Darmmikrobiom: Stanford-Studie findet 60 Prozent seltener Arten in Industrieländern
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 11:42 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle wissenschaftliche Untersuchungen verdeutlichen, dass im Zuge der Industrialisierung zahlreiche Spezies der menschlichen Darmmikrobiota verschwunden sind oder in modernen Gesellschaften nur noch selten vorkommen.
Wie tiefgreifend sich die Zusammensetzung der Mikroorganismen im Verdauungstrakt im Vergleich zu traditionell lebenden Populationen verändert hat, zeigt unter anderem eine am 7. Oktober 2026 im Fachjournal Nature veröffentlichte Untersuchung der Stanford University.
Vergleichende Mikrobiom-Analysen indigener Gemeinschaften
Für die Untersuchung verglichen die Forschenden der Stanford University die Darmmikrobiome von zwei geografisch weit voneinander entfernten Gruppen mit nicht-industrieller Lebensweise: den Tsimane, die im bolivianischen Tiefland Ackerbau betreiben, und den Hadza, einer Jäger- und Sammler-Gemeinschaft in Tansania.
Bei den Tsimane wurden 85 Erwachsene und 133 Stuhlproben untersucht. Dabei identifizierte das Team insgesamt 1.408 Mikrobenarten, von denen 1.231 auch bei den Hadza vorkamen.
Der Vergleich zeigte eine bemerkenswerte Übereinstimmung: 87 % beziehungsweise 87,4 % der Mikroorganismen-Arten erwiesen sich in beiden Populationen als identisch. Rund 60 % dieser gemeinsamen Arten fehlen jedoch in der Darmmikrobiota industrialisierter Länder oder sind dort nur noch in sehr geringer Zahl nachweisbar.
Einige der identifizierten Mikroben werden der sogenannten VANISH-Gruppe zugeordnet, die typischerweise bei traditionellen Lebensweisen häufig auftritt, in Industrieländern jedoch extrem selten geworden ist. Die Übertragung dieser Mikroben erfolgt in der Regel über die tägliche Interaktion innerhalb der Gemeinschaft.
Bereits eine frühere Stanford-Studie aus dem Jahr 2023 hatte erhebliche Unterschiede dokumentiert: Während Menschen in Kalifornien im Durchschnitt 277 Mikrobenarten im Darm aufwiesen, lag der Mittelwert bei den Hadza bei 730 Arten.
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Jahrtausende alte Isolationslinien im Mikrobiom
Neben dem Vorkommen der Spezies untersuchten die Forschenden auch deren evolutionäre Entwicklung. Eine genetische Analyse von 636 Mikroorganismen-Arten mit ausreichenden Genomdaten ergab, dass sich bei 545 Arten keine Hinweise auf einen kürzlichen gemeinsamen Vorfahren zwischen den Hadza und den Tsimane fanden.
Demnach gab es in den vergangenen 5.000 Jahren keinen Austausch von Stämmen zwischen den beiden Gruppen. Rund 94 % der eng verwandten Bakterienpaare, die sich in den vergangenen 5.000 Jahren auseinanderentwickelten, gehören zu Stämmen von nur einer der beiden Gemeinschaften.
Die genetische Isolation zwischen den Populationen datiert im Median auf rund 17.000 Jahre vor heute. Dieses Ergebnis steht im Einklang mit prähistorischen menschlichen Migrationsbewegungen, womit sich die Wanderungsspur von Afrika nach Amerika im Mikrobiom nachvollziehen lässt.
Mögliche Risiken und offene Fragen zur Darmgesundheit
Als wesentliche Ursachen für den Wandel des Darmmikrobioms in modernen Industriegesellschaften gelten der Einsatz von Antibiotika, der Konsum von ultraverarbeiteten Lebensmitteln sowie moderne Hygienestandards. Welche konkreten gesundheitlichen Folgen das Fehlen oder die Seltenheit bestimmter Arten hat, ist wissenschaftlich jedoch noch nicht abschließend geklärt.
Der Senior-Autor der Stanford-Studie, Justin Sonnenburg, betonte, dass der Verlust an Biodiversität erhebliche Probleme für die menschliche Biologie bedeuten könnte, und stufte diesen Rückgang als potenziellen Gesundheitsrisikofaktor ein.
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Die Studienautoren sehen zudem einen möglichen Zusammenhang zwischen den Verlusten und dem Auftreten von chronischen Entzündungen sowie Stoffwechselstörungen, wenngleich dies bislang nicht eindeutig bewiesen ist.
Der nicht an der Studie beteiligte Forscher Andrew Moeller von der Princeton University merkte an, dass diese Hypothese zwar interessant, aber noch unbewiesen sei. Das Mikrobiom-Profil industrialisierter Gesellschaften könne durchaus eine vorteilhafte Anpassung an den modernen Lebensstil darstellen.
Moeller hob hervor, dass die Identifizierung jener Bakterien, die den Menschen am längsten begleitet haben, der erste notwendige Schritt sei, bevor bewertet werden könne, welche Arten gegebenenfalls wieder angesiedelt werden sollten.
Die Untersuchung belegt derweil nicht, dass ein traditionelles Mikrobiom grundsätzlich gesünder ist, weshalb weitere Forschung zu den physiologischen Mechanismen erforderlich bleibt.
