Datenzentren unter Druck: 75 Projekte im Wert von 130 Mrd. Dollar blockiert
20.06.2026 - 09:47:46 | boerse-global.de
Von Gewaltandrohungen bis zu Baustopps: Der Kampf um Datenzentren eskaliert weltweit.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat eine eindringliche Warnung ausgesprochen: Linksextremisten und ausländische Akteure nehmen zunehmend Datenzentren und KI-Infrastruktur ins Visier. Die Behörde sieht darin eine wachsende Bedrohung für die digitale Souveränität Deutschlands. Extremistische Gruppen betrachten die Anlagen demnach als Symbole „unternehmerischer Digitalmacht". Besonders brisant: Die Sicherheitsbehörden zeigen sich alarmiert über den Schutz kritischer Infrastruktur in ländlichen Regionen, etwa in Brandenburg, wo Aktivisten jüngst zu Aktionen gegen große Rechenzentrumsprojekte aufriefen.
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Gewaltwelle in den USA
Die Warnung aus Deutschland fällt mit einer Serie gewalttätiger Vorfälle in den USA zusammen. Erst Anfang Juni wurden fünf Personen festgenommen, die im Zusammenhang mit einer Veranstaltung des Weißen Hauses einen Mordanschlag geplant haben sollen. Als Hauptmotiv nannten die Ermittler den hohen Wasserverbrauch von Datenzentren.
Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Bereits im April wurde ein Molotowcocktail-Anschlag auf das Wohnhaus von OpenAI-CEO Sam Altman verübt. In Indianapolis feuerte ein Unbekannter 13 Schüsse auf das Haus eines Stadtratsmitglieds ab – nachdem dieses für ein lokales Datenzentrum-Projekt gestimmt hatte. In Michigan trat im Mai ein Schatzmeister zurück, nachdem er Morddrohungen erhalten hatte.
Die Stimmung in der Bevölkerung ist aufgeheizt. Laut einer Gallup-Umfrage lehnen 71 Prozent der Amerikaner den Bau von Datenzentren in ihrer Nachbarschaft ab. Marktanalysten zählen inzwischen über 830 aktive Bürgerinitiativen gegen solche Projekte – doppelt so viele wie noch vor einem Jahr.
Kommunen ziehen die Notbremse
Die lokale Politik reagiert mit drastischen Maßnahmen. In Holyoke, Massachusetts, stimmte der Stadtrat am 19. Juni mit 9:4 Stimmen für ein Verbot von KI-Datenzentren mit mehr als 12 Megawatt Leistung. Ein geplantes 20-Megawatt-Projekt, das täglich schätzungsweise 250.000 Gallonen Wasser benötigt hätte, wurde damit gestoppt – obwohl der Entwickler jährliche Steuereinnahmen von zwei Millionen Dollar in Aussicht stellte.
Holyoke ist kein Einzelfall. Mansfield erließ im Mai ein nahezu vollständiges Verbot, Lowell verhängte im März ein einjähriges Moratorium. Seattle zog am 9. Juni nach. Die wirtschaftlichen Folgen sind gewaltig: Branchenberichten zufolge wurden im ersten Quartal 2026 75 Datenzentrum-Projekte im Wert von rund 130 Milliarden Dollar blockiert oder verzögert.
In Seattle sorgte zudem ein Fall für Aufsehen: Drei Amazon-Ingenieure behaupten, von ihrem Arbeitgeber überprüft worden zu sein, nachdem sie sich vor dem Stadtrat für strengere Regulierungen ausgesprochen hatten.
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Klimarisiken treiben Versicherungskosten in die Höhe
Doch nicht nur sozialer und politischer Widerstand setzt die Branche unter Druck. Die Anfälligkeit für Umweltkatastrophen ist erschreckend hoch. Laut Daten von First Street befinden sich 79 Prozent der weltweiten Datenzentrum-Kapazitäten in Regionen mit erhöhtem Risiko für Überschwemmungen, Waldbrände oder Sturmschäden. 54 Prozent liegen in Gebieten mit chronischem Klimastress wie extremer Hitze und Dürre.
Besonders betroffen ist der asiatisch-pazifische Raum mit 89 Prozent gefährdeter Kapazität. In den USA liegen 20 Prozent der geplanten Anlagen in New Jersey in Überschwemmungszonen. Die Versicherungswirtschaft reagiert bereits: Swiss Re prognosticiziert einen Anstieg der Prämien von 10,6 Milliarden auf 24,2 Milliarden Dollar bis 2030.
Geopolitische Verwerfungen
Die Debatte um die Infrastruktur wird zusätzlich durch nationale Sicherheitsinteressen angeheizt. Mitte Juni verhängte die US-Regierung Exportkontrollen auf die KI-Modelle „Fable 5" und „Mythos 5" des Unternehmens Anthropic. Begründung: Die Modelle seien anfällig für „Jailbreaking"-Angriffe, die Sicherheitslücken offenlegen könnten.
Präsident Trump erklärte zwar am 19. Juni, er sehe Anthropic nach einer „verantwortungsvollen" Reaktion der Unternehmensführung nicht mehr als primäre Sicherheitsbedrohung. Doch der anfängliche Exportstopp hatte bereits für erhebliche internationale Spannungen gesorgt.
Europäische Regierungen nutzen die Gelegenheit, um mehr „KI-Souveränität" einzufordern. Die Bundesregierung vergab im Mai 250 Millionen Euro für eine souveräne KI-Cloud an ein Konsortium aus T-Systems und SAP – bewusst ohne US-Hyperscaler, um die Datenhoheit zu wahren.
