Demenz: 45 Prozent der Fälle lassen sich vermeiden oder verzögern
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 13:53 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Vergesslichkeit wird im Alter häufig als unausweichliche Begleiterscheinung wahrgenommen, doch Fachleute stellen klar: Zunehmende Gedächtnisstörungen sind kein normaler Alterungsprozess. Eine verzögerte Diagnose erhöht das Risiko für schwerwiegende Einbußen an Lebensqualität und erschwert rechtzeitige Hilfen. Aus diesem Grund gelten Aufklärung, Beratung und eine frühzeitige medizinische Abklärung als essenziell.
Die Rolle der frühen Abklärung und neue Therapieoptionen
Die Klinik für Neurologie und Neurophysiologie des Universitätsklinikums Freiburg unter Leitung von Prof. Dr. Heinz Wiendl rät dazu, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, sobald Gedächtnisprobleme den gewohnten Alltag beeinträchtigen.
Seit September 2025 stehen am Universitätsklinikum Freiburg mit Donanemab und Lecanemab erstmals therapeutische Optionen zur Verfügung, die bei einer Alzheimer-Erkrankung im Anfangsstadium das Fortschreiten verlangsamen können. Eine Heilung ermöglichen diese Präparate allerdings nicht.
Der Einsatz dieser Medikamente ist an strenge medizinische Voraussetzungen geknüpft. Notwendig sind ein nachgewiesenes frühes Stadium der Erkrankung sowie eine umfassende neurologische und genetische Diagnostik. Zudem dürfen die betroffenen Patienten keine starken Blutverdünner einnehmen.
Beeinflussbare Risikofaktoren und Prävention
Neben medikamentösen Ansätzen spielt die Vorbeugung eine wesentliche Rolle. Zu den beeinflussbaren Risikofaktoren zählen regelmäßige Bewegung, das Nichtrauchen, die Behandlung von Diabetes und Bluthochdruck sowie geistige und soziale Aktivität. Laut dem Bericht der Lancet Commission 2024 gehören zudem Depressionen und soziale Isolation zu den insgesamt 14 modifizierbaren Risikofaktoren.
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Theoretisch ließen sich rund 45 Prozent der weltweiten Demenzfälle verzögern oder verhindern, wenn alle Risikofaktoren konsequent angegangen würden. Gleichzeitig betont der Bericht, dass Einsamkeit und Depressionen nicht automatisch in eine Demenz münden.
Auch das Hörvermögen steht im Fokus der Prävention. Nach Angaben der Bundesinnung der Hörakustiker besteht ein klarer Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und kognitivem Abbau; Studien deuten darauf hin, dass der frühzeitige Ausgleich von Hörverlusten das Demenzrisiko senken kann. Regelmäßige Hörtests werden daher empfohlen.
Für die Früherkennung erforscht die Wissenschaft auch neue Indikatoren. Eine Untersuchung der Washington University School of Medicine in St. Louis mit 298 Teilnehmenden im Durchschnittsalter von 75 Jahren zeigte über einen Zeitraum von 40 Monaten, dass ein verändertes Fahrverhalten beginnende Einschränkungen abbilden kann.
Bei den Probanden – 242 kognitiv gesund, 56 mit einer leichten kognitiven Störung – sagte das Fahrverhalten Einschränkungen mit rund 82 Prozent Genauigkeit voraus, in Kombination mit demografischen Daten stieg der Wert auf bis zu 87 Prozent. Die Forschenden schränkten jedoch ein, dass die untersuchte Stichprobe klein und wenig divers war.
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Unterscheidung von Begleiterkrankungen und gesellschaftliche Kosten
Nicht jede kognitive Einschränkung beruht auf Alzheimer. Der Normaldruckhydrozephalus, umgangssprachlich als Altershirndruck bezeichnet, tritt vorwiegend ab dem 70. Lebensjahr auf und ist durch die Hakim-Trias aus Gangstörungen, geistigen Veränderungen und Blasenfunktionsstörungen gekennzeichnet.
Schätzungen zufolge könnten etwa sechs Prozent aller Demenzfälle auf diesen Zustand zurückzuführen sein, doch über 80 Prozent der Fälle bleiben unerkannt oder unbehandelt. Mittels MRT oder CT sowie einem Nervenwassertest lässt sich der Zustand diagnostizieren und über das Einsetzen eines Shunts behandeln, was besonders die Gangstörungen häufig deutlich bessert.
Die gesellschaftlichen Dimensionen sind erheblich. Eine Metastudie unter Leitung von Prof. Dr. Richard Dodel an der Universität Duisburg-Essen im Journal of Alzheimer’s Disease beziffert die jährlichen gesellschaftlichen Kosten von Demenzerkrankungen in hochentwickelten europäischen Staaten auf 221,4 Milliarden Euro, was durchschnittlich 25.218 Euro pro betroffener Person entspricht. Dabei entfallen 58 Prozent der Kosten auf die informelle Pflege durch Angehörige und 42 Prozent auf direkte pflegerische und medizinische Leistungen.
Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz, davon 1,7 Millionen ab 65 Jahren, während über 100.000 Betroffene jünger als 65 Jahre sind. Bei den 60-Jährigen ist jeder Hundertste betroffen, bei den 80-Jährigen jeder Achte und bei den über 90-Jährigen mehr als jeder Dritte.
Bis zum Jahr 2050 wird mit einem Anstieg auf 2,3 bis 2,7 Millionen Betroffene gerechnet. Für Beratung steht unter anderem das bundesweite Alzheimer-Telefon unter 030-259 37 95 14 zur Verfügung. Auch in Österreich leben Schätzungen zufolge rund 170.000 Demenzbetroffene.
