Darmmikrobiom, Cell-Studien

Darmmikrobiom: Zwei Cell-Studien zeigen weniger Vielfalt durch Industrialisierung

Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 09:35 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Forschungsteams dokumentieren geringere mikrobielle Vielfalt, instabilere Netzwerke und größere Bakteriengenome in industrialisierten Bevölkerungen.
Mikroskopische Aufnahme einer komplexen organischen Struktur, die die Vielfalt des menschlichen Mikrobioms symbolisiert. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Untersuchungen liefern neue Einblicke in die tiefgreifenden Veränderungen des menschlichen Mikrobioms durch die moderne Lebensweise.

Zwei parallel im Fachjournal Cell erschienene Studien von Forschungsteams der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) um Mathilde Poyet und Mathieu Groussin sowie dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) um Eric Alm und der Global Microbiome Conservancy (GMbC) belegen eine drastische Verarmung und Vereinheitlichung der mikrobiellen Vielfalt im Darm. Die Daten zeigen, dass Menschen in Industriezentren wie Kiel und Kuala Lumpur inzwischen erstaunlich ähnliche Bakterienarten aufweisen.

Verlust von Vielfalt und Stabilität im Verdauungstrakt

Die am 3. November 2026 veröffentlichte Untersuchung unter Leitung von Poyet analysierte Proben von 1.015 Erwachsenen an 35 Orten in 12 Ländern. Demnach geht ein höherer Industrialisierungsgrad mit einer verringerten bakteriellen Diversität, ähnlicheren Mikrobiomstrukturen und einer schwächeren Netzwerkstabilität einher.

Die bakteriellen Netzwerke weisen weniger funktionale Ausweichmöglichkeiten auf, was sie anfälliger für Störungen macht und zur Entstehung von Zivilisationskrankheiten beitragen könnte.

Dabei zeigten sich signifikante physiologische Unterschiede: Bei Probanden aus industrialisierten Gesellschaften lag das fäkale sekretorische Immunglobulin A (sIgA) im Durchschnitt mehr als doppelt so hoch wie bei nicht-industrialisierten Vergleichsgruppen. Das Darmstress anzeigende fäkale Chromogranin A (CgA) fiel sogar mehr als achtmal höher aus.

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Für das Entzündungsmarker-Protein Calprotectin im Stuhl zeigte sich hingegen kein konsistenter Gesamtzusammenhang. Eine detaillierte Sequenzierung bei 283 Personen ergab zudem, dass bei Probanden aus industrialisierten Regionen vermehrt stark IgA-beschichtete Taxa auftraten.

Gleichzeitig stellte sich heraus, dass gängige Vorhersagemodelle wie der Gut Microbiota Health Index (GMHI) bei traditionell lebenden Gruppen versagten; der Median lag in sechs Ländern bei 0, womit sich die Modelle kaum auf nicht-industrialisierte Bevölkerungen übertragen lassen.

Genetische Anpassung und Übertragbarkeit von Bakterien

Die parallel durchgeführten Analysen der Kieler Forschenden und des MIT stützen sich auf die GMbC-Biobank, für die mehr als 10.000 Bakterienstämme aus über 450 Artengruppen kultiviert und sequenziert wurden.

In einer am 2. November 2026 online publizierten Arbeit verglichen die Wissenschaftler zehn ausgewählte Bakterienarten und stellten fest, dass der industrialisierte Lebensstil die bakteriellen Genome vergrößert. Ursache hierfür ist ein verstärkter horizontaler Gentransfer (HGT), der die genomische Plastizität erhöht.

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Die von den Bakterien synthetisierten Proteine nahmen bei allen untersuchten Arten mit fortschreitender Industrialisierung zu. Die hinzugewonnenen Gene betreffen insbesondere die Stressantwort, den Umbau der Zellhülle zur Interaktion mit dem angeborenen Immunsystem sowie den Aminosäureabbau. Zudem erwiesen sich Bakterienstämme aus industrialisierten Populationen als leichter auf andere Menschen übertragbar.

Methodisch zeigte der Vergleich zwischen Metagenom-Rekonstruktionen und tatsächlichen Isolaten erhebliche Unterschiede: Metagenom-assemblierte Genome (MAG) bildeten oft nur etwa halb so große Genome ab wie echte Isolate, wodurch horizontal übertragene Gene und funktionelle Elemente zuvor weitgehend unerkannt blieben.

Die Forschenden konzentrieren sich bei der GMbC-Biobank künftig verstärkt auf Proben traditionell lebender Populationen, um möglicherweise wertvolle mikrobielle Ressourcen für den Erhalt der Gesundheit zu sichern.

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