschauspielerin Frau Winkler, gespielt von Angela Winkler, misst täglich ihre Vitalwerte und soll im Ernstfall sogar über Leben und Tod entscheiden.
Dörrie erklärte, die Idee sei entstanden, als ihre eigenen Eltern zu Pflegefällen wurden, und beschrieb ihre Beobachtung, dass alles, was sich bewege und spreche, für Menschen wie ein eigenes Wesen wirke. Der Film wirft damit Fragen zur Eigenlogik künstlicher Intelligenz und zu moralischen Grenzen der Pflege auf.
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Einen kindgerechten Zugang wählt die KiKA-Sendung „Story Time" mit der Folge „Maris lässt Oma nicht allein": Der neunjährige Maris begleitet seine an Demenz erkrankte Großmutter, die zunehmend ihre Familie nicht mehr erkennt, und wirkt bei einem Theaterprojekt in einem Pflegewohnheim mit.
Für diese Leistung wurde er mit den Papillons für den KiKA Award nominiert. Auf der Bühne griff zudem das Stück „Austria Demenzia" von Franz von Strolchen beim „steirischen herbst" im Grazer Orpheum das Thema auf, allerdings mit gemischter Kritik – Rezensenten bemängelten eine spannungsarme und thematisch überladene Umsetzung.
Musik als Erinnerungsanker
Auch die Musikbranche beschäftigt sich mit Demenz: Der Amigos-Song „Manchmal ist es nur ein Lied" thematisiert die Krankheit, wobei Bandmitglied Bernd Ulrich darauf verwies, dass allein in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung leben und jährlich Hunderttausende neu erkranken.
Musik könne dabei Erinnerungen zurückholen. Zum Welt-Alzheimertag forderte die Bundesinitiative Musik & Demenz, getragen unter anderem vom Deutschen Musikrat, dem Landesmusikrat Hamburg, der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft und weiteren Verbänden, systematische musikalische Angebote statt vereinzelter Projekte.
Antje Valentin, Generalsekretärin des Deutschen Musikrats, forderte mehr ausgebildete Musiktherapeuten, Musikgeragogen und geschulte Ensembleleiter, während Thomas Prisching vom Landesmusikrat Hamburg eine verlässliche Finanzierung durch Bund, Länder und Kassen verlangte.
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Ein Vernetzungsforum Musik und Demenz ist für den 20. November 2026 im Deutschen Musikarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig geplant, ein Online-Symposium unter dem Titel „Mittwochs um 5" fand am 30. September 2026 statt.
Beratung und Aktionstage vor Ort
Parallel zur medialen Aufmerksamkeit organisieren zahlreiche Regionen konkrete Unterstützungsangebote für Betroffene und Angehörige. Im Rhein-Kreis Neuss fand im Rahmen der bundesweiten Welt-Alzheimerwoche ein Aktionstag auf dem Kinderbauernhof in Neuss-Selikum statt, bei dem unter anderem die Alexianer Köln GmbH, die Alzheimer Gesellschaft Rhein-Kreis Neuss, der Caritasverband und weitere Träger zu Pflege, Selbsthilfe und Alltagshilfen berieten.
Kreisgesundheitsdezernent Sebastian Johnen betonte, Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen könnten im Kreis auf ein starkes Netzwerk bauen. Das Programm reichte von einer Rollenden Waldschule über eine WildeKräuterKüche bis zu Erinnerungsecken und Klaviermusik.
Im Landkreis Sankt Wendel bietet das dortige Demenznetzwerk gemeinsam mit dem Mehrgenerationenhaus Nonnweiler eine fünfteilige Schulungsreihe für Angehörige an, die am 19. und 26. Oktober sowie am 2., 9. und 16. November stattfindet und von Marte-Meo-Trainerin Nicole Klingenberg geleitet wird.
In der Region Lüneburg lädt der Senioren- und Pflegestützpunkt zur „Woche der pflegenden Angehörigen" vom 5. bis 11. Oktober 2026 ein, unter anderem mit einem Speed-Dating-Format am 5. Oktober in Bardowick.
Im Landkreis Harburg findet am 6. Oktober ein Info-Markt zu Pflege, Vorsorge und End-of-life-Care statt; dort leben nach den vorliegenden Zahlen über 14.173 Pflegebedürftige, was knapp 5,5 Prozent der Bevölkerung entspricht, wobei 7676 von ihnen von pflegenden Angehörigen betreut werden. Bundesweit würden demnach rund 85 Prozent aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, meist durch Familienmitglieder.
Auch international finden sich vergleichbare Initiativen: In Casarano in Süditalien wurde das Nachbarschaftsprojekt „La Cura" vorgestellt, das familiäre Caregiver unterstützen soll. Initiiert von der Vereinigung Salento Alzheimer unter Präsidentin Antonella Vasquez-Giuliano, war das Projekt zuvor bereits in Cerignola und Poggiardo aktiv und wird von der Fondazione Con il Sud kofinanziert.
Zu den Referenten zählten Neurologen und Psychiater verschiedener italienischer Fachgesellschaften, die über ein integriertes sozio-sanitäres Servicesystem mit zentralem Zugangspunkt informierten.
Die Fülle an filmischen, musikalischen und sozialen Initiativen verdeutlicht, dass Demenz längst nicht mehr nur ein medizinisches, sondern zunehmend ein gesellschaftliches Thema ist – getragen von Kulturschaffenden ebenso wie von lokalen Netzwerken, die praktische Unterstützung anbieten.
