Demenz bei Tsimané: 3–4× niedriger als im Westen
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 23:44 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine neue Längsschnittstudie, die in der Fachzeitschrift „Alzheimer's & Dementia“ veröffentlicht wurde, liefert detaillierte Einblicke in die kognitive Gesundheit der indigenen Völker Tsimané und Mosetén im bolivianischen Amazonasgebiet.
Wie aus Berichten vom September 2026 hervorgeht, bestätigen die Daten die bereits vor drei Jahren beobachteten niedrigen Demenzraten in diesen Populationen, während sie gleichzeitig neue Erkenntnisse über die spezifischen Krankheitsverläufe und Risikofaktoren liefern.
Längsschnittstudie liefert differenzierte Daten
Die Untersuchung begleitete 730 Erwachsene, die zu Beginn der Studie keine Anzeichen einer Demenz aufwiesen. Über einen Nachbeobachtungszeitraum von rund fünf Jahren dokumentierten die Forscher den kognitiven Zustand der Teilnehmer, deren Durchschnittsalter bei 67,3 Jahren lag. In diesem Zeitraum traten 22 neue Demenzfälle auf, wobei auch verstorbene Teilnehmer in die statistische Auswertung einflossen.
Die Inzidenzrate wurde mit 7,40 Fällen pro 1.000 Personenjahre angegeben. Damit liegt dieser Wert, insbesondere in der Altersgruppe der unter 80-Jährigen, auf einem ähnlichen Niveau wie in den USA oder Nordeuropa.
Ein deutlicher Unterschied zeigt sich jedoch bei der Gesamtprävalenz: Bei der Nachuntersuchung lag die Demenzhäufigkeit bei unter 2 % (zwischen 1 % und 2 %). Dies entspricht einer drei- bis viermal niedrigeren Rate als in westlichen Vergleichsgruppen in Europa und den USA.
Zum Vergleich: In Brasilien liegt die Demenzprävalenz bei den über 60-Jährigen laut Berichten vom 22.09.2026 bei etwa 8,5 %, was rund 2,5 Millionen Menschen betrifft.
Pathologische Besonderheiten und Überlebensraten
Die Studie zeigt signifikante Unterschiede in der klinischen Ausprägung der Erkrankungen im Vergleich zu industrialisierten Gesellschaften. Bei den betroffenen Personen traten Störungen der Aufmerksamkeit, des Denkens und der Ausführung häufiger auf als der für Alzheimer typische Gedächtnisverlust. Viele Fälle wiesen eher vaskuläre oder parkinsonoide Anzeichen auf, etwa infolge von Schlaganfällen oder Parkinson-Symptomen.
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Blutuntersuchungen ergaben zwar eine erhöhte Konzentration der Neurofilament-Leichtkette, jedoch ließen sich keine der sonst üblichen Amyloid- oder Tau-Anomalien feststellen, die charakteristisch für die klassische Alzheimer-Pathologie sind.
Ein kritischer Aspekt ist die Mortalität: Demenzpatienten in diesen indigenen Gruppen hatten ein mehr als sechsfach erhöhtes Sterberisiko gegenüber kognitiv Gesunden. Zudem war die mittlere Überlebenszeit nach einer Diagnose zwei- bis dreimal kürzer als bei Patienten in den USA. Als Hauptrisikofaktoren wurden neben dem hohen Alter die genetische Variante APOE-?4 identifiziert.
Lebensstil und biologische Schutzfaktoren
Die Tsimané, ein Stamm von etwa 17.000 Menschen, führen ein Leben, das von Jagd, Fischfang und Landwirtschaft geprägt ist, was eine hohe körperliche Aktivität erfordert. Die rund 3.000 Angehörigen der Mosetén leben überwiegend von Subsistenzlandwirtschaft, verfügen jedoch über einen etwas besseren Zugang zu sauberem Wasser, medizinischer Grundversorgung und in Läden erhältlichen Lebensmitteln.
Bei beiden Völkern sind Zivilisationskrankheiten wie Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Diabetes nahezu nicht vorhanden. Fachleute sehen in dem ballaststoffreichen, fettarmen Lebensstil ohne raffinierten Zucker sowie der extremen körperlichen Betätigung wesentliche Schutzfaktoren.
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Eine frühere CT-Studie an 746 Tsimané im Alter zwischen 40 und 94 Jahren hatte bereits gezeigt, dass der Hirnvolumenverlust im Alterungsprozess bei ihnen um 70 % geringer ausfiel als in drei industrialisierten Populationen in den USA und Europa.
Forschungsmethodik und künftige Schwerpunkte
Die Studie, die unter anderem von der National Science Foundation (NSF) und den National Institutes of Health (NIH) finanziert wurde, nutzte für die Erhebung kulturell und sprachlich angepasste Tests in den Sprachen Tsimané oder Spanisch. Wissenschaftler weisen darauf hin, dass die Interpretation der Ergebnisse durch eine hohe Pathogenexposition und die kürzere Überlebenszeit der Betroffenen erschwert wird.
In künftigen Forschungsschritten soll das komplexe Zusammenspiel von Genetik, Ernährung, sozialer Interaktion und der hohen Belastung durch Krankheitserreger genauer untersucht werden. Hierfür ist der Einsatz detaillierterer bildgebender Verfahren des Gehirns sowie neuer Blutbiomarker geplant, um die Ursachen für die außergewöhnliche kognitive Widerstandsfähigkeit dieser Völker weiter zu entschlüsseln.
