Demenz-Frühwarnzeichen: Plötzliche Lust auf Süßes kann auf Erkrankung hindeuten
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 06:22 Uhr | Redaktion boerse-global.deVeränderungen beim Essen und Trinken können nach Einschätzung von Neurologen ein wichtiges frühes Warnsignal für neurodegenerative Erkrankungen sein. Betroffene vergessen mitunter ganze Mahlzeiten oder erinnern sich kurz nach dem Essen nicht mehr daran, bereits gespeist zu haben.
Auch eine plötzlich auftretende, ausgeprägte Vorliebe für Süßes gilt als mögliches Anzeichen – insbesondere dann, wenn zeitgleich das Gedächtnis, das Urteilsvermögen und die Bewältigung des Alltags nachlassen.
Störungen der Appetitsignale und motorischen Abläufe
Demenzielle Veränderungen betreffen nicht nur das Erinnerungsvermögen, sondern greifen tief in alltägliche Handlungsketten ein. Wie Dr. Rhea Rogers und die Gerontologin Cradduck darlegen, stört eine Demenz sowohl die körpereigenen Appetitsignale als auch die motorische Planung. Betroffene erkennen mitunter kein Hungergefühl mehr, können Nahrungsmittel auf dem Teller nicht mehr identifizieren oder vergessen die Handhabung von Besteck.
Aus der Pflegepraxis wird deutlich, welche Folgen dies haben kann: In einer spezialisierten Betreuungseinrichtung verlor eine Klientin 15 Pfund an Gewicht, weil das Personal Mahlzeiten auf herkömmliche Weise servierte, ohne die bestehende Makuladegeneration, Schwerhörigkeit und Gedächtnisstörung ausreichend auszugleichen.
Zudem schwanken die individuellen Fähigkeiten der Betroffenen häufig von Tag zu Tag, was von Fachleuten ausdrücklich nicht als bewusste Manipulation gewertet wird.
Beobachtungen im Alltag und diagnostische Einordnung
Im häuslichen und pflegerischen Umfeld fallen erste Anzeichen oft früher auf als in der Arztpraxis. Typische Indikatoren sind wiederholte Fragen, der Verlust vertrauter Abläufe, mehrere gleichzeitig geöffnete Lebensmittelpackungen oder verdorbene Vorräte.
Auch das Verlegen von Gegenständen an ungewöhnliche Orte, unbezahlte oder doppelt beglichene Rechnungen, Wortfindungs- und Orientierungsprobleme, eine Vernachlässigung der Körperhygiene sowie abendliche Unruhezustände gehören zu den beobachteten Signalen.
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Von einer Demenz abzugrenzen sind jedoch andere Ursachen, die ähnliche Symptome hervorrufen können. Dazu zählen Depressionen, ein Mangel an Vitamin B12, Schilddrüsenerkrankungen, Nebenwirkungen von Medikamenten, Dehydrierung sowie akute Infekte.
Weltweit leben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation rund 57 Millionen Menschen mit einer Demenz, und jährlich kommen fast 10 Millionen neue Fälle hinzu. Die Alzheimer-Krankheit gilt dabei als häufigste Ursache.
Besonderheiten der frontotemporalen Demenz
Veränderte Esspräferenzen spielen auch bei spezifischen Formen des kognitiven Abbaus eine Rolle. Prof. Dr. Anja Schneider vom Universitätsklinikum Bonn nennt veränderte Essgewohnheiten als ein typisches Symptom der frontotemporalen Demenz (FTD), das häufig gemeinsam mit Wesensänderungen im Sozialverhalten, gesteigertem Alkohol- oder Substanzkonsum und starren Routinen auftritt.
Bei Neuerkrankungen vor dem 65. Lebensjahr tritt die FTD laut Schneider ebenso häufig auf wie die Alzheimer-Krankheit; jenseits dieser Altersgrenze dominiert Alzheimer. In Deutschland liegt die Inzidenz über 65 Jahre bei etwa 10 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr.
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Die Diagnose stützt sich auf Angehörigenanamnesen, neuropsychologische Testverfahren, Magnetresonanztomografie (MRT) und gegebenenfalls Positronen-Emissions-Tomografie (PET). Bei etwa 10 bis 15 Prozent der FTD-Fälle liegt eine genetische Ursache vor, und in 10 bis 15 Prozent der Fälle tritt eine Alzheimer-Co-Pathologie auf.
Bei der Verhaltensvariante verteilen sich die zugrundeliegenden Veränderungen zu jeweils etwa der Hälfte auf Tau- beziehungsweise TDP-43-Pathologien. Krankheitsmodifizierende Therapien existieren für FTD bislang nicht; Studien zu Antisense-Oligonukleotiden gegen Tau zeigten in der Alzheimerforschung jedoch positive Biomarker-Ergebnisse.
Praktische Maßnahmen für Angehörige und Pflege
Um Mangelernährung und Gewichtsverlust vorzubeugen, raten Fachleute zu konkreten Anpassungen im Alltag. Kontrastreiches Geschirr und ein aufgeräumter Esstisch ohne visuelle Unruhe erleichtern die Orientierung. Kleinere, dafür häufigere Mahlzeiten sowie Fingerfood, wasserreiches Obst, Puddings und Smoothies mindern Hürden bei der Nahrungsaufnahme.
Wenn sich Bezugspersonen neben statt gegenüber setzen, kann dies das Essen durch Nachahmung anregen. Da Schluckstörungen ein Risiko für Aspirationen bergen, sollten Schluckbeschwerden aufmerksam beobachtet und ärztliche Schluckuntersuchungen frühzeitig in Betracht gezogen werden.
