Demenz, Fälle

Demenz: 45 Prozent aller Fälle durch Lebensstil vermeidbar

Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 19:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Mehr Demenzfälle und hohe Pflegekosten belasten Familien, während Bluttests und neue Medikamente Chancen für frühere Behandlung eröffnen.

Demenz weltweit: Versorgungslücken treffen auf Fortschritte bei Therapie
Ein ruhiger, sonnendurchfluteter Raum in einer modernen Pflegeeinrichtung mit Blick in einen Garten. Illustration mit AI erstellt.

Anlässlich des Weltalzheimertags rücken internationale Gesundheitsbehörden und Hilfsorganisationen die globalen Herausforderungen durch Demenzerkrankungen in den Fokus. Während die medizinische Forschung Fortschritte bei der Früherkennung und medikamentösen Therapie verzeichnet, weisen Wohlfahrtsverbände auf erhebliche Defizite in der sozialen Betreuung und Finanzierung hin.

Globale Verbreitung und ökonomische Auswirkungen

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind weltweit mehr als 57 Millionen Menschen von Demenz betroffen, wobei rund 37 Millionen Fälle auf die Alzheimer-Erkrankung entfallen. Prognosen für das Jahr 2050 gehen von einem Anstieg auf bis zu 139 Millionen Betroffene aus. Besonders betroffen sind laut statistischen Erhebungen Frauen, die fast zwei Drittel der Erkrankten ausmachen.

In Europa belaufen sich die jährlichen gesellschaftlichen Kosten für Demenzerkrankungen auf schätzungsweise 221,4 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 58 Prozent auf die informelle Pflege durch Angehörige und 42 Prozent auf direkte medizinische oder pflegerische Leistungen. In Luxemburg wurden für das Jahr 2025 insgesamt 9.205 Betroffene statistisch erfasst, was etwa 1,35 Prozent der dortigen Bevölkerung entspricht.

Versorgungssituation und Forderungen in Österreich

In Österreich leben derzeit rund 170.000 Menschen mit Demenz. Bis zum Jahr 2050 wird laut Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) mit einem Anstieg auf mehr als 290.000 Personen gerechnet. Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich, kritisierte anlässlich einer Pressekonferenz das mangelnde Angebot an leistbarer Tagesbetreuung. Von den bundesweit 260 existierenden Zentren betreibt die Diakonie elf Einrichtungen.

Aktuell nutzen lediglich 2 Prozent der Pflegegeldbezieher solche Betreuungsangebote. Als wesentliche Hürde gelten die regional stark schwankenden Kosten: Für nahezu identische Leistungen liegen die Tagessätze zwischen 25 und 80 Euro. Bianca Friedrich-Hess bezifferte die tatsächlichen Gesamtkosten der Tagesbetreuung auf fast 120 Euro, wobei der größte Anteil auf den Fahrtendienst entfalle.

Die Diakonie fordert daher bundesweite Obergrenzen bei den Kosten sowie den Ausbau zu Demenz-Kompetenzzentren. Zwar sieht ein Pflegevorsorgebericht des Sozialministeriums einen Ausbau der Kapazitäten um 36 Prozent vor, dieser gilt jedoch aufgrund möglicher Sparmaßnahmen als gefährdet.

Fortschritte in Diagnostik und medikamentöser Therapie

Die diagnostischen Möglichkeiten haben sich in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. In Österreich sind seit September 2024 sukzessive Bluttests verfügbar geworden, die Biomarker wie Amyloid-Beta und phosphoryliertes Tau-Protein messen. Diese Tests können Veränderungen im Gehirn bis zu 15 Jahre vor dem Auftreten erster Symptome nachweisen.

Ein negativer Befund bedeutet laut Experten wie Christian Bancher eine Wahrscheinlichkeit von rund 97 Prozent, dass in den folgenden Jahren keine demenzielle Entwicklung eintritt. Die Kosten für diese Privatleistung liegen zwischen 100 und 175 Euro.

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Im Bereich der Therapie wurden im Jahr 2025 die Antikörper Lecanemab (Leqembi) und Donanemab in der Europäischen Union zugelassen. Diese Medikamente zielen darauf ab, Plaque-Ablagerungen im Gehirn abzubauen. Erste Langzeitdaten über drei Jahre deuten auf eine Verlangsamung des Krankheitsverlaufs um etwa sechs bis neun Monate hin.

Allerdings kommen diese Therapien nur für einen kleinen Teil der Patienten infrage – schätzungsweise 5 bis 10 Prozent der Betroffenen, die sich in einem sehr frühen Stadium befinden. In Deutschland werden derzeit etwa 1.500 Patienten mit diesen Präparaten behandelt.

Experten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) sehen jedoch bisher keinen belegten Zusatznutzen gegenüber etablierten Behandlungsmethoden. Zudem werden erhebliche Kosten diskutiert; in Großbritannien liegen die Schätzungen für eine Behandlung zwischen 50.000 und 80.000 Pfund pro Jahr.

Prävention und soziale Teilhabe

Wissenschaftliche Untersuchungen, unter anderem der Med Uni Graz, unterstreichen die Bedeutung des Lebensstils. Schätzungsweise 45 Prozent aller Demenzerkrankungen gelten durch Faktoren wie Bewegung, Ernährung, soziale Kontakte und die Behandlung von Hör- oder Sehschwächen als potenziell vermeidbar.

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Initiativen zur sozialen Teilhabe gewinnen an Bedeutung. Projekte wie „Mehr (er)leben“ der Malteser in Berlin ermöglichen Betroffenen den Zugang zu Kultur und Freizeit, etwa durch speziell konzipierte Zooführungen.

Auch regionale Vernetzungen wie die „Tour Demenz“ im Bergischen Land oder die Veröffentlichung eines kostenlosen Demenz-Comics durch die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) zielen darauf ab, die Sensibilisierung im Alltag zu erhöhen und Angehörige zu entlasten.

Eine Wirkungsanalyse der FH Oberösterreich und des Diakoniewerks Wels bestätigte, dass soziale Teilhabe den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen kann und bei 89 Prozent der befragten Angehörigen zu einer emotionalen Entlastung führt.

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